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Kornwestheim Zum Abschied fließen auch die Tränen

Werner Waldner, vom 27.12.2017 10:42 Uhr
Ein letztes Mal: Hermann Wagner (zweiter von rechts) begrüßte gestern viele Besucher in seiner Ausstellung Foto: Peter Mann
Ein letztes Mal: Hermann Wagner (zweiter von rechts) begrüßte gestern viele Besucher in seiner Ausstellung Foto: Peter Mann

Kornwestheim - Da steht er nun, Hermann Wagner. Auf seinem Kopf ein weiterer Mann, links und rechts klammern sich zwei Männer mit ihren Beinen um seinen Bauch, Wagner sichert sie zusätzlich mit seinen Armen. Das Foto, das diese Szene zeigt, bekam der Heimatforscher gestern Nachmittag von einem Besucher geschenkt – ein Bild aus Zeiten, als Wagner sich noch nicht um Heimatgeschichte kümmerte, sondern als Ringer sportlich aktiv war und für die Weihnachtsfeier des Vereins trainierte. Dem 80-Jährigen stehen die Tränen in den Augen – nicht nur ob dieser schönen Erinnerung und dieses ungewöhnlichen Dankeschöns, sondern weil die Menschen den ganzen Nachmittag über in die Stadtgeschichtliche Sammlung strömen, um ein letztes Mal einen Blick auf das einzigartige Sammelsurium aus der Kornwestheimer Geschichte zu werfen. Der Verein für Geschichte und Heimatpflege muss den Standort an der Mühlhäuser Straße aufgeben, weil das Haus abgerissen wird, und mit seiner umfangreichen Sammlung in die alte Stadtbücherei an der Kantstraße umziehen.

So viele Besucher, erzählt Wagner, habe er in den vergangenen Jahren selten gehabt. Noch einmal erzählt er die Geschichten, die sich hinter den einzelnen Exponaten verbergen. Was hat es mit den Orgelpfeifen auf sich? Warum liegt ein Skelett im Glaskasten in der Ecke? Woher stammen die vielen Bilder? Wagner kennt die Hintergründe und gibt sie bereitwillig preis.

Wie viele Gruppen er in den vergangenen 40 Jahren durch die Sammlung geführt hat, das vermag er nicht zu sagen. Aber er habe sich all die Stunden aufgeschrieben, die er in der Sammlung verbracht habe, erzählt der 80-Jährige. Und wie viele sind es? „Wenn ich nichts zu tun habe, dann zähle ich sie mal zusammen.“ Am Aufbau der Sammlung in der alten Stadtbücherei will er sich nicht beteiligen, zumindest nicht an vorderster Stelle, sagt er. Aber natürlich stehe er mit seinem Wissen und mit Rat zur Seite, wenn er gefragt werde.

Gestern wurde er noch einmal viel gefragt. Sogar Gäste aus den USA kamen in die Mühlhäuser Straße, um in die Kornwestheimer Historie einzutauchen. Die Kinder durften natürlich fast alles anfassen. Etwas verstehen, so Wagners Credo, komme von „begreifen“. Die Besucher selbst können aber auch viel erzählen, ­berichten davon, wie sie im Schuhhaus Schantz in dem kleinen Karussell ihre Runden gedreht haben, das nun in der Stadt­geschichtlichen Sammlung steht.

Eine Würdigung seines ehrenamtlichen Engagements findet Wagner im Gästebuch, in das sich eine Reihe von Besuchern gestern eingetragen haben. „Herzlichen Dank, Herr Wagner, für diese wunderbare Sammlung, die Sie nicht für sich, sondern für die Bürger der Stadt Kornwestheim in Jahrzehnten aufgebaut haben.“ Und zur Führung schreibt ein anderer Besucher: „Man hat in jedem Satz die Leidenschaft gespürt, die zu dieser vielseitigen Sammlung ­geführt hat.“ Und ein Besucher gibt dem Heimatforscher mit auf den Weg: „Bleiben Sie ein mutiger Mann.“