Kornwestheim Zwischen Ratsprotokollen und Entnazifizierungsakten

Von
Professor Thomas Großbölting forscht über Kornwestheim, vor, während und nach der NS-Zeit. Foto: Susanne Mathes

Kornwestheim - Theodor Steimle, Alfred Kercher, Nathanael Schulz, Otto Trefz, Ernst Sigle: Namen wie diese gehen Thomas Großbölting inzwischen ganz selbstverständlich über die Lippen. Bürgermeister, NSDAP-Kreisleiter, Fabrikanten: Die Personen, die zwischen den 1930er- und den 1950er-Jahren in Kornwestheim ihre jeweiligen Rollen fürs Stadtgeschehen spielten, begleiten den Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Münster seit rund einem halben Jahr. Er spürt ihren Geschichten nach, ihren Einstellungen, ihrem Verhalten zwischen Weimarer Republik, NS-Diktatur und bundesrepublikanischen Anfangsjahren – und den Auswirkungen, die das damals aufs kommunale Geschehen hatte.

Doch Schlaglichter auf Einzelne zu werfen, das steht nicht im Fokus der Recherchen, die der 44-Jährige im Auftrag der Stadt anstellt und die schlussendlich in einem Buch münden sollen. Es geht vielmehr darum, ein Bild davon zu erhalten, wie der Nationalsozialismus hier Fuß fasste und wie sich die Menschen damit arrangierten. „Das konnte nur funktionieren, indem der Alltag des größeren, unpolitischen Teils der Bevölkerung zunächst seinen gewohnten Gang weitergehen konnte“, sagt der Historiker. In Teilen wurden die veränderten Gegebenheiten mitgetragen, in Teilen fühlten die Menschen sich davon angesprochen. Es war ein schleichender Prozess: „Der Nationalsozialismus war ja keine geschlossene Ideologie, sondern ein Konglomerat vieler Weltanschauungen. Und gerade in den Wahlkämpfen der 30er Jahre wurde das durchaus funktional eingesetzt.“ Bei der Implementierung der braunen Programmatik wurden je nach Schicht und Zielgruppe gezielt Inhalte transportiert – oder eben auch erst mal unter den Tisch gekehrt.

Das war natürlich nicht nur in Kornwestheim so. Dennoch könne die Forschungsarbeit über Kornwestheim eine sehr eigene Färbung bekommen, sagt Großbölting. Zum Beispiel durch den Aspekt Salamander und die Verflechtung der Firmenoberen mit der Kommunalpolitik, die schon damals mancher kritisch hinterfragt, die der Stadt allerdings auch großzügiges Sponsoring für öffentliche Einrichtungen gebracht habe. „Allerdings recherchiere ich nicht die Salamander-Geschichte selbst, sondern nur die Aspekte, die den Einfluss von Salamander und der Belegschaft auf Kornwestheims Geschichte haben.“ Denn die Salamander-Arbeiterschaft habe durchaus für ein anderes politisches Spektrum gestanden als das eher ins Nationalkonservative gehende Bürgertum.

Wie aber spürt Großbölting Kornwestheims Wege in die NS-Zeit und aus der NS-Zeit heraus auf? Bisher vor allem durch intensives Wälzen von Archivalien. „Kornwestheim hat ein gutes Stadtarchiv. Im Gegensatz zu anderen Städten gab es keine Kriegsverluste, so dass man vieles mitbekommt“, erklärt er. Gerade macht er sich mit Hilfe von Archivarin Natascha Richter ein Bild davon, wer die damaligen Stadträte waren. Ratsprotokolle, Daten aus Vereinen, Verbänden, Kultur und Wirtschaft bringen zusätzliches Licht ins Dunkel.

Durch Entnazifizierungsakten aus dem Staatsarchiv Ludwigsburg verschafft er sich einen Überblick darüber, wer damals zu wessen Gunsten an welchen Rädern drehte, wer sich besonders dafür engagierte, dass SPD und KPD verboten wurden oder wer sich politische Vorteile verschaffte. „Man bekommt ein ganz gutes Gefühl dafür, was die Streitpunkte waren.“ Recherchen im Bundesarchiv und im Document Center in Berlin waren hingegen weniger ergiebig. „Aber auch ein schlechtes Ergebnis ist ein Ergebnis“, meint Großbölting im Hinblick darauf, dass für allfällige weitere Forschungen zu dieser Zeitspanne schon mal klar ist, dass dort im Hinblick auf Kornwestheim-Material Fehlanzeige ist.

Auch das Stuttgarter Landesarchiv und Kirchenarchive wird Großbölting noch konsultieren. Mit der Durchsicht von alten Zeitungen hat er zwei studentische Hilfskräfte beauftragt. Bald möchte er dann mit der zweiten Recherchephase beginnen: mit der Suche nach alten Fotoalben, Berichten, Briefen aus der Bevölkerung. Damit könne eine dichte Beschreibung der damaligen Zeit gelingen und die Forschungsarbeit eine besondere Note erhalten. „Der Pfiff der Lokalstudie wird umso intensiver“, sagt der Historiker, „je mehr sie sich auch aus solchen persönlichen Quellen speist.“

Artikel bewerten
0
loading
 
 

Sonderthemen