Handball Erinnerungen an die Atemnot bleiben

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War an Corona erkrankt: Christopher Tinti (am Ball). Foto: Archiv/Peter Mann

Kornwestheim - Inzwischen klingt er wieder recht fit. Während des Telefonats räuspert sich Christopher Tinti noch ab und zu, ansonsten ist offenbar wieder alles im Lot. Das war in den vergangenen Wochen nicht wirklich der Fall. Tinti, 31 Jahre alt und Kapitän der Kornwestheimer Drittligahandballer, hatte sich mit dem Coronavirus infiziert. Zwar musste der Polizeikommissar, der in Vaihingen/Enz seinen Dienst tut, nicht ins Krankenhaus – komplett aus den Latschen gehauen haben ihn die Erkrankung und alles, was damit einherging, aber allemal. Und das, obwohl Tinti gut und gerne als topfit durchgeht.

Randgeschehen und Symptome

Am Freitag, 16. Oktober, hätte der SVK eigentlich gegen den TSB Heilbronn-Horkheim antreten sollen. Schon zwei Tage zuvor hatte sich Christopher Tinti nach dem Frühdienst nach Hause verabschiedet – er fühlte sich kränklich, alles andere als gut. Für den bevorstehenden Nachtdienst meldete er sich ab. „Und in der Nacht ging es dann richtig los, Schüttelfrost, Husten, Atemnot, Gliederschmerzen, das volle Programm“, berichtet der Rückraumspieler. An Training oder gar die Begegnung am Freitag war nicht zu denken.

„Grippale Infekte oder Sachen in der Art habe ich eigentlich nie“, so Tinti. Schmerzmittel hätten keine geholfen. Und als dann am Freitag der viel genannte Geschmacksverlust einsetzte, schrillten vollends die Alarmglocken: Es könnte eine Covid-19-Infektion sein. Er kontaktierte sämtliche Stellen, die Polizei, den Verein. „Es war aber nicht sicher, wer dann wann getestet wird“, sagt er. Also habe er sich selbst um einen Test bemüht, über Umwege habe das dann auch geklappt. Zu diesem Zeitpunkt fiel schließlich bei SVK und dem Gegner aus Horkheim die Entscheidung, die Partie kurzfristig abzusagen.

Warten und ein zweiter Schub

Dann hieß es: warten. „Die Tage bis zum Sonntag waren richtig übel“, erinnert sich Tinti. Dann fühlte er sich wieder besser – um dienstags von einem zweiten Schub erneut geplättet zu werden. Das Ergebnis des Tests hatte er zu diesem Zeitpunkt übrigens immer noch nicht. Das gab es für Christopher Tinti erst knapp eine Woche nach dem Abstrich – und acht Tage, nachdem er die ersten Symptome gezeigt hatte. „Das war sicher etwas unglücklich“, äußert sich der Handballer diplomatisch, „aber da meldet sich eben jeder, der sich schlecht fühlt.“ Am Donnerstag, 22. Oktober, gab es schließlich die Gewissheit: Tinti hatte sich tatsächlich Covid-19 eingefangen. Natürlich wurde somit auch umgehend das SVK-Auswärtsspiel bei HaSpo Bayreuth abgesagt.

Wer muss in Quarantäne?

Die Personen, mit denen Tinti kurz vor seinen ersten Symptomen längeren und engeren Kontakt gehabt hatte, hatten sich ohnehin bereits überwiegend in Selbstisolation begeben – unter anderem Tintis Freundin, deren Test jedoch negativ ausfiel, sowie die Mannschaft und einige Kollegen. „Man braucht da schon eine Portion Eigenverantwortung“, sagt er. Beim Kontakt mit dem Gesundheitsamt habe ihn auch der SVK unterstützt, lobt der Teamkapitän.

Bilder im Kopf

„Für mich war die Tatsache, dass ich in Quarantäne bin, weniger schlimm – ich lag ja sowieso komplett flach“, sagt Christopher Tinti. Aber man lese sich dann natürlich nebenher in das Thema ein und lande im Internet auf vielen beunruhigenden Seiten. „Dann fängt es an, einen schon mehr zu beschäftigen.“ Man stelle sich logischerweise auch die Frage, wo man sich angesteckt haben könnte. „Handball kann ich fast komplett ausschließen, es sei denn, die Krankheit ist bei einem Teamkollegen vollkommen symptomfrei verlaufen.“ Tinti vermutet daher, sich bei der Arbeit im Kontakt mit Mitmenschen infiziert zu haben.

Auskunftsquelle

Mittlerweile geht es Christopher Tinti wieder gut. Bevor die 3. Handballligen in die „Lockdown-Light-Pause“ geschickt wurden, absolvierte der SVK noch eine Partie gegen den VfL Pfullingen – mit dem Kapitän im Aufgebot. „Aber ich habe die Nachwirkungen noch deutlich gespürt und war alles andere als fit.“ Allerdings darf er nun als Auskunftsquelle für Informationen aus erster Hand ran. „Viele Leute fragen mich jetzt natürlich, wie sich die Krankheit äußert, wie der Verlauf ist, ich merke, dass die Menschen sich Gedanken machen“, sagt Tinti. Er selbst sei schließlich auch „der erste gewesen, den ich kannte, der sich infiziert hat“. Bei ihm selbst ist in Gedanken vor allem die Atemnot hängen geblieben. „Ich war zwar nicht kurz vor dem Ersticken, aber man denkt dann auch an ältere Menschen oder Leute mit Vorerkrankungen.“

Sportliche Erkenntnisse

„Es ist schwer, das auszudrücken“, so Tinti, „ich verstehe, dass die Vereine momentan stark leiden. Aber ich verstehe auch, dass man es hinterfragen kann, dass das Spiel gegen Pfullingen noch vor Zuschauern stattgefunden hat.“ Dass man beim Deutschen Handballbund derzeit darüber debattiert, die 3. Ligen als Profiligen anzusehen, kann er nicht ganz nachvollziehen. „95 Prozent der Spieler machen das als Minijob. Und wir werden natürlich auch nicht alle zwei Tage getestet.“ Er sieht dabei auch die gesellschaftliche Verantwortung: „Meiner Ansicht nach ist es schwer zu vermitteln, dass zum Beispiel die Gastronomie komplett dicht gemacht wird, wir aber vielleicht ab 16. November wieder weitermachen dürfen.“ Klar sei: Die Politik allein könne es nicht richten. „Es braucht mehr Eigenverantwortung.“ Dass die Saison mit 34 Spielen pro Team zu Ende gehe, daran glaubt er nicht mehr. Dass der Amateursport nicht als „Corona-Schleuder“ dasteht, spielt für Tinti keine Rolle. „Jede Sparte sagt doch gerade: ‚Wir sind’s nicht!’. Ich würde für nichts meine Hand ins Feuer legen.“

Persönliche Konsequenzen

Christopher Tinti ist vorsichtiger geworden, trotz einer möglichen Immunität. „Ich achte jetzt noch mehr auf die Regeln“, sagt er – mit Blick auf eine Zeit, die ihm ordentlich an die Nieren gegangen sei.

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