Handball Nachwuchssorgen und Spielabsagen

Von Lars Laucke und Marius Venturini
Die Zahl der Schiedsrichterteams im HVW ist deutlich gesunken. Foto: Archiv (Andreas Gorr)

Kornwestheim - Ein ungewohntes Bild zeigt sich beim Blick auf die Spielpläne des Handballverbandes Württemberg (HVW): Woche für Woche werden Spiele abgesetzt mit der Begründung: „keine Schiedsrichter“.

Das Problem HVW-Verbandsmanager Thomas Dieterich sagt: „Wir haben definitiv zu wenig Schiedsrichter. Das hat sich durch Corona noch einmal verschärft.“ Vorher seien es auf Verbandsebene 78 Teams gewesen, nun noch knapp über 50, da einige aufgehört hätten, aber eben keine neuen dazugekommen seien. „Denn wir konnten ja kaum Lehrgänge abhalten. Es gab ja auch kaum Spiele, also konnten die Teams nicht bewertet und in höhere Kader gestuft werden.“ Aktuell seien durch die 2-G-Regel auch einige ungeimpfte Schiedsrichter weggefallen. „Das gleicht sich allerdings dadurch wieder aus, dass mehr Spiele wegen Coronafällen in den Mannschaften abgesagt werden.“ Zudem wollten sehr viele Vereine am Samstag spielen. „Wer am Sonntag spielt, hat gute Chancen, Schiedsrichter zu bekommen.“

Doch der Mangel ist kein neues Thema seit Corona. „Es waren auch zuvor zu wenig. Da hat man sich aber häufig dadurch beholfen, dass man Spiele in die Bezirke abgegeben hat.“ Wenn also zum Beispiel eine Partie der Württembergliga nicht besetzt werden konnte, wurde ein Team aus der Landesliga hochgezogen. Deren Landesliga-Spiel wurde an die Bezirke weitergegeben, die dann die Schiedsrichter stellen mussten. „Das hat häufig drei oder gar vier Umbesetzungen nach sich gezogen. Von dieser Praxis sind wir aber weggegangen. Es gibt eine klare Kaderzuteilung. Und so kommt’s zu Absetzungen.“

Blick in einen Verein Der SV Kornwestheim muss derzeit 15 Schiedsrichter stellen – und schafft das auch. „Noch“, fügt Schiedsrichterwart Benjamin Schwaderer hinzu. Denn es gebe auch in seinem Verein ein akutes Nachwuchsproblem. „Seit Jahren sind keine Neulinge dazugekommen.“ Früher habe es einige A-Jugendliche gegeben, die sich fürs Schiedsrichterwesen interessiert und irgendwann begonnen hätten, selbst zu pfeifen. „Vielleicht liegt es doch etwas an Corona, viele der jungen Spieler wollen eben einfach nur spielen“, so der 29-Jährige.

Die Ursachen Diese Einschätzung teilt Thomas Dieterich. Er führt zudem aus: „Früher waren Schiedsrichter oft ehemalige Aktive. Das ist weniger geworden, weil zum Beispiel der berufliche Druck größer geworden ist.“ Man habe sich dann mehr auf Jüngere konzentriert. „Die gehen aber aufgrund von Studium oder Beruf häufig verloren.“

Außerdem herrsche auf die Position des Schiedsrichters von je her nicht gerade ein Run. „Es wird einem ja auch nicht immer wohlwollend begegnet“, so Dieterich. Immerhin habe es in jüngerer Vergangenheit keine Fälle mehr gegeben, in denen Schiedsrichter angegangen wurden. „Und bei einer vollen Halle kommen die Kommentare von außen ja oft auch gar nicht an. Viel schlimmer ist es, wenn bei einem Jugendspiel vielleicht 20 E ltern auf der Tribüne sitzen und man jedes Wort versteht. Da gibt es dann schon Fälle, in denen sich junge Schiedsrichter fragen, warum sie sich das noch antun.“

Auch Benjamin Schwaderer versteht, warum die Tätigkeit als Schiri nicht eben angesagt ist – er begründet es aber weniger mit den Pöbeleien („Das ist während Corona sogar noch weniger geworden. Viele sind einfach froh, wenn überhaupt ein Schiedsrichter kommt“), sondern mit der Reiserei. Der SVK stellt ein Team in der A-Jugend-Bundesliga, also müssen auch die Schiedsrichter große Strecken zurücklegen. „Und dann spielt man noch selbst und will vielleicht ein bisschen Freizeit haben.“ Schwaderer kennt das: Er spielt im dritten SVK-Team in der Bezirksliga und pfeift auf Bezirksebene.

Die Lösungsansätze Mittlerweile hat der HVW mit dem „Kinderspielleiter“ und dem „Jugendspielleiter“ Vorstufen zur Schiedsrichterlizenz eingeführt. „Die müssen das Regelwerk nicht so ausführlich kennen. Das können durchaus auch Eltern sein. Das wird jetzt verpflichtend kommen, dass jeder Verein einen Jugendspielleiter haben muss. Und davon wird man sich auch nicht freikaufen können“, sagt Thomas Dieterich, der glaubt, dass dies auch die Ausfallquote verringern wird. „Wenn ich das schon ein paar Jahre als Spielleiter gemacht habe, dann ist die Gefahr geringer, dass ich nach Erwerb der Schiedsrichterlizenz nach kurzer Zeit aufhöre, weil ich merke, dass das nichts für mich ist.“ Auch SVKler Benjamin Schwaderer glaubt, dass man auf diese Weise neue Referees gewinnen könnte. „Wenn nicht die Eltern, dann eher die Jugendspieler selbst.“

Der HVW hat mittlerweile auch die rechtliche Möglichkeit geschaffen, dass Vereine, die zu wenig Schiedsrichter stellen, mit Punktabzug bestraft werden. Man hofft aber, davon keinen Gebrauch machen zu müssen. Derzeit kostet es einen Verein pro Saison 300 Euro pro zu wenig gestelltem Schiedsrichter.

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