Handball „Situation ist für alle Mannschaften gleich“

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Alexander Schurr: Entschlossen, aber was kommt wirklich? Foto: Archiv/Marco Wolf

Kornwestheim - Vor knapp einer Woche wurde offiziell gemacht, was viele bereits vermutet hatten: Die Saison im Handball wurde aufgrund der Corona-Pandemie abgebrochen, mit Aufsteigern, aber ohne Absteiger. Drittligist SVK beendet die Spielzeit als Neunter. Trainer Alexander Schurr versucht sich nun an einer möglichst regulären Gestaltung der Sommerpause – hat aber einige Sorgen.

Herr Schurr, die Saison ist vorbei. Mit welchem Gefühl stehen Sie dem Abbruch gegenüber?

Es war ja keine große Überraschung mehr für die meisten von uns. Das Besondere an der Situation ist, dass nun schon seit Mitte März Stillstand herrscht. In dieser ganzen Zeit der Ungewissheit war der Kontakt zur Mannschaft ja nur noch via Videochat oder Telefon möglich. Das macht das Saisonende natürlich ein bisschen traurig. Wir haben ja doch Dinge gemeinsam erreicht und normalerweise freut sich über die letzten Spiele und geht dann gemeinsam in die Sommerpause. . .

. . .in die man sich nicht persönlich verabschieden kann.

Den ein oder anderen Spieler verabschieden wir ja auch ganz. Dass das nicht möglich war, finde ich besonders traurig. Das sind Dinge, die bleiben uns verwehrt. Die traditionelle Mannschaftsausfahrt findet natürlich ebenfalls nicht statt. Es sind viele Kleinigkeiten, die zu so einer intensiven Saison gehören, die dieses Jahr einfach anders sind.

Ist der Abbruch in Ihren Augen dennoch die richtige Entscheidung?

Ich glaube, dass er alternativlos war, ja. Es stehen uns ja aktuell keine Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung, dann kann auch nicht an einen Spielbetrieb gedacht werden. Und ich sehe, trotz meiner Tätigkeit als Trainer, natürlich auch, welche Wichtigkeit der Handball momentan im Gesamtkontext hat. Er ist keineswegs das Wichtigste auf der Welt. Gleichzeitig ist es aber unsere Aufgabe, die der Spieler und der Coaches, uns damit zu beschäftigen und zu schauen, wie es weitergeht.

Zumindest gab es in der 3. Liga Süd mit dem TuS Fürstenfeldbruck einen verdienten Meister und Aufsteiger. In der 2. Liga herrschte da nicht so viel Einigkeit.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass in unserer Liga irgendjemand anzweifelt, dass Fürstenfeldbruck den Titel absolut verdient hat. Sie haben sich im Saisonverlauf mit Abstand als am stabilsten bewiesen. Eine tolle Mannschaft, die nicht wenige auf dem Schirm hatten. Sie hatten in den vergangenen Jahren Verletzungspech und sind unter ihren Möglichkeiten geblieben. Dieses Jahr konnten sie ihren Kader gut zusammenhalten und haben eine tolle Saison gespielt. Ich wünsche Fürstenfeldbruck in der 2. Liga nur das Beste.

Für Ihr Team geht’s in Liga 3 weiter. Abteilungsleiter Andreas Postl hat betont, dass man nun vor allem nach vorn blicke. Wie geht das, wenn man sich nicht mal persönlich treffen kann?

Eigentlich sitzt nach einer Saison noch das Trainerteam mit der Abteilungsleitung zusammen, zum Abschluss. Dabei lassen wir die Spielzeit Revue passieren. Das wird sicher noch stattfinden, allerdings in digitaler Form. Da gibt es ja ganz gute Möglichkeiten. Mir ist sehr wichtig, dass die Verantwortlichen trotz Corona einen detaillierten Bericht über die Saison bekommen. Da wird dann gemeinsam abgerechnet, welche Ziele haben wir erreicht, welche nicht. Aber im Allgemeinen geht mein Blick schon seit vier bis sechs Wochen voraus.

Weil er vorausgehen muss?

Ja. Die Planung für die neue Saison beginnt üblicherweise Anfang, Mitte März. Der Vorbereitungsbeginn, die geplanten Pausen, mögliche Testspiele, Termin fürs Trainingslager, all diese Dinge stehen schon lange fest.

Aber wie bereitet man sich auf eine Saison vor, von der man nicht weiß, wie, wann und ob sie überhaupt vonstattengeht?

Das kann ich nicht beeinflussen. Wenn die Politik das zulässt, würden wir gerne Mitte Juni mit der Vorbereitung beginnen. Wenn sie es nicht zulässt, sitzen wir im selben Boot wie viele andere auch. Dann brauchen wir ein Alternativszenario, über das wir uns natürlich auch ein Stück weit Gedanken machen. Aktuell ist meine Aufgabe als Cheftrainer, alles, was in meiner Macht steht, zu planen, damit wir so gut es geht in die neue Saison starten können. Wenn uns aber ein Riegel vorgeschoben wird, kann ich als Trainer in Kornwestheim wenig ändern. Nur weil jetzt aber bestimmte Szenarien im Raum stehen, legen wir bestimmt nicht die Stifte aus der Hand.

Das heißt: So sehr unterscheidet sich die jetzige Sommerpause auch nicht von anderen Sommerpausen?

Ich glaube nicht. Zumindest nicht, was das Handballspezifische betrifft. Der Unterschied lag in der Phase bis jetzt. Wir hätten vorgestern das letzte Spiel gegen Balingen 2 gehabt, wären voll im Training gewesen. Alles, was jetzt kommt, läuft wohl relativ ähnlich ab: Die Spieler haben Aufgaben, sich individuell fit zu halten. Und sie haben sich eine Pause verdient, nach der ganzen Zeit der Ungewissheit.

Und der Zeit, in der wahrscheinlich kaum einer einen Handball in der Hand gehabt haben dürfte. . .

Das bereitet mir mehr Sorgen. In einer Mietwohnung kann man nicht oder nur bedingt mit einem Handball herumprellen oder ihn gegen die Wand werfen. Da sind meine Ideen bei den Spielern nicht auf die ganz große Gegenliebe gestoßen (lacht).

Glauben Sie, dass die Spieler lange brauchen, um wieder reinzukommen?

(Überlegt lange) Das weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Als ich nach Kornwestheim kam, hatte die Mannschaft davor schon früh als Drittliga-Aufsteiger festgestanden. Da war auch ein relativ großer Abstand zum Beginn der neuen Vorbereitung. Da hat man schon gemerkt, dass es Defizite gab. Ich glaube, dass wir da körperlich keine Probleme haben werden, weil die Jungs mittlerweile selbst viel machen und ihnen der Sport total fehlt. Da haben wir nun auch ein Verständnis entwickelt, dass jeder Spieler weiß, wie wichtig eigenes Training für ihn ist. Spielerisch wird es da aber auf jeden Fall Defizite geben, weil die Pause jetzt natürlich zu lang ist. Der Handballsport eignet sich natürlich nicht dazu, individuell zu trainieren. Vielleicht hätte man in Kleingruppen weitertrainieren können. Aber das durfte man nicht, und außerdem ist die Situation für alle Mannschaften gleich.

Allerdings setzt der SVK ja fast traditionell auf die mannschaftliche Geschlossenheit statt auf Einzelkönner.

Es ist für uns bedauerlich, wir leben stark davon, dass wir in der Vorbereitung und auch bis zum Ende der Saison sehr konzentriert arbeiten. Aber das liegt jetzt nicht mehr in meiner Hand. Da fühle ich mich ein bisschen gefesselt. Aber noch mal: Ich weiß das alles im Großen und Ganzen auch einzuordnen.

Viele Vereine sind in Zeiten von Corona von finanziellen Einbußen betroffen. Auch der SVK hat in den Kanon derer eingestimmt, die Unterstützung fordern. Schlägt dieses Thema auf das Drittligateam und die Abteilung direkt durch?

Ja natürlich. Drittligahandball in der semiprofessionellen Form, wie er bei uns existiert, lebt von Unterstützung. Wir spielen in ganz Süddeutschland und sind stark auf unsere Sponsoren und Partner angewiesen. Es ist nachvollziehbar, dass davon ein paar noch nicht sagen können, wie es in Zukunft weitergeht. Die Finanzen sind jetzt nicht direkt mein Metier im Verein. Ich habe aber dennoch mitbekommen, dass einige signalisiert haben, uns treu bleiben und uns weiter unterstützen zu wollen. Und ich kann nur hoffen, dass es unseren Partnern bald wieder so gut geht, dass sie uns weiter unterstützen können. Sonst sind wir genauso betroffen wie andere, ganz klar.

Wie äußert sich das im Mannschafts- und Abteilungskreis?

Wir hatten vor Kurzem eine Sitzung mit Abteilungsleitung, Trainerteam, Kapitän und Mannschaftsrat. Alle sind bereit, so gut es geht mitzuhelfen. Aber es ist ja bei uns nicht so wie im Bundesligafußball. Wenn da ein Marco Reus sagt, er verzichtet auf zwei Drittel seines Monatsgehalts, bekommt er immer noch viel Geld. Wenn ein Spieler, der hauptberuflich zum Beispiel studiert, ein paar Euro bekommt um davon seine Miete zu bezahlen, da er ja aufgrund des vielen Trainings nirgendwo jobben kann. . . Wenn so ein Spieler darauf dann verzichten soll, sieht das anders aus. Kurzum: Es ist ein Riesenproblem für alle, aber bei uns spüre ich sehr viel Solidarität – was mich aber auch überhaupt nicht überrascht. Ich kenne ja unsere Mannschaft. Aber ganz klar: Auch wenn wir vom Etat her eine der günstigsten Mannschaften der Liga haben, benötigen wir weiter Unterstützung, wenn wir weiter Drittligahandball hier haben wollen.

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