Handball Wachsender Druck und schlaflose Nächte

Von Marius Venturini
Da kann man schon mal ausflippen: SVK-Trainer Alexander Schurr ist in seinem Element, während Kreisläufer Nico Hiller (weißes Trikot), Co-Trainer Frieder Hansen und Jan Reusch (verdeckt) die aufregende Szene eher nüchtern betrachten. Foto: Horst Dömötör

Kornwestheim - Auf Tabellenplatz 6 lässt es sich ganz gut leben, wenngleich die Sicherheit für den Handball-Drittligisten SV  Kornwestheim trügerisch ist. Mit Rang 7 beginnt bereits die Zone, in der die Teams um den Klassenverbleib zittern müssen. Dennoch ist der SVK zur Zeit im Soll – oder? Trainer Alexander Schurr hat die Antwort.

Herr Schurr, zu Beginn die völlig ernst gemeinte Standardfrage: Ich hoffe, es geht Ihnen gut in diesen Zeiten?

Ja. Das Team und auch ich selbst haben die Hinrunde sehr gut und ohne Corona-Erkrankungen überstanden. Wir hatten bisher Glück – auch wenn es statistisch erwartbar wäre, dass es irgendwann mal jemanden erwischt. Auch von schlimmen Verletzungen sind wir verschont geblieben.

Das heißt also, dass es sich im Großen und Ganzen gut anfühlt zurzeit beim SVK – und vor allem im Ligabetrieb?

Natürlich. Handball ist ja eine reine Wettkampfsportart. Den brauche ich als Trainer und den brauchen auch die Spieler. Wir wollen uns messen, wollen durch den Wettkampf Feedback bekommen, woran wir arbeiten müssen.

Strukturiert vorgegangen

Das gab’s in der vergangenen Saison für genau drei Spiele. Dann war coronabedingt Feierabend. Ist ja jetzt schon mal ein Fortschritt.

Ich glaube, dass uns im vergangenen Jahr die Phase gutgetan hat, dass wir länger trainieren konnten und nicht noch an einem Wettbewerb wie der Aufstiegs- oder der Pokalrunde teilgenommen haben. Aber auf die Runde jetzt haben wir natürlich schon hingefiebert. Und wir sind auch froh darüber, dass der Erregungszustand nicht ganz so groß war wie im vergangenen Jahr, sondern dass man etwas strukturierter vorgegangen ist und den Sport erst einmal offengehalten hat – unter bestimmten Bedingungen natürlich.

Und der SVK hat die Chance genutzt – es läuft, auf Platz 6 ist man voll im Soll.

Wir haben eine für uns sehr gute Hinrunde gespielt. Und auch die ersten Spiele in der Rückrunde, der deutliche Sieg gegen Plochingen und das Unentschieden gegen Fürstenfeldbruck, die machen uns natürlich Mut. Falls wir klagen wollten, wären das Klagen auf hohem Niveau – wenn überhaupt. Ich denke da an die ganz knappen Niederlagen gegen Topteams zuhause.

Die halbe Staffel muss in die Abstiegsrunde, von Platz 7 abwärts. Wie groß ist der Druck?

Zumindest deutlich höher als die Jahre zuvor. Das ist neu – für mich, aber auch für alle Kollegen. Ich bin ja mit anderen Trainern im Austausch. Ich – wie wir alle – gehe die Situation mit ganz viel Leidenschaft an, denn Kornwestheim ist für mich inzwischen so etwas wie eine Herzensangelegenheit. Ich habe aus diesem Grund zuletzt auch wieder ein sehr spannendes Angebot abgelehnt. Es ist mir wahnsinnig wichtig, diese Saison zu überstehen, ohne in eine Abstiegssituation zu kommen.

Knappe Niederlagen in drei Heimspielen

Trotzdem war diese harte Abstiegsregelung bei einer, man muss fast sagen „aufgeblähten“ 3. Liga unvermeidbar. Oder?

Der Fehler ist sicher in der Phase entstanden, in der man Mannschaften hat aufsteigen lassen, während es keine Absteiger gab. Dass coronabedingt niemand abgestiegen ist, war ja noch in Ordnung. Aber Aufsteiger zu generieren aus einer Liga, in der quasi niemand gespielt hat, das erzeugt bei mir immer noch große Fragezeichen.

Stresst einen diese Situation?

Ich merke, wie oft man diese Gedanken manchmal auch mit ins Bett nimmt und wie sie einen weit über das Training hinaus beschäftigen und manchmal auch belasten. Trotzdem muss ich uns allen und vor allem der Mannschaft ein großes Kompliment machen, wie alle mit der Situation umgehen.

Zurecht. Der SVK hatte eigentlich nur zwei schwächere Spiele: beim 29:39 in Pfullingen Anfang Dezember und Mitte September beim 29:41 in Fürstenfeldbruck – beides Spitzenmannschaften.

Ja. Und ärgern könnte man sich höchstens noch über die drei Heimspiele gegen Pfullingen, Balingen II und Konstanz, die wir jeweils mit einem Tor verloren haben. Und wenn man zusammenfassen kann, dass es von 14  Spielen nur in zweien gar nicht gereicht hat, bleibt es immer noch eine sehr gute Performance.

Zuschauer tun gut

Blicken wir mal auf eine Saison unter Coronabedingungen. Wie beeinflusst das Virus den Spielbetrieb?

Es sind viele Einflüsse. Wie findet sich ein Team, was kann man als Mannschaft unternehmen? Wir waren zum Glück schon eine bestehende Mannschaft ohne Neuzugänge. Aber klar, das zarte Pflänzchen „gute Stimmung“ muss natürlich immer wieder neu gegossen werden. Das ist kein Selbstläufer. Außerdem gibt’s weniger Kontakt zu den Fans, zur Abteilungsleitung. Und dann ist da ja natürlich noch der private Bereich. Die Spieler kommen in ihrem Umfeld mit Corona-Erkrankungen in Konflikt. Dann fällt hier und da mal einer in Spiel und Training aus aufgrund von Booster-Impfungen – auch das ist nicht üblich. . .

Wird einiges davon inzwischen schon zur neuen Normalität?

Dazu muss man sagen, dass wir bis zuletzt vor Zuschauern gespielt haben. Und obwohl es weniger waren, fühlt sich das anders an als ein komplettes Geisterspiel. Wir sind über jeden Besucher dankbar. Die Leute kommen trotz aller Widrigkeiten. Die müssen sich alle am Samstagmorgen ein Stäbchen in die Nase stecken, damit sie am Abend zu uns zum Spiel kommen dürfen. Und wenn’s nur 20 wären, ist das immer noch besser, als wenn keiner da ist. Und zur Normalität: Ein bisschen Routine kommt schon rein, ja, auch was die anderen Corona-Regeln angeht.

Der Blick nach vorn: Auf dem Unentschieden gegen das Topteam aus Fürstenfeldbruck zum Jahresende kann man weiter aufbauen.

Den Punkt haben wir uns unter den Weihnachtsbaum gelegt. Was es noch schöner macht: Die Vorzeichen haben gegen uns gesprochen. Marvin Flügel ist kurzfristig ausgefallen, und bei Fürstenfeldbruck ist mit Yannick Engelmann der Topscorer zurückgekehrt. Aber wir haben stark und diszipliniert gespielt, und haben uns diesen Punkt erarbeitet. Und der Zähler kann auch noch sehr wichtig werden. Auf den Plätzen 4 bis 7 geht es um einen oder zwei Punkte.

Gespräche ab November

Die Pause kommt trotz aller positiven Resultate aber nicht ungelegen.

Sicher nicht. Ich habe keine Bedenken, dass da bei uns irgendein Lauf unterbrochen wird. Und alle im Team und auch drum herum, die Physiotherapeuten, die Betreuer, die sportliche Leitung, alle haben sich ein paar freie Tage verdient.

Blick weiter in die Zukunft: Ihr Vertrag läuft noch bis 2023. Andere laufen nun aus. Es dürfte in der jüngsten Vergangenheit viele Gespräche gegeben haben – zum Teil wurden auch schon Verlängerungen verkündet: Kapitän Christopher Tinti bleibt, ebenso Keeper Niko Henke.

Um mal aus dem Nähkästchen zu plaudern: Die Gespräche beginnen schon im November. Und ich als Trainer bin da natürlich bei jedem dabei, mit allen 16 Spielern, auch mit denen, die noch einen Vertrag haben. Das zieht sich also etwas. Wir sind aber sehr gut unterwegs und alle Beteiligten machen da einen tollen Job. Wir geben aber erst Dinge bekannt, wenn die Tinte trocken ist. Zu laufenden Gesprächen sage ich nichts. Es gibt aber unheimlich viele gute Signale. Was ich aber schon preisgeben kann: Fabian Kugel und Jan Reusch haben auch verlängert. Grundsätzlich freut man sich als Trainer, wenn man an Weihnachten schon möglichst viele Zusagen hat.

Welche Rolle spielt Corona bei solchen Gesprächen?

Gute Frage, die ich mir im vergangenen Jahr schon gestellt habe. Wobei die Gespräche damals so unkompliziert waren wie noch nie. Es gab im Kader ja keine Änderungen. Die Situation war damals ja so unübersichtlich, dass die Spieler es wertgeschätzt haben, was sie am Verein haben. Aber damals wie heute wurde und wird sehr viel Wert auf das Vertrauensverhältnis gelegt. Das ist beim SVK schon außergewöhnlich und zeigt sich darin, dass viele Spieler sehr lange beim Verein bleiben.

Gute Atmosphäre

Ist das eher außergewöhnlich?

Nun, der SVK macht das sehr gut. Man bemüht sich, dass die Spieler alles haben, was sie brauchen. Sicher, es klappt nicht immer alles. Aber die handelnden Personen sind immer ansprechbar und erreichbar. Und sie sind immer bemüht, positive Lösungen zu finden, für alle. Das ist nicht selbstverständlich und zeichnet uns aus.

Und wenn die Ergebnisse stimmen, gibt es noch zusätzliche Argumente.

Ganz sicher. Ich bin froh, dass wir während meiner bisherigen Zeit in Kornwestheim immer so erfolgreich waren, dass nie zur Debatte stand, ob wir im kommenden Jahr noch 3. Liga spielen können. Da ist ja diese Saison fast schon die kniffeligste. Aber außer Konstanz, Fürstenfeldbruck und vielleicht noch Pfullingen kann das gerade niemand garantieren. Wir können nur aufzeigen, wie knapp wir an den Topteams dran sind – und wie viele Punkte wir schon auf dem Konto haben. Aber wir und auch unsere Spieler sind selbstbewusst genug davon auszugehen, dass wir das schaffen. Daher war es in den bisherigen Gesprächen auch nie wirklich ein großes Thema.

Glauben Sie, an ein reguläres Saisonende?

(Überlegt) Ich habe keine Ahnung. Eigentlich war und bin ich guter Dinge. Weil ich zuletzt immer wieder festgestellt habe, dass das Thema Sport bei vielen Überlegungen ausgeklammert wird. Ich verfolge aber natürlich auch die politische Lage, und da gibt es ja tagtäglich unheimlich viele neue Nachrichten. Vieles ist zurzeit unberechenbar. Also kann ich auch nicht genau sagen, ob wir am 16. Januar zum Spiel nach Balingen fahren können. Ich glaube aber schon.

Vor allem untere Ligen wurden auch nicht von der Politik gestoppt. Es waren die Landesverbände, die eingegriffen haben – im Hand- wie auch im Fußball.

Das ist ja vielleicht auch der bessere Weg: Wenn der Handballverband Württemberg sagt, dass man im engen Austausch mit den Vereinen so entschieden hat. Wenn man den Spielbetrieb bewusst unterbricht, um die Testkapazitäten nicht noch mehr zu belasten, dann sind die Argumente des Verbandes nachvollziehbar. Und ich weiß auch, dass man sich beim HVW viele Gedanken macht, wie ein sicherer Spielbetrieb aufrecht erhalten werden kann. So ist es besser als ein Beschluss aus der Politik, alles einzustampfen.

Weniger Stress erwünscht

Das könnte aber wieder zu einem Flickenteppich führen, bei dem keiner mehr weiß, in welchem Verbandsgebiet man überhaupt was darf. Klar, vieles ist eben auch im Sport Ländersache.

Es muss aber andererseits auch einleuchten: Wenn im einen Bundesland die Hospitalisierungsinzidenz bei 16 liegt und im anderen bei 3, ist ein generelles Verbot sehr schwer vermittelbar. Deshalb verstehe ich, dass man manche Dinge föderal begrenzt, anstatt mit der groben Kelle zu kommen.

Kurzum wäre es ein schönes Neujahrs- Präsent, wenn es weitergehen würde.

Natürlich. Aus Handballperspektive wünsche ich uns das, klar. In einer Handballmannschaft ist man ja quasi eine Schicksalsgemeinschaft. Viele würden sich gar nicht kennen, wenn sie nicht gemeinsam spielen würden. Viele werden Freunde weit über den Sport hinaus.

Und Ihre persönlichen guten Vorsätze?

Ich versuche, den Stress und den Druck nicht so nah an mich ran zu lassen beziehungsweise manchmal etwas mehr Gelassenheit an den Tag zu legen (grinst).

Das hängt nur leider nicht nur von einem selbst ab. . .

Richtig. Aber so ist es eben mit der Doppelbelastung Arbeit und Handball. Mal ist auf der linken Flanke Stress, mal auf der rechten. Noch gelingt es mir, das ganze gedanklich so positiv zu besetzen, dass ich gerne nach Kornwestheim fahre und mit den Jungs zusammen bin – und dass eine schlaflose Nacht wie nach dem Spiel in Pfullingen oder auch in Fürstenfeldbruck ein Preis ist, den ich gerne bezahle.

Zur Person

Spieler
Der Rechtsaußen spielte beim TSV Bartenbach, bei Frisch Auf Göppingen und beim TV Oppenweiler. Nach vier Oberligajahren wechselte er zum SV Remshalden, spielte dort sechs Jahre lang und stieg aus der Württemberg- in die Oberliga auf.

Trainer
Im Anschluss an seine Spielerkarriere wurde er in Remshalden Trainer. Im zweiten Jahr schaffte er auch dort den Aufstieg. Seit Sommer 2017 trainiert er den SVK und holte gleich den Titel in der 3. Liga Süd (der Verein verzichtete aus wirtschaftlichen Gründen auf den Aufstieg). Seit Sommer 2019 ist er Inhaber der Trainer-A-Lizenz.

Beruf
 Der 41-Jährige arbeitet am Institut für Sportwissenschaft der Uni Tübingen. 

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