Heimspiel-Serie Die Begleiterin auf dem letzten Weg

Von Petra Mostbacher-Dix
Der Tod und das Sterben sollten keine Tabu-Themen sein, findet Beate Muny. Foto: Mostbacher-Dix

Sie lächeln in Gelb, Grün, Blau, Rosa: die Smileys, die Beate Muny um den Hals trägt. „Ich bin die ‚bunte’ Frau“, sagt die Heilpraktikerin mit einem Schmunzeln. „Ich gebe Menschen gern mal Smileys mit.“ Die fröhlichen Gesichter sollen aufmuntern, Mut machen. „Besonders in diesen Zeiten“, so Muny. Und in anderen: Die 66-Jährige engagiert sich seit 2011 in der Ökumenischen Hospizgruppe Kornwestheim ehrenamtlich als Sterbebegleiterin.

Das Herz ist bei diesem Dienst wichtiger als der Kopf

Ein Zeitungsartikel von Claudia Ebert, ehemalige Katholische Gemeindereferentin und Gründerin des Begegnungscafés am Friedhof Kornwestheim, habe sie inspiriert. Auch in diesem „Offenen Café für Menschen mit Verlusterfahrung“ ist Beate Muny als Trauerbegleiterin einmal im Monat tätig. Sie erzählt, wie sie in 100 Stunden „abends und am Wochenende“ sowie in Praktika lernte, schwer kranke und sterbende Menschen sowie An- und Zugehörige zu begleiten. „Ich hatte einige Zeit davor meine Eltern kurz hintereinander verloren – Sterbebegleitung ist mir eine Herzensangelegenheit: ein Dienst, der weniger mit dem Kopf als mit dem Herzen getan wird.“

Gerufen werden Muny und ihre 17 Kolleginnen von Angehörigen, Pflegepersonal, Ärztinnen und Ärzten, dem Palliativteam, wenn diese erkennen, dass es zu Ende geht: „Manchmal ist das schon geschehen, wenn wir kommen. Dann wieder begleiten wir jemanden Stunden oder Wochen, abwechselnd.“

„Das braucht Würde und Respekt“

Muny bringt Texte mit, singt auch mal, öffnet die Fenster, um Platz für die Seele zu machen. Oder ist einfach nur da. „Wichtig ist, zugewandt sein, beobachten, mit Angehörigen sprechen.“ Über Atemgeräusche oder dass Sterbende nicht trinken wollen. Oder noch familiäre Dinge klären möchten. „Das braucht Würde und Respekt“, so Muny. Und Einfühlungsvermögen. „Manche wollen nur still liegen, andere zuhören oder von ihrem Leben erzählen.“ Intuition zählt, wenn jemand sich nicht mehr äußern kann oder will – und Information. „Wir fragen Pflegepersonal und Angehörige, was die Person gern mag. Musik? Bücher? Nähe? Keine?“ Sie zeigt, wie man im Hospizbereich die Hand hält: Finger nicht verschränkt, offen aufeinander liegend. „Damit Sterbende ihre Hände wegziehen können, wenn sie nicht berührt werden wollen“, so Muny. Während sie bei den einen eher auf Abstand sitze, mögen andere eingecremt werden.

Ihr Herz berührt habe ein Herr, der sie freudig mit „Und Sie begleiten mich jetzt beim Sterben!“ begrüßte: „Wir schauten Fotos an, er erzählte von seinem Leben, genoss die Gespräche sehr, starb dann plötzlich.“ Eine Frau wiederum, die nichts mehr mitbekam, drehte ihren Kopf zur Tür, als ob sie was erwarte. „Als dann ihre Tochter von weit her kam, konnte sie gehen, mit einer Träne auf der Wange.“ Und die griechische Oma, die dachte, Muny verstünde sie, weil diese „Kali Nichta“ also „Gute Nacht“ sagte, fand ihre Lebensgeister wieder.

Der Tod wird in der Leistungsgesellschaft gerne verdrängt

Achtsam müsse man auch sich selbst gegenüber sein, so die Ludwigsburgerin, die vor über 40 Jahren nach Kornwestheim zog. Sie und ihre Kolleginnen tauschen sich aus, erhalten zwei Mal im Jahr Supervision. „Im Gespräch die Seele frei machen ist gut.“ Wenn ein Fall dem eigenen Leben zu ähnlich ist? „Bitten, abgezogen zu werden.“

Hospiztätigkeit sei sehr erfüllend, immer einzigartig. Tod werde in der Leistungs- und Optimierungsgesellschaft gerne verdrängt: „Darüber zu reden ist nach wie vor schwer, leider! Wir sind nah am Leben dran und auch am Sterben – das gehört zum Leben.“

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