Heimspiel-Serie Erzählungen von den Zeichen der Zeit

Von Petra Mostbacher-Dix
Katrin Bettray bereitet derzeit unter anderem eine neue Ausstellung im Kleihues-Bau vor. Foto: Mostbacher-Dix

Ihre Aufmerksamkeit gilt ganz dem Objekt. Achtsam reinigt Katrin Bettray mit etwas Watte am Stäbchen die Zimmerantenne aus den 1960er-Jahren, folgt dem Messingarm, seinen flügelartigen Ausläufern – und lacht. Die Restauratorin, die im Museum im Kleihues-Bau seit 2020 die Kulturgeschichtliche Sammlung betreut, erinnert an familiäre Szenen aus den Anfangszeiten des Fernsehens: „Als einer die Antenne schwenkte und die anderen sagten, ja, bleib’ so, jetzt ist das Bild scharf.“ Nun wird das Stück Alltagskultur vor der „Wanderung“ zu sehen sein, einem großformatigen Bild der Malerin Isa Dahl.

Abstrakte Malerei trifft auf Alltagsdesign

In der neuen Ausstellung „Eine Frage der Form“ wollen Saskia Dams, Leiterin der Städtischen Museen, und Katrin Bettray im Kleihues-Bau 40 Exponate abstrakter Kunst mit 30 Gegenständen angewandter Kunst kombinieren. „Indem wir abstrakte Malerei unserer Kunstsammlung und Objekte des Alltagsdesigns aus der Kulturgeschichtlichen Sammlung verbinden, eröffnen sich ganz neue Sichtweisen“, so Dams. Schon die Schau „Helden des Südwestens - Kultprodukte und Werbeikonen aus Baden-Württemberg“ war ein Riesenerfolg. „Die Menschen können sich mit Dingen des Alltags identifizieren“, so Bettray.

Es sind auch die Geschichten neben der Geschichte, die sie an den Objekten der kulturhistorischen Sammlung faszinieren. „Sie erzählen vom Geist und den Zeichen der Zeit, in der sie entstanden und benutzt wurden“, schwärmt sie. „Ich kann mit und an ihnen arbeiten.“ Um sie zu pflegen, beschreiben und zu katalogisieren, braucht sie oft detektivischen Spürsinn. „Von wann ist das Stück, von wo stammt es? Was kann es erzählen?“

„Auch Neueres kann spannend sein“

Die rund 18 000 Exponate, die sie inventarisiert, stammen aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens: Vereinswesen, Handel, Gewerbe, Eisenbahn. Auch der Bestand der ehemaligen Schuhfabrik Salamander gehört dazu mit Schuhen, Werbeartikeln und Maschinen; und Objekte aus beruflichem und privatem Umfeld – landwirtschaftliche und handwerkliche Geräte, Werkzeuge, Dinge des Haushalts, Möbel und Geschirr. Gesammelt wurden diese zum Großteil vom Verein für Geschichte und Heimatpflege, der seine „Stadtgeschichtliche Sammlung“ 2018 der Stadt Kornwestheim übergab. Und Bettray bekommt stetig Anfragen von Bürgern, ob dieses oder jenes interessant sei: „Das muss kein altes Objekt sein, auch Neueres kann spannend sein – auf die Geschichten kommt es an.“

Die Exponate können bei Führungen in der Kantstraße 10 auch erlebt werden: Hier werden sie nicht weggeschlossen, sondern offen gelagert. „Man kommt besser ran, sieht den Zustand und was zu tun ist“, erläutert Bettray. Keinesfalls dürfe „überrestauriert“ werden. „Gebrauchsspuren gehören dazu. Man muss sich in jedes Objekt einfühlen, schauen, was nötig ist, damit es den Bedürfnissen gemäß gut erhalten werden kann.“ Ihre Lieblinge? „Viele! Aber vor allem sind mir Möbel ans Herz gewachsen, ich mag etwa den Tulipchair.“ Der Tulpenstuhl von 1973 wird auch in der Schau präsentiert – mit einem Gemälde von Max Ackermann.

Die Liebe zu Möbeln ist früh erwacht

Ihre Liebe zu Möbel entdeckte Bettray früh: Aufs Abitur folgte eine Schreinerinnenlehre, eine Ausbildung zur Restauratorin in Italien und ein Restaurationsstudium an der Stuttgarter Kunstakademie. Früh zog sie nach Kornwestheim. „Mit vier Jahren! Das Gebäude, in dem die Kulturgeschichtliche Sammlung ihre Heimat hat, erblickte 1972 das Licht der Welt – wie ich!“

Artikel bewerten
3
loading