Heimspiel-Serie Vergangenes bewahren, damit es nicht vergessen wird

Von Petra Mostbacher-Dix
Robert Müller mit einem Foto seiner Fahrradrikscha– damit radelt er Senioren zu Terminen. Foto: Mostbacher-Dix

Aufrecht steht er da in seiner Kaiserreich-Uniform, die Tellermütze korrekt auf dem Kopf, die Hände lässig am Griff seines Degens – ein Kornwestheimer Soldat, 1899 fotografiert. „Mein ältestes Bild!“, sagt Robert Müller, auf seinem Tablet scrollend zu einem Bild der hochschwangeren Königin Silvia und ihres Gatten König Carl Gustaf. Aus dem Jahr 1979 stammt es: Das schwedische Königspaar wird darauf von Lothar Späth, damals Ministerpräsident Baden-Württembergs, begrüßt – am Kornwestheimer Bahnhof. „Sie kamen mit dem Zug an, dann ging es nach Ludwigsburg“, sagt Müller. Ein anderes zeigt Queen Elizabeth II. 1965 auf ihrem Weg nach Marbach.

Historische Fotos sind Robert Müllers Leidenschaft. Der pensionierte Polizist sammelt sie, scannt sie und stellt sie auf seine Facebook-Gruppe „Alte Bilder und Geschichten aus Kornwestheim“. Dort sind mittlerweile weit mehr als 4000 Fotos – und beileibe nicht nur von Adeligen oder „Großkopfeten“. Dort finden sich auch Bilder eines Schülerlotsen der 1960er-Jahre, eine marschierende Kindergartengruppe aus den 1930ern mit Hakenkreuzfahne, auch Unfälle, etwa ein derangierter Zug, sowie das ehemalige Kult-Kino Koralle im Jahr 1958, als der Film „Die schöne Müllerin“ lief. „Das Kulturzentrum K. steht heute an dieser Stelle“, so Müller. Den Kornwestheimer interessieren die Historie, Gebäude und Menschen seiner Heimatstadt. „Mir ist wichtig, dass Vergangenes nicht in Vergessenheit gerät, sondern lebendig bleibt.“ So könne man lernen, erfahren, nachvollziehen, was war und was wurde. „Fotos sind ein wahrer Schatz, sie bergen einen Reichtum an Informationen, an Geschichten!“

Facebook-Seite startete 2013

Sein Hobby kam zu Müller, lange bevor er die Facebook-Seite 2013 startete. Als er in den 1970ern eine hochwertige Kamera geschenkt bekam, fotografierte er Gebäude, die vor dem Abriss standen. „Ich wollte die Architektur in Bildern bewahren. Die lagen dann, wie das so ist, bei uns herum – bis ich die Facebook-Idee hatte.“ Deren Erfolg überraschte ihn. Schnell entwickelte sich die Seite zu einem Diskussionsforum für Kornwestheim-, Geschichts- und Lichtbildfreunde – mittlerweile folgen ihr über 3500 Fans. In der Gruppe wurde auch schon die Herkunft so mancher unklarer Motive geklärt – und Müller bekam und bekommt allerlei Fotos für sein Projekt, auch aus Nachlässen. „Mich interessieren weniger persönliche Fotos, die für eine Familie Wert haben, sondern Kornwestheimer Motive, die für die Allgemeinheit spannend sind.“ Wie das von einem der ersten – glimpflich ausgegangenen – Unfälle auf der B27 in Kornwestheim von einem Polizei-Kollegen. Darauf ist noch die ehemalige Ludendorff-Kaserne zu sehen, die der Feuerwache und einem Supermarkt wich. Auch aus den USA bekommt er „Feedback“ und „Images“ – von Militärangehörigen, die bis 1993 in der Wohnsiedlung Pattonville stationiert waren, zu Spitzenzeiten fast 4000. Müller stellt auch dem Stadtarchiv Fotos zur Verfügung. Sein Engagement für Kornwestheim geht über die Stadtgeschichte hinaus. Seit 1989 bringt er sich als Stadtrat ein. Längst radelt er auch regelmäßig mit der Fahrradrikscha Senioren zu Terminen. „So kann ich Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind, unterstützen. Und habe Bewegung, ich wandere auch gerne.“ Tag für Tag sammelt Müller zudem Müll ein. „Wenn jeder nur wenig Abfall aufheben, ja gar nicht erst liegenlassen würde, wäre viel für die Sauberkeit unserer Heimat getan.“

Artikel bewerten
8
loading