Kornwestheim 36-Jähriger will schlichten und landet selbst im Krankenhaus

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Fest zugeschlagen: Das Gericht verhängt gegen zwei Pforzheimer Bewährungsstrafen. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Kornwestheim - „Es tut mir leid, dass wir dem Falschen was auf die Fresse gegeben haben.“ Immerhin: Das Bedauern des 26-Jährigen kommt von Herzen. Und sein Geständnis und das seines 28 Jahre alten Kumpels ist derart umfassend, dass selbst die Staatsanwältin und die Richterin den Angeklagten Respekt zollen. Das erlebe man in dieser Offenheit, ohne etwas zu verheimlichen oder zu beschönigen, selten. „Das hat ihnen den Kopf gerettet“, so Richterin Julia Brenner, die am Ende gegen die beiden Männer aus Pforzheim wegen gefährlicher Körperverletzung Haftstrafen von einem Jahr und sechs Monaten verhängt, diese aber zur Bewährung aussetzt. Damit war angesichts der Aktenlage nicht zu rechnen.

Es ist der 27. Januar 2019, kurz nach fünf Uhr in der Frühe. Am Dönerstand vor der Diskothek in der Solitudeallee hat sich eine lange Schlange gebildet. Mittendrin: der 26-Jährige. Er wird, so schildert er es dem Gericht, angerempelt und von einem ihm unbekannten jungen Mann als Hurensohn, Missgeburt und Schwuchtel beschimpft. Es entwickelt sich eine Rangelei, in deren Verlauf der Pforzheimer zu Boden geht und für ein paar Sekunden bewusstlos wird. Als er wieder zu sich kommt, blickt er einem 36-jährigen Kornwestheimer in die Augen und hält ihn, weil der auch mit seinem Widersacher unterwegs ist, für den Schläger. Weit gefehlt: Der Mann bemüht sich in der Auseinandersetzung um Schlichtung, hält andere davon ab einzugreifen und kümmert sich schließlich auch um den Pforzheimer, als der am Boden liegt.

Das dramatische Geschehen nimmt nun seinen Lauf: Eine Gruppe um den 26-Jährigen setzt dem 36-Jährigen nach und bekommt ihn zu packen. „Den haben wir erwischt.“ Dann setzt es Faustschläge ins Gesicht. „Zwei“, wie der 28-jährige Thaiboxer vor Gericht freimütig einräumt. Der zweite ist so heftig, dass er sich selbst die Hand bricht.

Wie hat der 36-Jährige den Angriff erlebt? Sie seien wie eine Lawine auf ihn zugerollt, schildert er als Zeuge. „Ich wusste gar nicht, wie mir geschah.“ Mehrfach habe er versucht aufzustehen, sei aber immer wieder gestürzt. Das Ergebnis dieser Abreibung: Prellungen und Hämatome am ganzen Körper und eine Gehirnerschütterung. Er muss im Krankenhaus bleiben, weil die Ärzte innere Blutungen im Kopf befürchten. Rund zwei Monate ist er krankgeschrieben, auch heute noch, ein Jahr nach dem Vorfall, verspürt er Schmerzen am Rücken, an der Schulter, und an den Knien.

Dass er die beiden Angeklagten vor Gericht belastet, das kann nun wirklich nicht behauptet werden. Er beschwichtigt immer wieder, eine Operation an der Schulter, die einige Monate nach dem Vorfall erfolgt, müsse ja nicht zwangsläufig damit zu tun haben, erklärt er der Richterin. Auf ihre Nachfrage hin räumt er nur widerwillig ein, dass ihn das Geschehen nach wie vor psychisch belaste. Nur noch in einer größeren Gruppe wage er sich in eine Diskothek. Lakonisch sagt er gleichwohl: „Ich habe es dummerweise abbekommen.“

„Da hätte echt viel, viel mehr passieren können“, so Richterin Julia Brenner später in der Urteilsbegründung. „Lassen Sie ihn nur mit dem Kopf auf die Kante des Bordsteins knallen.“ Dass sie gleichwohl – und das bei einer nicht unerheblichen Vorbelastung der Angeklagten – die Gefängnisstrafen zur Bewährung aussetzt, liegt am Auftreten der Angeklagten vor Gericht. „Wir haben den Eindruck bekommen, dass sie es kapiert haben.“ Das sagt auch die Staatsanwältin, die zu erkennen gibt, dass sie mit der Überlegung in die Verhandlung gegangen sei, eine Haftstrafe von über zwei Jahren zu beantragen, die nicht zur Bewährung hätte ausgesetzt werden können. Der 28-Jährige hat bereits über fünf Jahre hinter Gittern gesessen – unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung. Er stand zum Tatzeitpunkt im Januar des vergangenen Jahres sogar unter Bewährung.

Ganz ungeschoren kommen die beiden Männer aber nicht davon: Sie müssen dem Opfer zusammen 5000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Die Bewährungszeit beläuft sich auf vier Jahre, in denen sie sich nichts zuschulden kommen lassen dürfen. Zudem müssen sie an Sozial- und Antiaggressionstrainings teilnehmen, damit sie, so die Richterin, lernten, dass es mitunter klüger sei, sich vom Acker zu machen, wenn ein Streit drohe.

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