Kornwestheim Als Otto Waalkes die Suppe mit einem Strohhalm schlürfte

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Erinnerungen an Momo: Radost Bokel und Jean-Marc Birkholz zu Gast in der Kornwestheimer Stadtbücherei. Foto: Mateja fotografie

Kornwestheim - Viele kannte sie noch von früher aus dem Kino: Momo, das Mädchen mit den großen braunen Augen und dem dunklen Lockenschopf. „Die Locken waren gar nicht echt“, gestand Schauspielerin Radost Bokel, als sie zusammen mit ihrem Kollegen Jean-Marc Birkholz am Montagabend in der Stadtbücherei aus Michael Endes Roman „Momo“ vorlas. „Ich hatte immer glatte Haare und eine Perücke auf.“

Der Roman erschien 1973, ein Jahr später wurde er mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Das Buch wurde weltweit über sieben Millionen Mal verkauft. Der Film kam 1986 in die Kinos.

Zum Inhalt: Momo, ein Kind mit pechschwarzem Lockenkopf und ohne Eltern, flieht aus einem schrecklichen Kinderheim, lebt alleine am Rande einer Großstadt in der Ruine eines alten Amphitheaters. Das Mädchen ist arm, verfügt jedoch über die außerordentliche Gabe, anderen Menschen zuzuhören. Die Kinder kommen gerne, um mit ihr zu spielen. Als die grauen Herren mit den dauerhaft qualmenden Zigarren in der Stadt weilen, um den Menschen die Zeit zu stehlen, verschwindet auch die Freude und all die Liebe aus dem Alltag der Menschen. Sie hetzen nun müde aneinander vorbei. Immer weniger Kinder kommen zu Momo, denn sie müssen jeden Tag in den Kinderdepots verbringen. Momo möchte sich nicht den Werten der grauen Herren unterwerfen, und so macht sie sich gemeinsam mit ihrer weisen Schildkröte Kassiopeia auf den Weg, um die grauen Herren zu besiegen. Dafür muss Momo den Menschen ihre von den grauen Herren gestohlene Zeit zurückgeben, was ihr auch gelingt.

Erfrischend ehrlich beschrieb die Schauspielerin mit der nun langen blonden Haarpracht, wie ihre Mutter spontan auf eine Anzeige in der Bild-Zeitung hin ein Foto der damals neunjährigen Tochter einsandte, nicht ahnend, dass es sich hierbei um eine europaweite Suche nach der Hauptdarstellerin für einen großen Kinofilm handelte. Und als noch vor der Einladung zum Vorsprechen kommentarlos Drehbuchseiten im Briefkasten lagen, war man im Hause Bokel mehr als ratlos. Die Zeiten liegen lange zurück. Radost Bokel ist heute 44 Jahre alt.

Aber auch wer den Film nicht kennt, hatte keine Probleme, der Lesung im Atrium der Stadtbücherei gut zu folgen. Das lag nicht zuletzt auch an Bokels Schauspielerkollegen Jean-Marc Birkholz, der auch Synchronsprecher ist und unter anderem dem Kinderhelden Ritter Rost im Film seine Stimme geliehen hat. Birkholz verhalf den Figuren aus Momo beim Vorlesen zum Leben, ließ seine Stimme mal sonor und wohlklingend vibrieren, dann klang sie hässlich und gemein – wie bei den „grauen Herren“, wie die berüchtigten Zeitdiebe in Michael Endes Roman heißen, die er mit hoher Fistelstimme fies rüberbrachte.

Auf einer großen Leinwand vor dem großen Fenster der Stadtbücherei wurden Bilder vom Filmdreh in Rom gezeigt. Es ist ein Wiedersehen mit hochkarätigen Schauspielern wie Mario Adorf, Armin Mueller-Stahl, Sylvester Groth und John Huston. Auch Autor Michael Ende ist im Film Momo in einer Sequenz ganz am Anfang als Mann im Zug zu sehen.

Nahtlos gingen bei der Veranstaltung die Lese-Etappen immer wieder in lockeres Geplauder über. Radost Bokel erzählte zum Beispiel, wie sie bei den Dreharbeiten ihr Idol Otto Waalkes traf, der mit dem Privatjet einflog und beim gemeinsamen Abendessen Suppe durch einen Strohhalm schlürfte. Oder sie berichtete, dass Armin Müller-Stahl, obwohl er den Bösen mimte, für sie der „Allerliebste“ wurde. Und Birkholz verriet, das Radost Bokel immer wieder Löcher in die Styropor-Kulissen im Filmstudio pulte und dass sie dafür regelmäßig Ärger bekam.

„Wie kam Michael Ende auf den Namen Momo?“ Das wollte ein Zuschauer in der Fragerunde wissen, und die Darstellerin zog beide Schultern in die Höhe und schaute etwas ratlos. Auch Jean-Marc Birkholz wusste keine Antwort darauf. Ob sie das Gefühl habe, auf diese eine Rolle reduziert zu werden, wollte das Publikum wissen. Radost Bokel schüttelte mit dem Kopf. Für sie sei das eine „ganz tolle Sache“ gewesen und sie habe sich sehr gefreut, diese Rolle spielen zu dürfen. Eine Besucherin fragte, wie es für Bokel gewesen sei, im Film Englisch zu sprechen. Die 44-Jährige erzählte daraufhin von ihrer Unterstützerin, der Schauspielerin Rosemarie Fendel, die mit dem Regisseur liiert war und hinter den Kulissen gearbeitet hat. „Ohne sie wäre es nicht so gut gelungen.“ Bokel durfte sich später in der deutschen Filmversion selbst synchronisierten, sie fand es aber schade, dass sie in der englischen Fassung von einer erwachsenen Frau, die sehr kindlich sprach, synchronisiert wurde.

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