Kornwestheim Auf dem Trittbrett aufs Verhängnis zugesteuert

Von Susanne Mathes
Stadtarchivarin Natascha Richter, Autor Thomas Großbölting, Oberbürgermeisterin Ursula Keck und Museumsleiterin Irmgard Sedler (v.l.n.r.) mit dem neuen Buch „Volksgemeinschaft in der Kleinstadt – Kornwestheim und der Nationalsozialismus“. Foto: Susanne Mathes

Kornwestheim - Knapp vier Jahre, nachdem die Stadt 100 000 Euro für die Erforschung von Kornwestheims NS-Geschichte locker machte und dem Münsteraner Historiker Thomas Großbölting den Zuschlag gab, hat der Kohlhammer Verlag die Studie nun veröffentlicht. Er nahm sie unter anderem ins Programm, weil sie „auch eine Blaupause für andere Städte sein kann“, wie Lektor Daniel Kuhn sagt. Großböltings Quellen waren Dokumente aus verschiedensten Archiven und Gespräche mit Zeitzeugen, die zudem Privatmaterial zur Verfügung stellten. Auch die Kornwestheimer Zeitung von damals legte beredtes Zeugnis von den unheilvollen Entwicklungen ab.

Auch wenn das Buch exemplarisch zeigt, wie der Nationalsozialismus Alltag, Politik und Gesellschaft einer Kleinstadt durchdrang – Kornwestheim war, als das Unheil heraufdräute, zunächst sogar noch Dorf – , so weist die Salamanderstadt doch eigene Spezifika auf. Die Konstellationen, die Großböltings Untersuchungsfeld zugrunde lagen, waren eher untypisch.

Einerseits verzehnfachte sich Kornwestheims Bevölkerung zwischen 1900 und 1950 nahezu, „was“, so der Geschichtsprofessor, „eine Stadtgemeinschaft durcheinanderbringt“. Industrialisierung, Modernisierung und die vielen Arbeiter, die Salamander, Stotz oder die Reichsbahn mit sich brachten, führten im „alten Dorf“ zu Verunsicherung: Einstige Verwandtschaftsbeziehungen zählten im politischen Feld nicht mehr, die alteingesessenen Bauern fanden sich nicht wieder. Statt Honoratioren saßen nun gewählte Räte im Kommunalparlament, und zwar mehrheitlich Sozialdemokraten. Zu Beginn der 30er-Jahre destabilisierten Querelen um den Bürgermeister Theodor Steimle das kommunale Gefüge: Dreimal in Folge war er gewählt, seine Wahl aber vom Innenministerium nicht anerkannt worden; Interims-Amtsverweser wurde sein unterlegener Gegenkandidat Alfred Kercher.

Diese und weitere Faktoren bereiteten den Nährboden für die braune Bewegung: „Die örtliche NSDAP war letztlich nur Trittbrettfahrerin einer Auseinanderentwicklung der örtlichen politischen Kräfte“, schreibt der Historiker, und das vor dem Tableau einer sich „rapide zuspitzenden ökonomischen und politischen Situation“, in der viele die Demokratie nicht mehr für handlungsfähig hielten. In den kleinstädtischen Strukturen waren viele Türen weit offen dafür, die eigenen Traditionen, Wertmuster und Überzeugungen in die neue Ideologie einzubetten.

Das Kornwestheimer Gesicht des Nationalsozialismus war der Lehrer Otto Trefz, seit 1922 NSDAP-Mitglied. Er wurde 1928 nach Kornwestheim versetzt, zog als NSDAP-Spitzenkandidat in den Gemeinderat, war aber ins lokale Gefüge als „Reingeschmeckter“ eigentlich nicht eingebunden – was es ihm ermöglichte, rücksichtloser zu agieren und die NSDAP als Anti-Establishment-Partei zu stilisieren.

Nach der Machtergreifung schlug für Trefz in Kornwestheim, wo die NSDAP bei den Wahlen immer um einige Prozentpunkte schlechter abgeschnitten hatte als im Land und im Reich, die große Stunde: Er wurde NSDAP-Ortsgruppenleiter, später Kreisleiter. Bereits im August 1933 saßen nur noch Nazis im Gemeinderat, KPD und SPD wurden aufgelöst, ihnen verbundene Vereine und Organisationen zerschlagen, Funktionäre verhaftet – auch Karl Joos, Chef des sozialdemokratisch dominierten Bau- und Sparvereins.

Der Stuttgarter Rechts- und Staatswissenschaftler Alfred Kercher, der vom bürgerlichen Lager elastisch in die NSDAP gewechselt war, war unterdessen von der Landesregierung als Bürgermeister eingesetzt worden. Beim Festakt sagte Kercher – der sich später als NS-Gegner stilisierte – Otto Trefz habe nicht nur ihm den Weg geebnet, sondern auch „einem Großteil der Bürgerschaft den Glauben und das unbedingte Vertrauen an die nationalsozialistische Staatsidee geschenkt und neu gefestigt zum Segen für unsere Stadt“. Kerchers Vorgänger Friedrich Siller beendete seine Ansprache mit dem Ausruf: „Heil Hitler, Heil Kercher!“ Kercher, sagt Großbölting, habe im Windschatten von Trefz seine Karriere vorangetrieben – und als Steigbügelhalter fürs Regime gedient.

Geradezu erschütternd liest es sich, wie sich die Stadt und ihre Institutionen binnen dreier Monate quasi selbst gleichschalteten und wie die meisten Vereine unter pathetischen öffentlichen Bekundungen ihr Fähnlein in den Wind hängten. „Kleinstädtisch-kommunale Werthaltungen und Mentalitäten gingen eine Mesalliance ein mit dem vagen politischen Ideenhaushalt der NS-Diktatur, so dass sich eine tendenziell offene und breit anschlussfähige Variante des Nationalsozialismus entwickelte. Ausgeschlossen waren neben jüdischen Familien die politischen Gegner von einst und die, die in der organisierten Arbeiterschaft politisch positioniert waren“, so Großbölting.

Wie die Stadt in diesem Fahrwasser und weitgehend ungestört von Widerstandshandlungen prosperierte, wie sie ihr neues Rathaus baute, wie sie dann Mobilisierung, Krieg und schließlich den Zusammenbruch erlebte, wie Kercher danach meinte, mit ein paar sozialdemokratischen Stadräten von früher nahtlos an die Zeit vor 1933 anknüpfen zu können – aber auch wie seine Selbstdarstellung im Entnazifizierungsprozess und viele Unterstützer ihm den Weg für die spätere Wiederwahl ebneten: All dies zeigt das Buch auf. Ebenso wie Otto Trefz es schaffte, durch alte Seilschaften und Katzbuckelei wieder im Schuldienst Fuß zu fassen. Bei der Nachricht aus dem Staatsministerium, seine Pension sei sicher, titulierte ihn der Sachbearbeiter anno 1958 gar mit „lieber Kamerad“. „Als ich das im Archiv las, bin ich fast vom Stuhl gefallen“, sagt Großbölting.

Viel mehr Material noch, als im Buch aufgearbeitet wurde, stellte der Historiker der Stadt ins Form eines Quellenrepertoriums zur Verfügung. „Das ist perspektivisch vielleicht sogar noch wichtiger“, betont Museumsleiterin Dr. Irmgard Sedler. Alles, was Großbölting in den Archiven der Republik zu Kornwestheim im Forschungszeitraum fand, wurde in Datenbanken eingepflegt, auf die vom Stadtarchiv aus nun zugegriffen werden kann.

„Recherchetechnisch gesehen ist das ein wesentliches Ergebnis dieser Studie“, freut sich Stadtarchivarin Natascha Richter. Sie hofft, dass Bürger, Vereine oder Studenten diese Quellen weidlich nutzen werden. Irmgard Sedler ergänzt, Großböltings Arbeit biete etliche Anknüpfungspunkte für spannende Doktorarbeiten. Der Historiker bestätigt das: „Es gibt viele Dinge, die ich erzählen konnte. Aber auch viele, die ich nicht erzählt habe.“

Für Oberbürgermeisterin Ursula Keck ist die Studie ein großer Gewinn. Nicht nur, weil sie eine Lücke im Geschichtswissen der Stadt schließt: „Sie kann Funktionsträgern, die Verantwortung tragen, Mut machen, sich nicht nur anzupassen, sondern aufs eigene Gewissen zu hören, eine eigene Meinung zu wagen und immer wieder ein kritisches Wort zu erheben.“