Kornwestheim Auf ein Neues mit alter Musik

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Der Paulussingkreis bei seinem letzten Konzert im Dezember. Foto: Mateja fotografie

Kornwestheim - Nur ein kleiner Schritt für die große Kirchengemeinde Kornwestheim? Eine Nebensächlichkeit im Gemeindeleben? Nein, diese Einschätzung würde Pfarrer Horst Rüb nicht unterschreiben. Es sei ein großer Schritt im weiteren Zusammenwachsen der Gemeinde – allein schon deshalb, weil die Musik für die Verbreitung des christlichen Glaubens von enormer Bedeutung ist. „Ohne Kirchenmusik“, sagt der Seelsorger, „wäre ich nicht Pfarrer geworden.“ Am Mittwochabend (19.45 Uhr, Paulusgemeindehaus, Rosensteinstraße) probt zum ersten Mal die neu gegründete Kornwestheimer Kantorei.

Die vergangenen Wochen waren für die Gemeindeglieder von Abschied geprägt. Am 3. Advent gab der Paulussingkreis sein letztes Konzert, am 1. Weihnachtsfeiertag verabschiedete sich die Martinskantorei mit Gesängen im Gottesdienst aus dem Gemeindeleben, einen Tag später hatte beim Weihnachtsliedersingen die Johanneskantorei ihren letzten Einsatz. Und damit sind – zusammengerechnet – 253 Jahre Kornwestheimer Kirchenmusik zu Ende gegangen. Der älteste Chor war mit 127 Jahren die Martinskantorei, die Johanneskantorei bestand 70 Jahre, der Paulussingkreis, der größte Chor der evangelischen Gemeinde, existierte 56 Jahre.

Die Zukunft heißt nun Kornwestheimer Kantorei, und sie soll sich dem widmen, dem sich auch die drei Chöre bisher verschrieben haben – der traditionellen Kirchenmusik. „Das ist eine Sparte mit großer Tradition. Die wollen wir auf jeden Fall weiterführen“, sagt Horst Rüb, geschäftsführender Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde. Er hofft, dass rund 40 Sängerinnen und Sänger zusammenkommen, um später einmal Oratorien aufführen zu können.

Die Startbedingungen könnten besser sein

Dass nicht alle Mitglieder der drei bisherigen Chöre zur Kornwestheimer Kantorei wechseln, dessen ist sich Rüb bewusst. Ältere nutzen den Einschnitt, um mit dem Chorgesang aufzuhören, wollen sich nicht mehr auf Neues einlassen. Der Pfarrer hofft aber, dass möglichst viele auch künftig ihre Stimme für die Kornwestheimer Kantorei erheben. Die Sängerinnen und Sänger sind alle angeschrieben und um Unterstützung gebeten worden, in den Weihnachtsgottesdiensten wurde für die neue Kantorei geworben.

Die Startbedingungen könnten allerdings besser sein, denn Andrea Kulin wird die Chorleitung nur kommissarisch übernehmen. Die Kirchenmusikerin, die in Bietigheim lebt, hat zum Jahresbeginn eine neue Stelle in Bissingen angetreten. Bis die evangelische Gemeinde einen Nachfolger für sie gefunden hat, wird sie die Kornwestheimer Kantorei leiten und als „Premierenstück“ die Choralkantate „Gott ist gegenwärtig“für Chor und Orchester des romantischen Komponisten Heinrich von Herzogenberg einstudieren. Die Aufführung ist für Sonntag, 14. April, 17 Uhr, vorgesehen.

Wenn’s gut läuft und Bewerbungen auf die jüngst erfolgte Ausschreibung eingehen, tritt zu Ostern der oder die Neue den Dienst an. Allerdings: Er oder sie soll sich nicht nur in der klassischen Musik verstehen, sondern auch popmusikalische Kenntnisse mitbringen. „Wir müssen unser Spektrum deutlich erweitern“, fordert Rüb. Ein „deutlich größerer Teil“ der Menschen habe keinen Zugang zur klassischen Musik. Aber auch der soll Gefallen an der Kirchenmusik finden.

Die Johanneskirche wird das Zuhause moderner Musik

Anlaufpunkt für die Anhänger von moderner Kirchenmusik wird künftig die Johanneskirche sein, die nach dem Umbau, der im Sommer abgeschlossen werden soll, keine Orgel mehr haben wird – dafür aber im Altarraum die erforderlichen Anschlüsse für Gitarren, Bässe oder das Schlagzeug. Jeden zweiten Sonntag im Monat soll in der Johanneskirche ein Gottesdienst mit kirchlicher Popmusik gefeiert werden, dargeboten von der hauseigenen Band namens Higher. Und auch der Chor Mattanja und der in Pattonville beheimatete Gospelchor sollen verstärkt zum Einsatz kommen.

Aber das ist Zukunftsmusik. Zunächst will die Gemeinde die Kornwestheimer Kantorei aus der Taufe heben. Hoffentlich läuft’s geschmeidiger als in der Gründungsphase der Martinskantorei. Chorleiter Christian Lober beklagte sich anno 1895: „Eine ebenso schlimme Sache ist es damit, dass ich jeden Winter, sooft wir wieder beginnen wollen, im Flecken hausieren, ja geradezu betteln und um Gottes Willen bitten muss, bis es gelingt, die Stimmen – und besonders die Männerstimmen – wieder notdürftig besetzt zu erhalten.“

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