Kornwestheim „Bald werde ich wieder bei euch sein . . .“

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Gunter Demnig setzt den Stolperstein für Friedrich Züfle. Foto: Kiefer

Kornwestheim - Bald werde ich wieder bei euch sein, und das soll schön werden, meine Gute.“ So schrieb Ludwig Herr aus dem KZ an seine Tochter Else. Wieder gut geworden ist es für die Familie nie mehr: Herr starb im Januar 1945 – nach zwölf Jahren Haft. Für den einstigen Kornwestheimer KPD-Stadtrat, der seine Gesinnung mit dem Leben bezahlen musste, ist jetzt ein Stolperstein in den Bürgersteig eingelassen – in der Holzgrundstraße 31, seinem letzten selbst gewählten Wohnsitz. Als die Konfirmandin Kim Varnju aus dem Brief von Ludwig Herr vorliest, ein zartes Bach-Air die vorbeirauschenden Autos vergessen lässt und Jugendliche zwei Rosen für Herr und seine Frau neben den Stolperstein legen, da kommen manchem Umstehenden die Tränen. So gegenwärtig wird das Entsetzliche plötzlich, und doch auch so unfassbar.

„Was diesen Menschen passiert ist, das hat immer dort angefangen, wo sie zuhause waren“, sagt Gunter Demnig. Er ist der Initiator der Stolperstein-Aktion und hat mittlerweile in 17 europäischen Ländern und an 309 Orten in Deutschland Stolpersteine in Gehwege eingelassen – 44 000 an der Zahl. Seit Mittwoch schimmern auch in Kornwestheim fünf zierliche Messingplättchen aus dem Asphaltgrau: Neben dem Namen der NS-Opfer werden Geburtsdatum, Leidensstationen und Sterbedatum darauf festgehalten.

An die hundert Menschen – Unterstützer, Interessierte, Verwandte der Opfer, Kommunalpolitiker – verfolgten den Auftakt mit. Viele von ihnen gingen auch den weiteren Weg zu den Häusern mit, aus denen die fünf Kornwestheimer einst verschwanden: Neben Ludwig Herr der Eisenbahner Friedrich Züfle aus der Bolzstraße 72, der antifaschistische Schriften unters Volk brachte und in der Stuttgarter Gestapo-Haft starb. Der psychisch kranke Friedrich Tiefenbacher aus der Ludwigsburger Straße 22, dessen Leben – so Rechercheurin Isolde Gneiting-Tränkle – „trotz Krankheit, Einschränkungen und Abhängigkeiten für ihn ein lebenswertes war, das ihm in der Lebensmitte aber durch politische Willkür aberkannt und gewaltsam ausgelöscht wurde“. Georg Müller aus der Dorfwiesenstraße 29, der die Schillerschule besucht hatte und ein tüchtiger Automechaniker geworden war, bis ein Schatten sein Gemüt verdunkelte und er als Patient einer psychiatrischen Klinik in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet wurde. Und Schwanen-Wirt Michael Wolff aus der Alexanderstraße 24, der als Jude nach der Reichspogromnacht ins KZ Dachau kam, aus diesem erstaunlicherweise wieder entlassen wurde, aber mit ruinierter Gesundheit dann durch einen Tieffliegerangriff sein Leben verlor.

Stolperstein für Stolperstein setzte Gunter Demnig, bedächtig und in sich gekehrt, den großen Hut tief ins Gesicht gezogen – fräste den Asphalt auf, hob das Loch in der richtigen Größe aus, ließ den Stein ein und verfugte die Lücken mit Mörtel, reinigte die Messingaufschrift mit Wasser und polierte sie. Eine Zeremonie, die er seit 1993 fast täglich vollführt. Und doch: „Es wird niemals zur Gewohnheit werden, diese Stolpersteine zu verlegen“, erklärt der Künstler.

Für das tiefe Eindringen in die Lebenswege der fünf Kornwestheimer dankte Friedhelm Hoffmann, Sprecher der Stolperstein-Initiative, den Spurensuchern. Auch Ratgeber von der Ludwigsburger Initiative und aufgeschlossene, jederzeit hilfsbereite Archivare hätten großen Anteil an diesem Gemeinschaftswerk – ebenso wie die evangelische und die katholische Kirche vor Ort. Während Pfarrerin Fraukelind Braun mit den Konfirmanden Daniel Voigt, Kim Varnju, Leonard Jäger, Christoph Heinz und Laura Leipp Gedichtvorträge vorbereitet hatte, begleitete der katholische Kirchenmusiker Peter Döser die Veranstaltung mit dem E-Piano und spielte unter anderem ein Rondo von Peter Heilbut, der einst die Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen überlebte. Womit sich ein weiterer Bezug zu Kornwestheim auftat, mussten die Häftlinge des Schuhläuferkommandos doch auch für Salamander Materialprüfungen vornehmen.

Es sei wichtig, dass heutzutage darüber nachgedacht werde, „wie es möglich war, dass mitten in unserer Stadt Menschen verschwanden und viele beiseite geschaut haben“, sagte Oberbürgermeisterin Ursula Keck. Die Stadt danke der Stolperstein-Initiative: Durch ihr Engagement würden aus geschichtlichen Fakten menschliche Schicksale. Für Friedhelm Hoffmann hat diese Form der Erinnerung eine weitere Dimension: „Sie soll uns gemahnen, dass die Menschenrechte zu den höchsten Gütern gehören. Sie müssen geachtet und verteidigt werden.“

 
 

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