Kornwestheim Bauern kommen mit blauem Auge davon

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Keine Freunde dieser hochsommerlichen Temperaturen: die Hochlandrinder. Foto: Eva Tilgner

Kornwestheim - Knackig rot – so sollen doch die Galaäpfel bitteschön aussehen. Simon Sperling kennt die langen Gesichter seiner Kunden am Marktstand. „Die Hitze hat unsere Äpfel verbrannt“, sagt der Landwirt, dessen Hof zwischen Kornwestheim und Mühlhausen liegt. Der Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht ist für den Apfel am Ende des Sommers das Zeichen zu reifen und somit rot zu werden. „Wenn es nachts aber 15 Grad warm bleibt, können unsere Früchte nicht verfärben“, erklärt Sperling. Im Gegensatz zu den knackig roten Konkurrenten aus dem Supermarktregal stoßen die gelblichen regionalen Früchte bei den Verbrauchern auf Misstrauen. „Dabei sind sie viel aromatischer als die importierten Früchte aus Tirol, die doch immer nur gleich schmecken“, ärgert sich der Landwirt.

Wegen der Hitze ist die Ernte der Äpfel – genau wie die des Weizens – bis zu vier Wochen früher gestartet. Die Zeit drängt auf dem Feld. „Wir Bauern müssen uns persönlich darauf einstellen, dass alles etwas vorzeitiger in die Notreife geht“, sagt Sperling. Beim Getreide zeigt sich der Hofbesitzer noch zufrieden mit dem „durchschnittlichen Ertrag“. Sorgen bereitet ihm der Mais, der teilweise noch auf dem Feld steht. „Da sieht es arg traurig aus“, meint Sperling. Das Problem sei hier nicht die Wasserknappheit, sondern die Temperatur.

Die Befürchtung teilt auch sein Kollege Jens Oswald, dessen Landwirtschaft und Stallungen zwischen Aldingen und Pattonville liegen. „Am besten wäre, wir würden von 2 Uhr morgens bis 11 Uhr vormittags den Mais einfahren“, sagt er. Die Qualität der Maissilage, die als Grundfutter und als Substrat für die Biogaserzeugung eingesetzt wird, ist durch die Hitze bedroht. Denn es fehlt die Feuchtigkeit, die die Pflanze braucht, um zu vergären. Ist die Temperatur bei der Ernte zu hoch, kann es passieren, dass der Gärprozess gar nicht erst in Gang kommt und sich Schimmel bildet.

„Die Maisernte zehrt an unseren Nerven“, beschreibt Oswald die Stimmung unter den Landwirten. Sie wissen: An kühlere Nachtarbeit brauchen sie nicht mal im Traum denken. „Die Maisernte dauert circa zwei Wochen – schon bei der ersten Nachtfahrt wäre mit einer Anzeige wegen Lärmbelästigung der Anwohner zu rechnen“, erzählt Oswald aus Erfahrung.

Nur wenig Verständnis für die Lage der Bauern kommt aus der Bevölkerung, kritisiert er: „Fünf bis zehn Prozent der Leute unterstützen uns in unseren Hofläden – die anderen zeigen kein Interesse.“ Dass das Freibadwetter auch manch einen erfreut kann der Landwirt zwar verstehen, seine 50 Ammenkühen mögen die südlichen Temperaturen ja auch: „Sie legen sich mitten hinein in die prallen Sonne“, schüttelt ihr Besitzer verständnislos den Kopf. Die Hitze draußen macht ihnen nichts aus – der Weide zwischen Pattonville und Aldingen schon. „Die Gräser sind komplett braun“, stellt Oswald fest. Nicht nur dass er und seine Mitarbeiter zusätzliche Futterfahrten durchführen, auch die für die Tiere benötige Wassermenge steigt. Trotz der Belastung durch den Rekordsommer hält Oswald fest: „Bei uns sind die Schäden nicht so hoch wie im Norden von Deutschland.“ Mit einem „blauen Augen“ werden sie davon kommen, die Landwirte in und um Kornwestheim.

„Das liegt vor allem an der guten Qualität des Bodens,“ hält Julian Walker, dessen Landwirtschaft am Feldrand von Pattonville liegt, fest. Sonst wären 50 Prozent der Erträge in Gefahr, so schätzt er. Doch ohne Regen wird selbst die beste Erde nicht nur trocken, sondern scharfkantig. Das wiederum stellt eine Gefahr für die Kartoffelknollen dar. „Sie können bei der Ernte beschädigt werden“, befürchtet Walker. Nun hofft er, dass am Wochenende Regen fällt und er die Kartoffelernte durchziehen kann, um sie vor Schädlingen wie Schnecken oder Drahtwürmer zu retten.

Dass Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) diese Wochen Landwirten mit starken Einbußen staatliche Nothilfen vom Bund von bis zu 170 Millionen Euro zugesagt hat, findet Walker angemessen. „Warum wird die Autoindustrie im Krisenfall unterstützt und wir nicht?“ fragt er. Auch der Obmann der Kornwestheimer Landwirte, Rolf Bayha, fordert eine Lösung um das Wetterrisiko für die Bauern abzufedern: „Das müssen nicht unbedingt Subventionen sein.“ Hilfreich wäre ein Fond, der im Notfall einen Ausgleich geben könnte. „Oder, dass Bauern steuerlich gute Jahre mit schlechten verrechnen.“ Natürlich würden sich die Kollegen bereits ihre eigenen Wege aus der Misere suchen: „In Zukunft werden mehr Sojabohnen angebaut“, sieht der Landwirt Bayha voraus. Früher sei es für diese Pflanzen in Deutschland einfach zu kühl gewesen.

Gegen ein paar Grad weniger hätten die 18 schottischen Hochlandrinder von Simon Sperling, die auf dem Gelände hinter dem Freizeitpark Kornwestheim grasen, nichts einzuwenden. „Diese Tierart mag eine Temperatur um die sechs Grad plus.“ Ihre grauen Freunde, die Esel, die auch dort leben, genießen die Hitze dafür um so mehr.

Ob Tier oder Mensch – der Verlauf der Jahreszeiten ist nicht programmierbar. Die Natur muss der Landwirt so hinnehmen, wie sie ist. Kein Grund zur Beschwerde – im Gegenteil, findet Sperling: „Genau aus diesem Grund habe ich mich für den Beruf des Landwirts entschieden: Jedes Jahr verläuft anders. Das macht den Reiz aus.“ Schade sei nur, dass die Kunden bei ihrem Kaufverhalten keinerlei Verständnis für die Situation der Landwirtschaft zeigen. In seinem Hofladen versucht Bauer Sperling ihnen eines klarzumachen: „Auch wenn Sie noch so darauf bestehen: Hochglanzpolierte Äpfel wachsen nicht auf unseren Bäumen.“

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