Kornwestheim Das Bedürfnis nach Zuwendung und Nähe bleibt

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Im Anfangsstadium der Erkrankung helfen mitunter solche Zettel. Foto: dpa/Jens Kalaene

Kornwestheim - „Einander offen begegnen – Impulse und Informationen für ein gelingendes Miteinander“ – so lautet das Motto der Woche der Demenz, die vom 12. bis 21. September im Landkreis Ludwigsburg stattfindet. Auch die Kirchliche Sozialstation Kornwestheim beteiligt sich. Sie lädt für Montag, 16. September, 16 Uhr, zu einer Demenzpartner-Schulung ins Thomashaus, Theodor-Heuss-Straße 52, ein. Leiterin Claudia Hellinger erläutert im Interview, was es beim Krankheitsbild Demenz zu bedenken gilt.

Frau Hellinger, etwas zu vergessen, das passiert jedem. Wann aber sollten die Alarmglocken schrillen?

Wenn dem Angehörigen immer häufiger Fehler in der täglichen Routine passieren: Wenn er beispielsweise Kleidungsstücke falsch anzieht, wenn er wichtige Dinge wie den Schlüsselbund oder Geldbeutel immer wieder versteckt, aus Angst, dass sie gestohlen werden könnten, und diese dann aber nicht wiederfindet, oder wenn er in der Wohnung die Toilette nicht auf Anhieb findet.

Wenn solche Anzeichen auftreten, was tue ich dann?

Zunächst einmal den Hausarzt konsultieren, aber sich auf jeden Fall auch zum Neurologen überweisen lassen. Das sind die Spezialisten für dieses Krankheitsbild. Ihre Aufgabe ist, eine Diagnose zu stellen.

Bekommt man beim Neurologen schnell einen Termin?

Nein, in der Regel nicht. Die Situation hier in der Region ist sehr schwierig. In Kornwestheim selbst gibt es keine Praxis mehr, man muss sich auf Wartezeiten bei niedergelassenen Neurologen oder Kliniken mit neurologischer Ambulanz von bis zu vier, fünf Monaten einstellen.

Die Erkrankung ohne ärztliche Begleitung durchzustehen, das ist keine Alternative?

Auf keinen Fall. Es gibt rund 60 verschiedene Arten von Demenz, nur die Hälfte der Erkrankungen ist auf die Demenz vom Typ Alzheimer zurückzuführen. Und ganz unterschiedlich sind auch die Ursachen, warum es zu einer Demenz kommen kann. So kann zum Beispiel Bluthochdruck, der über längere Zeit nicht behandelt worden ist, zu einer Demenz führen. Und weil die Formen und Ursachen der Demenz ganz unterschiedlich sind, sind auch die Therapien ganz unterschiedlich. Bei einem frühzeitigen Erkennen der Krankheit können Sie unter Umständen zwei bis drei Jahre an wertvoller Zeit gewinnen, in denen Sie Dinge für spätere Jahre noch selbstbestimmt regeln können.

Können Paare die Demenz eines Partners ohne Unterstützung eines Pflegedienstes schultern?

Das hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel von der Beziehung, die das Paar führt. Wenn man den erkrankten Partner immer zurechtweist und sagt, was er alles falsch macht, dann wird sich das Krankheitsbild verschärfen. Es bedarf eines großen Einfühlungsvermögens und einer Anleitung bei der täglichen Routine. Man muss sich auf den Erkrankten so einlassen, wie er geworden ist. Die menschlichen Bedürfnisse nach Zuwendung und Nähe bleiben immer erhalten. Sie sind keine kognitiven Fähigkeiten und nehmen deshalb im Verlauf der Erkrankung auch nicht ab.

Wie kann die Anleitung zum Beispiel aussehen?

Die Hilfestellung im Alltag kann zum Beispiel so aussehen, dass man Dinge, die der erkrankte Partner immer wieder sucht, rechtzeitig zurechtlegt. Was nicht sein sollte, das ist eine Bevormundung. Je nach Voranschreiten der Demenz können von pflegenden Angehörigen auch Techniken wie zum Beispiel Validation erlernt werden, um dem Erkrankten Sicherheit und Wertschätzung zu vermitteln.

Was ist das Wichtigste im Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind?

Ganz viel Geduld, ganz viel Empathie. Sie müssen bedenken, dass den Menschen ihre Werte, ihre eigene Geschichte wegbricht. Mich hat einmal ein Patient gefragt: Was war ich früher eigentlich für ein Mensch? Er wusste, dass es ein Früher gab, aber er wusste nicht mehr, wie er sich dort verhalten hat, ob er ein fröhlicher oder ein ernster Mensch war, ob er kommunikativ oder eher in sich gekehrt war. Wichtig ist es auch, den anderen seine Defizite nicht spüren zu lassen. Herzkranke fordert man auch nicht zu einem Fünf-Kilometer-Marsch auf, und so sollte man von dementen Menschen auch nicht Dinge verlangen, die sie nicht mehr leisten können. Die Erkrankten spüren sehr genau, wo und von wem sie angenommen werden. Man sollte nicht denken, dass die Menschen – gerade übrigens im Anfangsstadium der Erkrankung – nicht wissen, was mit ihnen passiert. Sie versuchen häufig auch selbst, die nachlassenden Fähigkeiten zu kompensieren.

Ist es mit dieser Erkrankung besser, möglichst viel daheim zu bleiben, damit nur möglichst wenig Eindrücke auf den Erkrankten einprasseln?

Nein, das wäre der falsche Weg. Wenn sich jemand isoliert oder wenn er isoliert wird, dann verlernt er noch schneller seine Fähigkeiten. Die Kirchliche Sozialstation hat ein regelmäßiges Treffen für Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, das Clüble – nicht nur, um die Angehörigen zu entlasten, sondern auch, um den Menschen Möglichkeiten zu bieten, Fähigkeiten – und sei es nur das gemeinsame Kaffeetrinken – zu trainieren. Überforderungen mit einem Zuviel an Eindrücken sollte man aber auch vermeiden.

Wie sollen die Erkrankten und die Angehörigen mit der Diagnose Demenz in der Öffentlichkeit umgehen?

Man verschweigt die Erkrankung viel zu häufig schamhaft, sieht sie als einen Makel an. Das ist fast so wie früher bei Krebserkrankungen, bei denen Menschen den Kontakt zu den Erkrankten abgebrochen haben. Aber wir müssen darauf hinarbeiten, offensiv mit der Diagnose umzugehen. Angehörige sollten die Umgebung, die Nachbarschaft vorsichtig darauf hinweisen, dass der Erkrankte bald Dinge machen könnte, die irrational sind.

Fragen von Werner Waldner

Weitere Informationen
Die Auftaktveranstaltung zur Woche der Demenz findet am Donnerstag, 12. September, um 14 Uhr im Kreishaus Ludwigsburg statt. Die Referentin Sylvia Kern, langjährige Geschäftsführerin der Alzheimer-Gesellschaft Baden-Württemberg, stellt die Geschichte „Walter W. wird wunderlich“ vor. Zudem stellen sich der Pflegestützpunkt des Landkreises und der Unterstützerkreis für Menschen nach der Diagnose Demenz vor. Im Foyer können die Teilnehmer mit verschiedenen Kooperationspartnern, die sich an der Woche der Demenz beteiligen, in den Austausch kommen.

Programm Das gesamte Veranstaltungsprogramm der Woche der Demenz findet sich in einem Programmheft, das in den Rathäusern und den Pflegestützpunkten im Landkreis Ludwigsburg erhältlich ist. Auf der Internetseite www.landkreis-ludwigsburg.de (Themen und Service – Broschüren) kann man das Programmheft ansehen und heruntergeladen. Informationen zur Woche der Demenz erhält man beim Landratsamt Ludwigsburg unter der Telefonnummer 0 71 41 / 14 44 51 06.

Kornwestheim Referenten bei der Demenzpartner-Schulung am Montag, 16. September, 16 bis 17.30 Uhr, im Thomashaus, Theodor-Heuss-Straße 50, sind Dr. Bernt Müller vom Klinikum Ludwigsburg/Bietigheim, Frank Kruse von der Altenhilfe-Fachberatung des Landkreises und Renate Schwaderer von der Kirchlichen Sozialstation. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, die Teilnahme ist kostenlos.

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