Kornwestheim Das Warten auf Hilfe frustriert die Wirte

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Inhaber Ralph Wagner will im Foto: Sophia Herzog

Kornwestheim - Ein erfolgreiches Jahr: Das wünschte Ralph Wagner, Inhaber des Applaus am Marktplatz, seinen Gästen auf der Facebook-Seite seines Restaurants. Wenig später platzte ihm an gleicher Stelle der Kragen. Mit einem Brandbrief wandte er sich am vergangenen Freitag an Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). Die Zweifel, dass 2021 für ihn als Gastronom und seine Mitbürger angesichts der Corona-Strategie der Regierung erfolgreich verlaufen wird, wurden immer größer. „Nach zweieinhalb Monaten ist es unerträglich, da muss man seinem Ärger mal Luft verschaffen“, sagt Wagner.

Der Gastronom beklagt die schleppende Auszahlung der Überbrückungshilfen, die er lediglich als Abschlagszahlung für den November erhalten hat, und die fehlende Perspektive, wann er wieder öffnen kann. So bemängelte der Unternehmer in seinem Brief, dass der Minister Versprechungen mache, deren Einhaltung aber verschiebe. Zudem solle er „sich vielleicht die Sorgen der breiten Masse anhören und diese Argumente (. . .) mit einfließen lassen.“ Zu einem Austausch lud er Scholz in dem Schreiben nach Kornwestheim ein. Bei solch einem Treffen hätten einige seiner Kollegen wohl ein Wörtchen mitzureden. Die Verlängerung des Lockdowns bis zum 31. Januar trifft die Restaurants, Hotels und Kneipen in Kornwestheim hart. Seit November dürfen die Gastronomen keine Gäste empfangen – ausgerechnet in der umsatzstärksten Zeit des Jahres. „Die vergangenen beiden Monate sind unsere Erntezeit. Da machen wir mit Weihnachtsfeiern einen wichtigen Teil unseres Umsatzes“, sagt Ralph Wagner.

Bundeswirtschaftsministerium verspricht: Novemberhilfe soll bald fließen

Das Applaus hat seinen Betrieb seither fast komplett heruntergefahren. Lediglich einen Mittagstisch gibt es – zum Abholen und Liefern. Kostendeckend sei das nicht. „Die Festangestellten arbeiten auf 15 Prozent, erhalten Kurzarbeitergeld. Das dient aber mehr als Motivationshilfe“, sagt Wagner. Die Betriebskosten für das Restaurant muss der Unternehmer vorstrecken.

Erleichterung für den Gastronom könnte eine Mitteilung des Bundeswirtschaftsministeriums bringen. Wie das Ministerium am Dienstag bekannt gab, seien die technischen Voraussetzungen nun gegeben, sodass die Auszahlung der Novemberhilfe starten könne. Angesichts der ständigen Verschiebungen zuletzt bleibt Ralph Wagner aber skeptisch. Auch die Hoffnung auf eine rasche Auszahlung der Dezemberhilfe, die wie die Unterstützung im November bis 75 Prozent des Umsatzes im Vorjahresmonats beträgt, will er nicht so recht teilen. „Ich glaube es erst, wenn das Geld auf meinem Konto ist. Wenn das so weitergeht, wird es einige Betriebe bald nicht mehr geben.“ Unterstützung erhält Wagner von Marcel Demirok, der die Kneipe Zum Brünnle nebenbei betreibt. „Das, was da passiert, ist ein Komplettversagen“, so der Wirt und FDP-Stadtrat.

Marcel Demirok prangert Fehlen von Konzepten an

Im Frühjahr hatte er zu einem Protest der Gastronomen vor Ort aufgerufen und dabei mehr Solidarität für seine Kollegen und sich eingefordert. Daher ärgert sich Demirok, dass seither keine Konzepte entwickelt wurden. Ebenso kritisiert er, dass von der Novemberhilfe nur Abschläge ausgezahlt wurden. „Warum bekommt man nicht das Geld, das als unbürokratische Hilfen versprochen wurde, sondern nur Häppchen?“, fragt Demirok.

Sascha Paravani kämpft derzeit nicht nur mit ausufernder Bürokratie, sondern auch mit seiner eigenen Motivation. „Ich bin seit 16 Jahren leidenschaftlicher Gastronom in Kornwestheim. Jetzt fällt es mir das erste Mal schwer, mich zu motivieren“, klagt der Inhaber des Ristorante Da Sascha in der Bogenstraße. Zu ermüdend seien die zeitraubenden Anträge, die Unklarheit, wann die Unterstützung komme und wann es weitergehe. „Wir haben im Sommer viel Aufwand betrieben, um unser Restaurant nach den Auflagen umzurüsten. Jetzt werden wir komplett allein gelassen“, sagt Paravani, der einen Abhol- und Lieferservice anbietet.

Verständnis für spätere Auszahlung

„Wirtschaftlich war 2020 eine Katastrophe“, sagt Elke Renninger, Küchenmeisterin im Gasthof Hasen. In den Familienbetrieb kommen derzeit nur Hotelgäste und Kunden, die vom Abholservice Gebrauch machen. „Wir haben das Glück, dass wir Arbeiter der Baustellen beherbergen und bewirten können“, so Renninger. Im Hotel Domizil liege die Belegung der Zimmer bei einem Drittel. Der Stuttgarter Hof ist seit März geschlossen. Den Hotelbetrieb stemmt Elke Renninger mit den jüngeren Mitarbeitern, die Älteren sind in Kurzarbeit zuhause. Trotzdem zeigt die Küchenmeisterin Verständnis für die späte Auszahlung der Hilfen. „Wir warten auch. Aber ich finde es richtig, dass genau geprüft wird. Es gibt auch einige schwarze Schafe“, sagt sie.

 
 

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