Kornwestheim Der Groschen fällt nach zehn Minuten

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Eines der „Opfer“, bestens gelaunt. Foto: Birgit Kiefer Foto:  

Kornwestheim - Es hat gedauert, bis Thomas Plitzner und seine Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr kapiert haben, was für ein Spiel gespielt wird. Eigentlich hätten sie sich wie beim Hase-Igel-Spiel vorkommen müssen: Alle waren schon in der Holzgrundstraße, als sie um 18.40 Uhr, sechs Minuten nach der Alarmierung, mit lautem Martinshorn durch die Jakobstraße bretterten, um kurz vor dem Holzgrunddurchlass ein Feuer zu löschen. Rechts in der Gartenstraße: Zwei Vollzugsbeamte, an einer Ausfahrt am Norma: Ein Polizeiwagen. Die Presse sprang schon vor dem betroffenen Haus mit Fotoapparat herum – aber wer hat schon für solche Details ein Auge, wenn ein junger Mann aus einem rauchenden Gebäude rennt und berichtet, dass in den oberen Stockwerken Flüchtlinge Unterschlupf gesucht hätten und jetzt dort vom Rauch eingeschlossen seien?

Gruppenführer Peter Schraud schickte jedenfalls als erstes mehrere Trupps unter Atemschutz in das abbruchreife Haus. „Die Menschenrettung hat Priorität“, erklärte er hinterher. Thomas Plitzner traf im Treppenhaus auf das erste Opfer, Hendrik Machel. Ohne viel Federlesens beförderten ihn die Einsatzkräfte an die frische Luft – der 18-Jährige klagte über Atemprobleme und berichtete, dass sich weitere Menschen in der obersten Etage befänden. Um 18.46 trugen ihn seine Retter aus dem Haus und legten ihn zunächst auf dem Fußweg ab. Der Ruf nach dem Notfallkoffer erschallte. Die Feuerwehrleute mussten sich um die Erstversorgung des jungen Mannes kümmern, bis das Deutsche Rote Kreuz kurz darauf eintraf, andere Floriansjünger gingen aber zugleich erneut in das Haus.

Eines der nächsten „Opfer“, das die Kornwestheimer Feuerwehrleute nun fanden, kam ihnen dann aber bekannt vor und als die junge Frau auch noch etwas von einer Rauchbombe erzählte und Schraud eine rauchende Tonne erblickte, da fiel bei ihm der Groschen: Die Helfer waren ihren Kommandanten auf den Leim gegangen. Die hatten mit einem engen Kreis an Vertrauten eine streng geheime Übung ausbaldowert. Nur Einsatzleiter Daniel Schmitt vom DRK, der zugleich der Notfallmanager der Bahn ist,, die Einsatzleitstelle und die Stadtspitze waren eingeweiht worden – und die Polizei natürlich, die dafür sorgte, dass niemand durch den Einsatz gefährdet wird.

Der ging auch rasend schnell vonstatten. Schon wenige Minuten nach dem Alarm – der auch von aufmerksamen Anwohnern, die von einem brennenden Signal der Bahn sprachen, erneut gemeldet wurde – rückte die Feuerwehr aus. Innerhalb von Minuten war die Holzgrundstraße mit Einsatzfahrzeugen vollgestellt. Aber bilderbuchmäßig war der erste Wagen der Wehr so vorgefahren, dass das folgende Fahrzeug mit der Drehleiter noch Platz direkt vor dem „brennenden“ Haus fand. Die Drehleiter wurde ausgefahren, und nachdem alle vermeintlichen Flüchtlinge evakuiert waren, wurde der Brandherd durch einen Angriff von außen und von innen gelöscht.

Wie im wahren Leben versammelten sich schnell Passanten, Anwohner und Neugierige auf dem gegenüberliegenden Fußweg, Autofahrer drehten nach einiger Zeit des Wartens ab, um sich einen anderen Weg zu suchen. Eine Nachbarin trat aus ihrer Haustür und fragte beunruhigt, was denn los sei.

„Der Rauch war schon beißend“, erzählte Schraud nach der Übung, da sei es wirklich schwer gewesen, zu erkennen, was hinter dem Ganzen steckte. Auch die Einsatzkräfte vom Roten Kreuz hatten zunächst keine Ahnung, Daniel Schmitt war aber aus Rot-Kreuz-Sicht sehr zufrieden mit dem Ablauf der Übung. Angekündigte Übungen verliefen anders, befand er. Der jetzige Übungseinsatz sei jedenfalls völlig konzentriert und strukturiert abgelaufen – schließlich hätten alle gedacht, es ginge wirklich um Menschenleben.

Das Rote Kreuz war mit drei Fahrzeugen und zwölf bis 15 Mann vor Ort, die Feuerwehr hatte fünf Wagen im Einsatz. „Das ist dir geglückt“, lobte Gruppenführer Peter Schraud den strahlenden stellvertretenden Kommandanten, Matthias Häußler, nach der Übung und klopfte ihm auf die Schulter – die Erleichterung war Schraud am Gesicht abzulesen. Spätestens als Thomas Plitzner auf den inzwischen wieder herumspringenden Hendrik Machel, der von einem Arbeitskollegen als „Opfer“ geworben worden war, zumarschierte und ihn fragte, wie es ihm gehe, nur um nachzuschieben „du hättest doch was sagen sollen, dann hätten wir dich da nicht so rausgeschleift sondern wären etwas vorsichtiger vorgegangen“ – da musste auch der Letzte verstehen: Hier ging es nur darum, zu sehen, wie gut die Feuerwehrleute das Gelernte unter realistischen Bedingungen umsetzen. Danach ging’s noch kurz eine Neuanschaffung testen – ein Schlauchpaket mit einem 30-Meter-Schlauch. Er soll es künftig ermöglichen, den Schlauch an den Brandherd zu tragen und dabei noch beide Hände frei zu haben. Und dann: ab zu wohl verdienten Abendessen und einem gemeinsamen Absacker.

Häußler sind nur Feinheiten aufgefallen, die noch verbessert werden könnten, ansonsten: Daumen hoch.

 
 

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