Kornwestheim Die Atmosphäre einer ganz besonderen Zeit

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Von links: Eberhard Keil, Ursula Keck, Hans-Michael Gritz, Martin Müller Foto: Peter Meuer

Kornwestheim - Durch das Kornwestheimer Jugendzentrum wehen die Klänge von „I can’t get no satisfaction“. Wenige Minuten vor dem Welthit der Rolling Stones war Barry McGuires „Eve of destruction“ zu hören. Zwar lauschen die Besucher im Konzertraum des Juz konzentriert, einige ältere Gäste singen sogar, auf ihren Stühlen sitzend, leise mit. Doch ist davon auszugehen, dass die beiden musikalischen Meilensteine wohl eher selten auf Handy und MP3-Player des typischen Juz-Besuchers zu finden sind. Um Unterhaltung geht es folgerichtig dabei nicht, zumindest nicht vorrangig.

Die Einspieler mit den Anti-Establishment-Songs aus der Mitte und dem Herzen der 60er-Jahre sind Teil des dritten Generationentalks der Stadt Kornwestheim, der am Dienstagabend stattfand. „Demokratie, Bürgerrechte, Meinungsvielfalt – die 60er Jahre und ihre Folgen“, lautet diesmal das Thema. Die Diskussionsrunde soll mehr als eine Geschichtsstunde sein. Sie soll ein Lebensgefühl erklären, auch die politische Atmosphäre jener Jahre, in der die Nachkriegsgeneration begann, Fragen zu stellen und sich zu äußern. Anekdoten, persönliche Erlebnissen und eben auch die Musik sollen die Zeit besonders für jüngere Besucher begreifbar machen und sie mit den Älteren ins Gespräch bringen. Organisiert haben auch den dritten Generationentalk der städtische Integrationsbeauftragte Kadir Koyutürk und sein Team, die Mitarbeiter des Jugendzentrums um den Sozialpädagogen Jan Brandt haben diesmal mitgewirkt.

Auf dem Podium moderiert Martin Müller vom Beirat Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung des Landes Baden-Württemberg. Die Kornwestheimer Oberbürgermeisterin Ursula Keck ist ebenfalls dabei, erklärt, nimmt Stellung, stellt aber vor allem auch Fragen. Als Zeitzeugen, die die schicksalsträchtige Zeit Ende der 60er Jahre in Kornwestheim miterlebt und mitgestaltet haben, sind Eberhard Keil, damals durchaus sozialrevolutionär unterwegs, und Hans-Michael Gritz, den man als Fraktionsvorsitzenden der SPD in Kornwestheim kennt, mit dabei. Beide gingen Ende der 60er aufs Ernst-Sigle-Gymnasium, Gritz ist fünf Jahre jünger als Keil, der 1969 zum Abiturjahrgang gehörte und noch dazu eine recht aufrührerische Schulzeitung mitgestaltete.

Keil berichtet von der skandalträchtigen Abiturfeier. „Wird am Ernst-Sigle-Gymnasium der Aufruhr geprobt?“, fragte unsere Zeitung damals empört. Schüler warfen Flugzettel in die Menge, auf der sie anprangerten, dass Lehrer nach wie vor handgreiflich würden. Woraufhin Lehrer auf die Störenfriede einstürmten und, nun ja, handgreiflich wurden. Ein „tüchtiger Sportlehrer“ habe eingegriffen, eine Brille ging zu Bruch, ein Schüler hatte später eine Gehirnerschütterung, erinnert sich Keil. Tumult also. Der damalige Oberbürgermeister Pflugfelder – „ihr Amtsvorgänger, Frau Keck“ – habe sich zu Wort gemeldet und die Frage gestellt, ob man die Abiturienten die Feier derart gestalten lassen wolle. Die Schüler gingen daraufhin, kamen später mit Verstärkung zurück und bauten sich um die Veranstaltung auf. Erst nach einem Steinwurf kehrte Ernüchterung ein.

Von dem originär Kornwestheimer Ereignis geht es in der Folge weiter, zu Erfahrungen an den Universitäten oder auch der Rolle Amerikas. Wie die USA zunächst als Vorbild gesehen wurde, später dann zunehmend kritischer während des Vietnamkrieges, erläutert beispielsweise Hans-Michael Gritz. „Das hatte mit Demokratie für uns nicht mehr viel zu tun.“ Auch, wie die antiautoritären Bewegungen und Hippies sich zunehmend politisierten, wie sich K-Gruppen bildeten, es zur RAF kam oder so mancher sich zum „Gang durch die Institutionen entschloss“, ist die Rede. Keil und Gritz wurden jedenfalls Lehrer, landeten beide in der SPD. Dass und wie die Erfahrungen der 60er-Jahre sie zu politisch denkenden Menschen machten, stellen sie heraus. Nach den Vorträgen dürfen sich im zweiten Teil des Generationentalks Besucher mit aufs Podium setzen, Fragen stellen und von eigenen Erlebnisse erzählen. Mehrere, auch jüngere Gäste machen von dieser Möglichkeit Gebrauch. Wie man damals an Informationen über den Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich und generell an Informationen gekommen sei? Gritz und Keil berichten von Zeitungen, Rundfunk, vor allem aber auch von Stadtbücherei und „Raubdrucken“. Auch wie man generell die Ereignisse in der Welt wahrgenommen habe, wird gefragt.

Zum Schluss wird der Bogen zur heutigen Protestbewegung „Fridays for future“ gespannt, bei der die Zeitzeugen durchaus Parallelen entdecken zu ihrem politischen Engagement als Schüler und Studenten. Und auch die Frage nach dem Wiedererstarken autoritärer Bewegungen wird diskutiert. Das Schlusswort gehört hierzu Ursula Keck. „Es gibt wieder Diskriminierungen und Ausländerfeindlichkeit“, sagt die Oberbürgermeisterin. „Deswegen ist es gerade heute wichtig, zurückzublicken um die damalige Zeit und ihre Mechanismen zu verstehen.“

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