Kornwestheim Die Entrechteten nicht vergessen

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In Kornwestheim werden im November die ersten Stolpersteine verlegt. Foto: dpa

Kornwestheim - Anderthalb Jahre lang beschäftigt sich die Stolperstein-Initiative inzwischen mit Schicksalen von Kornwestheimern, die im Dritten Reich umgebracht oder in den Tod getrieben wurden oder in Folge von Misshandlungen starben: weil sie sich gegen das Regime gestellt hatten, weil sie krank waren oder behindert – ihr Leben in der perfiden NS-Terminologie also „lebensunwert“ war.

Fünfen dieser früheren Kornwestheimer Bürger soll nun mit einem Stolperstein ein Denkmal gesetzt werden. Denn „ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert der Künstler Gunter Demnig den Talmud. Demnig hat inzwischen Stolpersteine für NS-Opfer aus mehr als 500 Städten gestaltet und verlegt. Auch die Kornwestheimer Steine wird er in die Gehwege einlassen – dort, wo der letzte Wohnort der Menschen war, an die sie erinnern sollen. „Das lässt sich Gunter Demnig nicht nehmen, das selbst zu machen“, sagt Friedhelm Hoffmann. Der Stadtrat der Linken hat die Stolperstein-Initiative zusammen mit der evangelischen Pfarrerin Fraukelind Braun und dem katholischen Pfarrer Franz Nagler ins Leben gerufen. Erinnern werden diese Stolpersteine an Ludwig Herr, Friedrich Züfle, Friedrich Tiefenbacher, Georg Müller und Michael Wolff.

Ludwig Herr hatte sich für die KPD im Gemeinderat engagiert. Schon Anfang 1933 wurde er, zusammen mit seinem Sohn Fritz, ins Konzentrationslager Heuberg und danach ins KZ Oberer Kuhberg in Ulm gebracht. 1944 führte sein Leidensweg ins KZ Dachau, von dort aus ins KZ Neuengamme, wo er im Januar 1945 starb. Der Eisenbahner Friedrich Züfle, der sich zunächst bei der kommunistischen, dann bei der sozialdemokratischen Partei engagiert hatte, schaffte Informationen über das NS-Regime ins Ausland und verteilte antifaschistische Literatur, etwa auf dem Ulmer Bahnhof. Die Gestapo verhaftete ihn und seine Frau im Sommer 1938, ein halbes Jahr später starb er, nach amtlichen Angaben „durch Selbsttötung“, in Gestapo-Haft.

Der Kornwestheimer Georg Müller war behindert. Körperlich und psychisch Kranke gehörten zu den ersten Opfern des systematisch vorbereiteten Ausrottungsplans der Nationalsozialisten. Müller wurde zunächst in die Heilanstalt Weissenau eingewiesen und kam dann nach Grafeneck. Dort wurden 1940 fast 11 000 Menschen aus Krankenanstalten und Heimen ermordet. Auch Georg Müller starb dort.

Der psychisch kranke Taglöhner Friedrich Tiefenbacher aus der Lange Straße, der nach dem Tod seines Vaters unter der Obhut eines Vormunds und dann in verschiedenen Heilanstalten gelebt hatte, starb im Juli 1940 in der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz, in der allein in den Jahren 1940 und 1941 18 000 Menschen vergast wurden.

Michael Wolff war Kornwestheims „Schwanen“-Wirt gewesen. Der Sohn einer jüdischen Familie war 1928 zum Katholizismus konvertiert. Dennoch wurde 1935 sein Pachtvertrag aus „rassischen Gründen“ nicht verlängert. Nach der Reichspogromnacht kam er ins KZ Dachau, wurde allerdings wieder entlassen – mit Erfrierungen und anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Wolff schlug sich als Aushilfskellner und Fabrikarbeiter durch und starb im April 1945.

In kleinen Gruppen haben die Mitglieder der Stolperstein-Initiative recherchiert, in Archiven geforscht, teils auch die Leidensstätten der Umgekommenen besucht. „Die Ludwigsburger Stolperstein-Initiative hat uns Anregungen gegeben“, erzählt Friedhelm Hoffmann. „Zum Beispiel, wie man am besten recherchiert, wo man Querverweise findet und in welche Fallen man tunlichst nicht tappen sollte.“

Am Tag der Stolperstein-Verlegung werden die Biografien der Opfer vorgelesen, eventuell auch Gedichte oder Musikstücke vorgetragen. „Wir überlegen auch, eine kleine Broschüre mit den Lebensdaten zu erstellen“, sagt Hoffmann. Außerdem sei die Gründung eines gemeinnützigen Vereins im Gespräch, denn das mache unter anderem das Spenden für die Stolpersteine interessanter. „Die Geschichte“, merkt er an, „kostet ja auch ein bisschen Geld.“

Die Initiative hat übrigens weitere Opfer-Lebensläufe im Blick. Gut möglich, dass man in Kornwestheim zukünftig auch über mehr als fünf NS-Schicksale stolpern wird.

 
 

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