Kornwestheim Die Gegenwart macht das Erinnern nötig

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Vera Friedländer hat den Kornwestheimer Zuhörern ihrer Lesung einiges zu denken mit auf den Weg gegeben. Foto: Christian Mateja

Kornwestheim - Du hast Töne in die Stadt gebracht, die nicht nur harmonisch sind“, dankte Pfarrerin Fraukelind Braun von der Stolperstein-Initiative Vera Friedländer nach deren Lesung. Ihre Worte hallen tatsächlich noch eine Weile in den Ohren nach – und werden vielleicht bald in Kornwestheim unüberhörbar sein. Weitergetragen werden dürfte, was Friedländer zu berichten hatte, von über 130 Interessierten, die sich zu der Veranstaltung der Stolperstein-Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern, in der Stadt eingefunden hatten. So viele waren es, dass mehrfach Stühle angekarrt werden mussten, bis alle einen Sitzplatz hatten.

Die zarte, aber stimmgewaltige Friedländer hat in jener Stadt, in der das Schuhunternehmen Salamander gegründet wurde, aus ihrem Buch „Ich war Zwangsarbeiterin bei Salamander“ gelesen und ist damit auf viel Resonanz gestoßen. Ihre Kritik an dem Schuhproduzenten beschränkt sich nicht auf das Gebaren während des Nationalsozialismus, sondern umfasst auch den Umgang mit der NS-Vergangenheit in den folgenden Jahrzehnten.

Insbesondere griff Friedländer Professor Hanspeter Sturm an, der 2011 verstarb. Der Kornwestheimer Jurist und Leichtathletikfunktionär habe bis in die 2000er Jahre hinein ein falsches Bild vom Verhalten des Schuhunternehmens transportiert, verbal die Arisierung der Firma verharmlost, Nazijargon ohne Distanzierung verwendet und einen Mythos weitertradiert, der nichts mit der Realität gemein habe. „Sturm ist unsere Gegenwart“, postulierte Friedländer in der Stadtbücherei im Kultur- und Kongresszentrum das K, „und darum habe ich das Buch geschrieben.“

Sturm hatte 1958 die Salamander-Chronik verfasst. Er attestierte dem Schuhfabrikanten darin eine „vorbildliche Haltung“, sprach von „schützenden Händen“, die über die hiesigen Juden während der Naziherrschaft gehalten worden seien. Sturm war eine Institution in Kornwestheim, das Wort des von vielen nur wahlweise „der Professor“ oder „Stummi“ Genannten hatte bis zu seinem Tod Gewicht. Sogar darüber hinaus blieb der langjährige Stuttgarter Polizeipräsident präsent in der Stadt: So wurde die Stadionhalle 2014 nach dem Chef der Salamander-Leichtathleten benannt. Die Wunden, in denen Friedländer bohrt, sind also nicht nur 70 Jahre alt und älter, sondern teilweise im Gegenteil sogar noch sehr frisch.

Verteidiger Sturms traten in der Stadtbücherei am Samstagabend dennoch nicht auf die Bühne. Stattdessen: Die teils von dem Bericht Friedländers erschütterten Zuhörer brachten ins Gespräch, über die Namensgebung der Halle sowie des Ernst-Sigle-Gymnasiums (Ernst Sigle war Vorstandsmitglied und Aufsichtsratsvorsitzender bei Salamander) nachzudenken. „Ich bin beschämt und bestürzt“, sagte eine frühere Schülerin des Gymnasiums, und fragte: „Ist es noch zeitgemäß, dass die Schule so heißt?“ Ernst Sigle, so Friedländer, sei nachweislich mehrfach bei der Schuhprüfstrecke im Konzentrationslager Sachsenhausen gewesen, um die Anlage, auf der Internierte bis zum Umfallen Schuhe aus Lederersatzstoffen testen mussten, zu überprüfen. „Die Direktoren von Salamander wussten ganz genau, was in Sachsenhausen vor sich ging“, so Friedländer.

Eine Zuhörerin sagte mit Blick auf die Namensgebung der Hanspeter Sturm Stadionhalle: „So viel zum Punkt Aufarbeitung.“ Sturm stand schon damals in der Kritik. Der Stadtrat der Linken im Gemeinderat, Friedhelm Hoffmann, verweigerte 2014 seine Stimme für den neuen Namen unter Hinweis darauf, dass Sturm bis zuletzt die Auseinandersetzung mit Vera Friedländers Vorwürfen gegen Salamander verweigert habe. Auch das Unternehmen selbst hat sich nie entschuldigt und stets geleugnet, dass es die von Friedländer beschriebene Zwangsarbeit in seinem Namen gegeben habe. Die Zeitzeugin gibt an, dass sie im Alter von 16 Jahren in einem Reparaturbetrieb in Berlin, von der SS bewacht und angetrieben, Schuhe sortieren musste.

Die Begrüßung der Zuhörer und Friedländers hatte Dr. Irmgard Sedler, Leiterin der Städtischen Museen, spontan übernommen, nachdem sich Oberbürgermeisterin Ursula Keck entschuldigen ließ – krankheitshalber. Ins Thema führte Isolde Gneiting-Tränkle von der Stolperstein-Initiative ein. „Die Mehrheit der Kornwestheimer Bevölkerung glaubte an die Untadeligkeit des größten Arbeitgebers in der Stadt“, so Gneiting-Tränkle. Bis heute habe sich Salamander seiner Verantwortung entzogen.

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