Kornwestheim Die Krone fördert den aufrechten Gang

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Claudia Ebert mit drei Exemplaren aus ihrer großen Königsfamilie. Foto: Werner Waldner

Kornwestheim - Ein König mit Latzhose oder im Rollstuhl, eine Königin mit Akkordeon oder mit einer Strickweste – wo gibt’s denn das? Derzeit in der Möhringer St.-Hedwig-Kirche, lautet die Antwort. Und jederzeit im wirklichen Leben, sagt Claudia Ebert, früher Gemeindereferentin in der katholischen St.-Martinus-Gemeinde in Kornwestheim und nun als Seelsorgerin für Menschen mit Behinderung im Stadtdekanat Stuttgart tätig.

Ein ganzes Königreich ist in der schlichten, hellen, aus dem Jahr 1951 stammenden Pfarrkirche entstanden. Die 22 getöpferten Figuren erzählen Geschichten aus dem Leben. „Mein Töpfern“, erzählt die Gemeindereferentin, „lebt aus den Begegnungen im Alltag.“ Da ist zum Beispiel die Königin, die eine Strickweste mit vielen Knöpfen trägt. Eine solche hat Claudia Ebert auch bei einem Besuch in einem Pflegeheim angehabt. Eine Bewohnerin fragte erstaunt, ob Claudia Ebert die Weste allein zugeknöpft habe. Und als die Seelsorgerin nickte, schob die alte Dame noch ein „Alles heute?“ hinterher. Eine Bluse oder ein Hemd zuzuknöpfen, das stellt für alte Menschen mitunter eine große Herausforderung dar. Aber gleich eine Weste mit so vielen kleinen Knöpfe?

Claudia Ebert ist zutiefst davon überzeugt, dass jeder Mensch „unsichtbar eine Krone auf dem Haupt trägt“. Und das sei auch gut so, denn wer sich seiner Krone auf dem Kopf bewusst sei, der gehe aufrecht durchs Leben. Zum Töpfern ist die in Esslingen lebende Gemeindereferentin in ihrer Kornwestheimer Zeit gekommen. Mit Kommunionkindern wollte sie etwas Dauerhaftes erstellen, was die Jungen und Mädchen immer an den Tag erinnert. Mit Hilfe von der in der Gemeinde lebenden und vor einigen Jahren verstorbenen Christa Moser, die über einen eigenen Brennofen im Keller verfügte, produzierten die Kinder Ton-Kreuze. 120 an der Zahl.

Und nun sind’s Könige, die Claudia Ebert aus dem Brennofen holt. Auf die Idee haben die Männer und Frauen aus der Kreativwerkstatt des Behindertenzentrums (BHZ) in Stuttgart-Feuerbach die Gemeindereferentin gebracht. Sie gestalten aus alten Holzkisten kleine Figuren, mit einer Krone versehen, von denen einige auch in der Ausstellung in der St.-Hedwig-Kirche zu sehen sind.

Die ersten Könige aus Ton hat Claudia Ebert in einem Pflegeheim gestaltet, in denen ihr Vater die letzten Monate seines Lebens wohnte. Einen Tag in der Woche verbrachte sie dort. So entstanden am Kaffeetisch nach und nach die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner des Vaters als Tonfiguren mit einer Krone auf dem Kopf. „Ich habe durch ihre Demenz hindurch königliche Menschen geschaut und erlebt.“

Zur fast 50-fachen Königsmutter ist Claudia Ebert mittlerweile avanciert. Es gibt den „alten König im Exil“, frei nach einem Roman von Arno Geiger, es gibt einen König, in dessen Krone Weihrauch entzündet werden kann, es gibt den König mit Flöte. Fast allen Königsfiguren ist gemein, dass sie nichts in ihren Händen halten. Aus gutem Grund. „Nicht das, was wir bringen und schenken, ist kostbar, sondern unsere Präsenz“, sagt die Esslingerin.

Es sollen in Zukunft noch mehr Könige werden, berichtet Ebert. Bei der Arbeit mit den Tonklumpen kann sie abschalten, Begegnungen mit Menschen verarbeiten, sich in Gedanken vertiefen. Nach Weihnachten will sie „reine Töpfertage“ einlegen. „Das ist für mich dann wie Exerzitien.“

Als „Seelsorgerin bei Menschen mit Behinderungen“, wie es Claudia Ebert formuliert, arbeitet sie als Religionslehrerin an Schulen für behinderte Menschen und begleitet Familien mit einem behinderten Kind. Eine Brücke schlagen und Begegnungen schaffen will sie zwischen den Kirchengemeinden und den Menschen mit Behinderung. Noch sind ihr die Behinderten viel zu wenig präsent im Alltagsleben. „Inklusion“, sagt sie, „ist doch eigentlich das Normalste der Welt. Aber sie wird nicht gelebt.“

Noch bis zum 13. Januar sind die Könige in der Möhringer Pfarrkirche St. Hedwig (Lieschingstraße 44) zu sehen – in einer Zeit, in der in der katholischen Kirche besonders viele Königsfeste gefeiert werden, angefangen vom Christkönigsfest Ende November über die Geburt des Königskindes am Heiligen Abend, dem Fest der Heiligen Drei Könige am 6. Januar und dem der Taufe des Herrn eine Woche später.

Und dann? Treten die Königinnen und Könige von der Bühne in der St.-Hedwig-Kirche ab – hoffentlich mit der Folge, dass sich (nicht nur) die Besucher der kleinen Ausstellung dessen bewusst sind, dass sie selbst eine Krone auf dem Kopf tragen. Nach einem Lied von Frieder Gutscher hat Claudia Ebert ihre Ausstellung deshalb auch „Du bist ein Königskind“ genannt.

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