Kornwestheim Die Rechercheure haben weiterhin zu tun

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Friedrich Gürr wurde ein Opfer der NS-Euthanasiemorde. Foto: z/Stolperstein-Initiative

Kornwestheim - Julius Löw, Lina Herr und Friedrich Herr sind die Stolpersteine gewidmet, die kommende Woche in der Stadt verlegt werden sollen. Sie haben das Dritte Reich überlebt, mussten aber Gefängnis, KZ-Haft und vielfache Drangsal erleiden. Nicht überlebt hat das Nazi-Regime Friedrich-Christof Gürr. Der geistig behinderte junge Kornwestheimer wurde 1940 in Grafeneck umgebracht. In Absprache mit seiner Familie – die keinen Stolperstein wollte, aber mit einer anderen Form der Würdigung einverstanden war – bringt die Kornwestheimer Stolpersteine-Initiative eine Gedenktafel an dem Haus an, in dem Gürr zuletzt gewohnt hatte.

Den Schicksalen dieser Menschen nachgegangen sind Renate Benger-Wagner, Fraukelind Braun, Anne Jeziorski und Martin Wildner. Sie hatten sich bereits für die Verlegung der ersten fünf Kornwestheimer Stolpersteine in die Biografien von NS-Opfern vertieft – diese waren vor knapp zwei Jahren Ludwig Herr, Friedrich Züfle, Friedrich Tiefenbacher, Georg Müller und Michael Wolff gewidmet und in einem groß angelegten feierlichen Akt in die Bürgersteige vor ihrer letzten Kornwestheimer Wohnstätte eingebracht worden. „Seitdem hat’s keinen Stillstand gegeben“, sagt Friedhelm Hoffmann, Sprecher der Initiative. Diese ist inzwischen ein – nicht rechtsfähiger – Verein, anerkannt gemeinnützig, zählt mittlerweile mehr als 20 Mitstreiter und hat jetzt auch eine eigene Homepage, die Mitglied Andreas Schipprack gestaltet hat. Einige Spender – Privatleute und auch drei Kornwestheimer Firmen – haben die Arbeit der Rechercheure, die sich der Aufgabe sämtlich ehrenamtlich widmen, bislang unterstützt.

„Es ist eine stabile, tolle Truppe mit Leuten aus ganz unterschiedlichem Umfeld“, so charakterisiert Hoffmann die Initiative, „in der in guter Atmosphäre offen und ohne Vorbehalte diskutiert wird. Durchaus auch kontrovers.“ Etwa, wie man mit dem „Trend zur Kommerzialisierung“ umgehe, der der Stolpersteine-Bewegung anhafte.

Die neuen Stolpersteine für Lina Herr, Friedrich Herr und Julius Löw wird der Kölner Bildhauer Gunter Demnig – er stellt die Stolpersteine auch her – am Mittwoch, 16. September, verlegen. Start ist um 9 Uhr in der Ebertstraße 52. Dazu gibt es ein Faltblatt, auf dem die Lebenswege kurz nachgezeichnet sind. Die Initiative hat es in einer Auflage von 500 Stück drucken lassen und legt es an verschiedenen Stellen aus.

Bis zum Jahresende hat die Initiative überdies noch weitere Aktionen im Programm. Im November holt sie in Zusammenarbeit mit der Stadt eine Wanderausstellung des Dokumentationszentrums Grafeneck über die Euthanasieverbrechen in Südwestdeutschland ins Rathausfoyer, Eröffnung ist am 13. November.

Tags darauf bringen die Mitglieder der Initiative die Gedenktafel für Friedrich Gürr an. Diesem Anlass wohnen auch Vertreter der Kornwestheimer Partnerstädte bei, die aus Anlass des Volkstrauertages in der Stadt weilen.

Außerdem ist für den 26. November eine szenische und musikalische Lesung in der Bücherei anberaumt. Der Schauspieler Berthold Biesinger und die Pianistin Susanne Hinkelbein beschäftigen sich dabei mit dem Buch „Grafeneck 1940“ von Thomas Stöckle, der auch in den Abend einführen wird.

Und fürs nächste Frühjahr hat die Stolperstein-Initiative eine Fahrt in die Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen im Visier, auf der Häftlinge eines Strafkommandos auf einer Schuhprüfstrecke auch für Salamander Materialtests vornehmen mussten. Dort wollen die Mitglieder auch die Historikerin Dr. Anne Sudrow treffen, die dieses Thema in ihrem Buch „Der Schuh im Nationalsozialismus“ aufgearbeitet hat. Dass der Initiative die Arbeit ausgehen wird, muss sie erst einmal nicht befürchten. Etliche Biografien von Kornwestheimer Opfern des Nationalsozialismus warten noch darauf, aufgearbeitet zu werden, sagt Friedhelm Hoffmann und nennt als Beispiel die Namen Albert Wegmer, Julie Maier, Wilhelm Steegmayer, Max Künzel, Paul Stoll, Gerda Goldstaub, Erwin Freitag (oder Freytag), Wilhelm Glaser und Emil Sprecher.

 
 

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