Kornwestheim Die Sehnsucht nach Schönheit erfüllt sich

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Der Rohbau ist fast fertig: die neue Moschee an der Sigelstraße. Foto: Peter Meuer

Kornwestheim - So langsam lässt sich erahnen, wie die neue Kornwestheimer Moschee einmal aussehen wird. Für manche Gebäudeteile braucht es nicht einmal mehr allzu viel Fantasie. Das große Kuppeldach, rund zehn Meter im Durchmesser, ist schon als Holzgerüst nachgebildet, die Gebetsräume darunter gibt es bereits, wenn sie auch bisher nur aus bloßen Betonwänden bestehen.

Teils benötigt es auch noch mehr Vorstellungskraft. „Hier kommt das Minarett hin“, sagt Recep Aydin vom Türkisch-Islamischen Kulturverein Kornwestheim und deutet auf einen Haufen Stahlstreben. Der Bewehrungsstahl zeigt immerhin in die richtige Richtung: nach oben. Etwa 25 Meter hoch wird das Minarett werden, das auf den Vorab-Illustrationen des Gebetshauses ein wenig wirkt wie eine blütenartige Elfenbehausung aus J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe. „Wir hoffen, dass wir im Mai mit dem Rohbau fertig werden“, sagt Aydin. „Wir sind im Zeitplan“. Wann kann die Moschee eingeweiht werd? Wohl erst im Jahr 2022. „Das dauert also noch.“

Während Recep Aydin an diesem sonnigen Tag Mitte März über die Baustelle führt, fahren Lastwagen auf den Hof in der Sigelstraße ein, ein Radlader hebt Erde um, Arbeiter werkeln. Ein Bekannter parkt, man begrüßt sich. „Aber heut’ ohne Kuss“, sagt Aydin. Corona überträgt sich auch in Gotteshäusern. Aydin, 53 Jahre alt, tritt als Sprecher der Türkisch-Islamischen Gemeinde auf. Er ist sichtlich erfreut, dass es nun voran geht nach all den Jahren der Diskussion und Vorbereitung und außerdem froh darüber, dass sich die hohen Wogen um den Moscheeneubau beruhigt haben. Die Gemeinde hatte sich einiges anhören müssen, als sie verkündet hatte, dass sie anstelle des bisherigen Gemeindezentrums mit Gebetsräumen, das den Charme eines Hinterhof-Industriebaus verströmt, eine große und repräsentative Moschee bauen will. Die Kornwestheimer CDU startete eine Diskussion über die Notwendigkeit eines Minaretts, bei einer Bürgerinfo gab es manche kritische Anmerkung. Die Alternative für Deutschland (AfD) organisierte im Juli 2018 eine Demo auf dem Marktplatz, in aufgeheizter Stimmung trafen Gegner und Befürworter der Moschee aufeinander, getrennt von der Polizei. Auch die Frage nach der Finanzierung des fast vier Millionen Euro teuren Baus stand im Raum. Wozu man wissen muss: Der Kulturverein gehört zur Türkisch-Islamischen Union Ditib, die dem türkischen Staat und seinem Präsidenten Erdogan nahe steht und häufig als als reaktionär und integrationshemmend kritisiert wird.

Am Ende stimmte der Kornwestheimer Gemeinderat dem Projekt indes zu und stärkte der Türkisch-Islamischen Gemeinde den Rücken, auch baurechtliche Fragen wurden gelöst. Im Spätsommer 2019 konnte die Gemeinde zur Grundsteinlegung rufen.

Aydin betont, wie wichtig den Muslimen in Kornwestheim ein guter Austausch und die Integration in die Stadtgesellschaft seien und dass der Bau der Moschee über Spenden und Beiträge der eigenen Mitglieder – deren Zahl in den vergangenen Jahren stark gestiegen sei – finanziert werde. Das Geld für den Rohbau habe man bereits beisammen. Allerdings bereitet dem Kulturverein Sorge, dass derzeit das Freitagsgebet wegen der Corona-Pandemie ausfallen muss. Dort wurden jedes Mal eine stattliche Summe gesammelt – Geld, dass nun erst einmal fehlt.

Um weitere Fragen zu beantworten, lädt Aydin in das Büro der Gemeinde ein, das natürlich noch im alten Gebäude liegt. Eine Deutschland- und eine Türkeiflagge stehen dort, daneben hängt ein Bild von Atatürk. Ein Gemeindemitglied hat aus Gips liebevoll ein Modell der neuen Moschee gefertigt, das zwar nicht zu hundert Prozent maßstabsgetreu sein mag, aber Geist und Seele des Neubaus gut einfängt.

In reinem Weiß erstrahlt es, mit schön geschwungenen Fenstern. Es ist angelehnt an den klassischen seldschukisch-osmanischen Baustil und wirkt in Teilen wie ein märchenhafter Sultanspalast, entworfen von dem Architekten Sedat Yilbirt, einem Experten für den Neubau islamischer Gotteshäuser. Die neue Moschee bringt damit auch zum Ausdruck, dass die Kornwestheimer Muslime sich nach 20 Jahren in ihrem Funktionsbau nach mehr Schönheit und Repräsentation sehnen. „Als ich vor zwei Jahrzehnten zum ersten Mal sah, wohin unsere Gemeinde zieht, hatte ich Tränen in den Augen“, sagt Recep Aydin, der selbst mit 13 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam.

Heute kann er dem Standort an der Sigelstraße aber viel Gutes abgewinnen, denn auch der Lage im Industriegebiet ist es zu verdanken, dass die Gemeinde nun fast so bauen kann, wie sie will. Vier Stockwerke werden Moschee und Kulturzentrum haben. Frauen und Männer haben getrennte Gebetsräume, insgesamt können etwa 400 bis 500 Menschen beten. Es gibt Veranstaltungs- und Unterrichtsräume, Lager, Küche, Büros, Teestube. Die Grundfläche: rund 855 Quadratmeter. „In einer Innenstadtlage Platz Raum für ein solches Gebäude zu finden, wäre wohl unmöglich“, sagt Aydin.

Und auch verkehrsgünstig gelegen sei die Moschee in der Sigelstraße ja. Nicht nur die Kornwestheimer Gläubigen freuen sich darüber, ist Aydin überzeugt. Zum Beten kommen ja auch Menschen aus dem Umland her, etwa aus Stammheim und Möglingen. Steigt die Zahl der Moscheebesucher mit dem Neubau, wird das Einzugsgebiet insgesamt größer? Aydin vermutet: eher nicht. „Aber bestimmt werden viele einfach mal vorbeischauen, um unsere Moschee zu besichtigen“, ist er überzeugt.

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