Kornwestheim „Die Wand zeigt zu den Lebenden“

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Pläne und (fast) fertiges Werk: Frederik Merkt posiert an der Friedhofsmauer an der Aldinger Straße. Foto: Marius Venturini

Kornwestheim - Viele Fragen hat sich Graffitikünstler Frederik Merkt bei seinem Entwurf stellen müssen. Welches Motiv ist der Pietät eines Friedhofs angemessen? Welche Farben sind angebracht? Und was ist für eine Mauer von knapp 250 Metern Länge überhaupt realistisch? „Die Gestaltung beschäftigt den Gemeinderat schon seit rund drei Jahren“, betont Daniel Güthler am Freitagmittag. Kornwestheims Erster Bürgermeister und auch Künstler Merkt sind zur Friedhofsmauer gekommen, um über den Fortgang der Arbeiten zu berichten. Bei echtem herbstlichen Sauwetter mussten die Mal-Arbeiten ohnehin unterbrochen werden.

Der Zeitplan vorab: Läuft alles glatt, wird die Friedhofsmauer an diesem Sonntag vollends fertig. „Sie ist dann das größte Kunstwerk der Stadt“, so Güthler. Doch bevor sich Merkt am vergangenen Montag ans Werk machen durfte, hatten Gemeinderat und Stadtverwaltung einige Gedankenspiele angestellt: Hätte man die vormals recht marode Mauer abreißen und neu bauen sollen, gar aus Naturstein oder als „grüne“ Mauer? Am Ende fiel die Entscheidung für das künstlerische Projekt, unter fünf Bewerbern fand Frederik Merkts Entwurf einstimmigen Zuspruch. Eine Malerfirma brachte die Mauer vorher noch auf Vordermann.

Der 42-jährige Künstler aus Remseck-Hochdorf hat sich für recht warme Farbtöne entschieden, die er mit Motiven aus dem Kornwestheimer Stadtleben paart, zum Beispiel mit dem alten Schulhaus, dem Rathausturm oder der katholischen Kirche. Die Friedhofsmauer an der stark befahrenen Aldinger Straße soll nun zusätzlich als Stadteingang dienen. „Die Wand zeigt zu den Lebenden“, sagt Frederik Merkt, „sie soll freundlich, aber gleichzeitig nicht aufdringlich sein.“ Ein ganz spezieller Farbtupfer dürfte aber das Rotkehlchen am östlichen Teil der Mauer sein. „Der Vogel steht stellvertretend für die letzte Reise“, so Merkt, der zudem bei den Bäumen einen besonderen Kniff angewandt hat: Die Stämme, die normalerweise hinter der Mauer verschwinden würden, setzt er mit Farbe auf der anderen Seite fort.

Frederik Merkt arbeitet nicht allein. Ihm zur Seite stehen die beiden Graffitikünstler Bernard Sakic und Moritz Vachenauer. „Es macht mehr Spaß, mit jemandem zusammen zu arbeiten“, so Merkt. Für die großen Flächen benutzen sie Farbwalzen, für die Detailarbeiten – wie etwa das Rotkehlchen oder auch die Baumrinden – greift das Trio zur Sprühdose. So entstehen Formen wie Rechtecke, Kreise oder Dreiecke im Zusammenspiel mit ausgetüftelten Abbildungen der Natur. Wie viele Liter Farbe und wie viele Spraybüchsen es am Ende sein werden, kann Merkt noch nicht sagen.

Dass die neu gestaltete Friedhofsmauer als Kunstwerk aus der Nähe kaum betrachtbar ist, das weiß der Künstler sehr wohl. „Man sollte die Straßenseite wechseln, wenn man sie in ihrer Gesamtheit erfassen will“, sagt er. Dass sein Tun gut ankommt, hat er aber schon einige Male zu hören bekommen. „Hier sind schon häufig Leute vorbeigefahren und haben den Daumen nach oben gezeigt“, berichtet der erfahrene Künstler, der seit 1993 auch in Sachen Graffiti unterwegs ist. In Remseck hat er bereits viele Objekte besprüht – entweder freigegebene Flächen aus Spaß oder bestimmte Objekte im Auftrag der Stadt.

Zum Kornwestheimer Friedhof aber hat Frederik Merkt eine besondere Verbindung. Seine Mutter stammt aus der Stadt, seine Großeltern liegen hier begraben, ein Teil seiner Familie lebt noch immer hier.

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