Kornwestheim Die Zeiten ändern sich, nicht aber zwangsläufig die Themen

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Seit 2006 an der Spitze des BdS: Jens Bartmann Foto: Horst Dömötör

Kornwestheim - Das Sprachrohr zur Stadtverwaltung sei der Bund der Selbstständigen, sagte der Vorsitzende Jens Bartmann in seiner Festrede und trat gleich einmal den Beweis an: Wie wäre es denn mit einer Senkung der Gewerbesteuern?, fragte er in Richtung des Ersten Bürgermeisters Dietmar Allgaier. Der Stadt gehe es finanziell gut, da müsse es doch möglich sein, den 2017 auf 390 Prozentpunkte erhöhten Steuersatz wieder zu mindern. Andere Gruppierungen würden auch vom gut gefüllten Stadtsäckel profitieren. Die schwachen Internet­Verbindungen in den Gewerbegebieten mahnte Bartmann auch gleich an. „Es kann doch nicht sein, dass Schüler in der Bolzstraße einen besseren Internet­Zugang haben als die Unternehmen im Gewerbegebiet West.“

Was die Breitbandversorgung betrifft, versprach Kornwestheims Erster Bürgermeister Dietmar Allgaier Besserung. „Die Stadtwerke wollen das Thema in Kornwestheim konsequent angehen“, versprach er in seinem Grußwort. Die Hoffnung auf eine Senkung der Gewerbesteuern, wie es sie nach Recherche von Jens Bartmann in den 1960er Jahren schon einmal gegeben hat, mochte er ­allerdings nicht nähren. Aber es sei in den Überlegungen der Stadtverwaltung auch nicht vorgesehen, die Steuern in den kommenden beiden Jahren erneut anzuheben, so der Bürgermeister.

90 Unternehmen mit rund 500 Arbeitsplätzen gehören dem Bund der Selbständigen, der sich entgegen der neuen Rechtschreibregeln auch weiterhin nur mit einem „st“ schreibt, in Kornwestheim an. Freiberufler zählen ebenso dazu wie Handwerksbetriebe und Einzelhändler, deren Zahl aber abnimmt. Auch wenn die Kaufkraft in der Region enorm hoch sei und die meisten Betriebe volle Auftragsbücher hätten, so gebe es doch einige Probleme, die die Firmeninhaber umtreiben würden. Bartmann nannte die fehlenden Gewerbeflächen in Kornwestheim, den fehlenden Wohnraum für die Beschäftigten, die Schwierigkeit gute Auszubildende und Fachkräfte zu finden. Auch die zunehmende Büro­kratisierung mache zu schaffen. Der ­BdS-Vorsitzende verwies auf die Datenschutzbestimmungen. Mittlerweile, so Bartmann süffisant, bräuchte ja sogar ein Nagelstudio, das im Laden eine Kamera-Attrappe anbringe, einen eigenen Datenschutzbeauftragten.

Die Firmeninhaber forderte Bartmann auf, sich auch in der Politik zu engagieren. „Es fehlt an Quereinsteigern“, bedauerte der Fotohändler, fügte aber einschränkend hinzu, dass einem der Einstieg gerade in Kornwestheim nahezu unmöglich gemacht werde. Welcher Selbstständige habe um 18 Uhr, wenn in Kornwestheim die Sitzungen des Gemeinderats und ­seiner Ausschüsse begännen, schon Zeit?

Fürs Jubiläum hatte Bartmann zusammen mit seinen Vorstandskollegen in ­alten Unterlagen gestöbert. Die erstaunliche Erkenntnis: Viele Themen, mit denen es die Firmeninhaber heute zu tun haben, beschäftigten auch schon frühere Generationen. Beispiel Leitungen: Wird heute eine Breitband­versorgung angemahnt, so waren in den Anfangsjahren des BdS zusätz­liche Telefonleitungen gewünscht. Aber die Oberpostdirektion lehnte ab. Es soll zu Tumulten gekommen sein, wusste Bartmann zu berichten. Der verkaufsoffene Sonntag beschäftigte die Einzelhändler auch schon in den 1920er Jahren. Damals habe es drei verkaufsoffene Sonntage in der Vorweihnachtszeit gegeben, so Bartmann.

Zu dem Thema konnte auch der Erste Bürgermeister Dietmar Allgaier etwas ­beitragen. Dass Verdi gegen die beiden verkaufsoffenen Sonntage zur Automeile und zur Kirbe vorgehen wolle, dafür habe er keinerlei Verständnis. Das sei Prinzipienreiterei. Die Dienstleistungsgewerkschaft solle lieber darauf schauen, wie der örtliche Einzelhandel von diesen Angeboten im Kampf gegen den Online-Handel auch profitiere.

Der Kornwestheimer BdS gehöre zu den ältesten Gewerbevereinen im Lande, sagte Günter Hecht, Vizepräsident des BdS-Landesverbandes, in seinem Grußwort. Er forderte die Mitglieder auf, sich den Veränderungen zu stellen. „Wenn ein Markt wegbricht, fließt etwas Neues nach. Es gibt kein Vakuum“, sagte Hecht.

Bürgermeister Allgaier überreichte als Geschenk von Seiten der Stadt einen Scheck über 800 Euro. Der BdS selbst ­zeigte sich angesichts seines 100-jährigen Bestehens auch spendabel. Er überwies ­jeweils 1000 Euro ans Ernst-Sigle-Gymnasium, die Theodor-Heuss-Realschule und die Philipp-Matthäus-Hahn-Gemeinschaftsschule. Nach den Reden und dem Vortrag von Pilot Philip Keil speisten die BdS-Mitglieder gemeinsam an den festlich gedeckten Tischen im K. Für die musikalische Untermalung sorgte Gitarrist Jürgen Reichert.

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