Kornwestheim Diskussionsrunde: Eine Stadt zum richtig gut Ankommen

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Haben sich gut verstanden, aber auch herzhaft diskutiert: Natalie Schönfeld, Canan Balaban, Nimet Leone, Athanasia Vassiliadou und Christoph Will (von links). Foto: Peter Meuer

Kornwestheim - Die Diskussionsrunde unserer Zeitung mit vier Gemeinderatskandidatinnen – und einem Kandidaten – zum Thema „Neu in Kornwestheim“ beginnt mit einer freundlichen Vorstellungsrunde und wird schnell zu einem engagierten Meinungsaustausch. Kein Wunder: Die Kommunalpolitiker sind nicht nur mehr oder weniger neu in der Stadt und bringen daher einen frischen Blick auf Kornwestheim mit. Sie merken auch schnell, dass es beim „Neusein“ nicht allein um Einkaufsmöglichkeiten und Stadtpläne geht, sondern auch um Identität, Migration und hochaktuelle Themen wie den Wohnraummangel.

Die Suche nach bezahlbarem Wohnraum hat gleich mehrere der Kandidaten nach Kornwestheim verschlagen. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal Filderstadt verlasse“, sagt Nathalie Schönfeld. Die 25-jährige Sozialarbeiterin tritt für die SPD bei den Gemeinderatswahlen an, zuvor war sie in Filderstadt Stadträtin. „Wir wollten ein Haus oder eine Haushälfte und konnten uns das schlicht in Filderstadt nicht leisten“, sagt sie. Canan Balaban geht für die Grünen ins Rennen. „Ursprünglich komme ich von der schwäbischen Alb bei Balingen, ganz ursprünglich aus der Türkei“, berichtet sie. Nach dem Studium hatte ihr Weg die 31 Jahre alte Sozialpädagogin und Mutter zweier Kinder zunächst nach Stuttgart geführt. Seit 2013 lebt sie in Kornwestheim. Auch sie hat sich mit ihrem Mann entschieden, nach Kornwestheim zu ziehen, weil man hier eine Wohnung fand. Athanasia Vassiliadou steht auf der Liste der CDU. Geboren ist die Dozentin für Erwachsenenbildung vor 52 Jahren in Ludwigsburg, sie hat aber auch griechische Wurzeln. Fünf Jahren lebt sie mittlerweile in Kornwestheim, sie kam über ihren Bruder an eine günstige Wohnung. Etwas anders verhält es sich bei Nimet Leone, die für die Freien Wähler antritt. Die gelernte Bürokauffrau lebt schon lange in Kornwestheim, bereits 35 Jahre. Dennoch gibt es einen guten Grund für ihre Teilnahme an der Diskussionsrunde: „Ich kenne viele Neubürger hier, Flüchtlinge und Migranten beispielsweise“, sagte die 62-Jährige. Der Grund: Sie ist vielfältig engagiert, etwa als Caritas-Kulturdolmetscherin. Der Liberale Christoph Will sagt: „Ich bin erst seit dem vergangenen Jahr in Kornwestheim.“ Ursprünglich sei er aus Würzberg, ergänzt der 32 Jahre alte Porsche-Vertriebsmitarbeiter. „Meine Freundin stammt aus Kornwestheim“. Das sei ein Grund für das Herziehen. Aber: „Es ist auch die Lage.“ Die Anbindung sei klasse.

Will fügt hinzu, dass er am Salamander-Areal lebt, und das sehr gerne – Stichwort: kurze Wege. Vassiliadou stimmt ihm zu, was die Verkehrsanbindung angeht. „Was mir aber besonders gut gefällt: Man bekommt hier tatsächlich alles“, sagt die Christdemokratin. „Wir haben sogar ein Kino hier, eine Bibliothek, das K, das kulturelle Angebot, vielfältige Vereine.“ Canan Balaban hakt ein: „Ich schätze die vielen Grünflächen, sie müssen bleiben, damit unsere Stadt so lebens- und liebenswert bleibt.“ Nathalie Schönfeld sagt: „Ich mag vor allem diese Innenstadt, wo es wirklich alles gibt.“ Kornwestheim sei „kompakt“. Sie möge auch, in der Nähe von Stuttgart und Ludwigsburg zu sein - „anderseits ist Kornwestheim familiär, ich wurde sehr herzlich hier willkommen geheißen.“

Und wie ist das generell mit dem Heimatgefühl für Neubürger, auch und gerade bei Menschen mit Migrationshintergrund? „Wir sind doch keine Ausländer mehr“, betont Nimet Leone, die einen türkischen Hintergrund hat. „Ich fühle mich nicht als Ausländerin“, sagt auch Vassiliadou. „Ich habe einen etwas komplizierten Namen, eine treue griechische Seele und ein starkes deutsches Herz“, schmunzelt sie. Man könne auch zwei Heimaten haben, ergänzt Balaban. „Das ist eine neue Wahrheit, die man so anerkennen sollte“, betont sie. Nathalie Schönfeld, die selbst trotz des deutsch klingenden Namens einen griechischen Hintergrund hat, schlägt die Brücke von den Ländern wieder zu den Regionen. „Mich hat es von Filderstadt hierher verschlagen, auch das ist ein Neuanfang, Integration“, sagt sie. Oft sei sie gefragt worden, warum sie ihre Heimat verlassen habe. „Dabei lebte ich vorher einfach nur auf der anderen Seite Stuttgarts.“ Kurz steigen die Kandidatinnen in eine Integrationsdebatte ein. Sprache, das sei auch eine Holschuld, findet Vassiliadou. Dass Sprache wichtig für Integration sei, da stimmen die anderen zu. Dass Integration aber viele Facetten habe, ergänzt Balaban. Sie trägt Kopftuch und hat trotz perfektem Deutsch die Erfahrung gemacht, dass sie allein deswegen von einigen Menschen als nicht integriert angesehen wird.

Die Stadt und ihre Zivilgesellschaft machen einen guten Job, wenn es darum geht, Neubürger generell und geflüchtete Menschen im Besonderen zu integrieren, da herrscht im Großen und Ganzen Konsens am Tisch. „Den Tag der Stadt für Neubürger, den finde ich klasse“, sagt etwa Leone. Das Problem seien eben, und da ist man wieder am Beginn, oft die Wohnungen. „Ich würde mir mehr Barrierefreiheit wünschen“, betont Balaban. Das bedeute nicht nur behindertengerechte Zugänge, sondern eben auch sprachliche Barrierefreiheit. „Um Menschen mitzunehmen, muss man sie auch an der Hand nehmen“, findet Leone. Noch lange, nachdem das Diktiergerät aus ist, diskutieren die fünf Kandidaten.

 
 

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