Kornwestheim Dokumente der Zeitgeschichte

Von Birgit Kiefer
Bestickte Raritäten für die Füße gibt es in der Städtischen Galerie zu sehen. Foto: Birgit Kiefer

Kornwestheim - Alte Schuhe sind unansehnlich, zerknautscht, abgeschabt, platt gelaufen, löchrig. Schnell sind sie weggeworfen, wenn ihr einstiger Glanz vom Straßendreck getilgt ist, wenn sich die Sohle ablöst. Dann ist die Liebe dahin. Dabei haben Schuhe viel zu erzählen. Sie sind Zeitzeugen. Und im größeren, über das Private hinausgehenden Rahmen: „Sie sind Dokumente der europäischen Zeitgeschichte“, wie Dr. Irmgard Sedler, Leiterin der Städtischen Galerie im Kleihues-Bau, es formuliert.

In der Galerie wird von Freitagabend an bis zum 8. März 2017 die Ausstellung „Noblesse und Raffinement – Der höfische Schuh im Barock und Rokoko“ zu sehen sein. 100 Schuhe aus dieser Zeit hat das Schuhmuseum Weißenfels in Kornwestheims Partnerstadt zur Verfügung gestellt. In über 50 Vitrinen sind sie zu sehen. Die Exponate entstanden von Mitte des 17. Jahrhunderts an bis gegen 1790. Geprägt ist diese Zeit zunächst von der Erfahrung des Dreißigjährigen Krieges und den Pestzeiten. Die adlige Gesellschaft reagiert mit gesteigerter Lebenslust und einem barocken Lebensentwurf. Vor allem die Herren zeigen reich verzierte, verschnörkelte Schuhe. Ludwig XIV. führt den roten Absatz ein, der nur von der Noblesse getragen werden durfte. Ab 1760 wurden die Damenröcke etwas kürzer, die Schuhe blitzten schon mal unter dem Stoff hervor, „plötzlich sieht man den Schuhstöckel“, erläutert Sedler. Gönnte eine Dame einem Herren einen kurzen Blick auf den Schuhabsatz, dann war der selig, es kam aber schon fast einem Skandal gleich ob der Koketterie, die damit verbunden war. Unter Ludwig XV. bog sich der Absatz nach innen. Ab 1780 „wollten die Damen mehr nach draußen“, erläutert Sedler, was damit verbunden gewesen sei, dass die Absätze sich absenkten. Von 1800 an wurde die Antike zum Vorbild, die Schuhe flach, was im Biedermeier in ballettschuhgleichen Modellen für den Herrn mündete.

Ein Gemälde von Johann Martin Stock – „Patrizierin mit Kind“ – zeigt, wie eine Schuhspitze unter dem Brokat hervorspitzelt. Die Leihabe des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim, gemalt 1799, ist ebenfalls in der Städtischen Galerie zu sehen. Von der Zeit um 1770 stammen die Kupferstiche von Daniel Chodowiecke, die die höfische Welt zeigen. Sie stammen aus dem Fundus des Schulmuseums Nordwürttemberg in Kornwestheim. Die Objekte zeigen den modischen Wandel vom statuarischen Männerschuh mit hochgezogener Ristlasche des 17. Jahrhunderts bis zum graziösen Damenpantoffel aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und weiter zum zierlichen Escarpin in napoleonischer Zeit.

Bereits 1999 hatte die Kornwestheimer Galerie zusammen mit Weißenfels die Schuhmode in sechs Jahrhunderten nachgezeichnet. Die Ausstellung „Auf Schritt und Tritt . . . Schuhe“, die damals in beiden Städten und im russischen Kimry gezeigt wurde, stieß auf großes Interesse. Die Anzahl der barocken Schuhe war damals allerdings gering. Jetzt kommen diese voll zur Geltung. Reich bestickt mit Gold- oder Silberbrokat, mit unterschiedlichen Schnitten und Materialien, detailversessen verziert sind sie.

Von manchen Schuhpaaren gibt es nur noch die eine Hälfte, bei anderen ist gut zu sehen, dass die Treter unterschiedliche Wege gegangen sind, nachdem sie nicht mehr getragen wurden. Der eine Schuh ist gut erhalten, der andere schon arg ramponiert. Alle Schuhe wurden allerdings liebevoll restauriert, berichtet Irmgard Sedler. Christine Etzold, die früher in der Weißenfelser Schuhfabrik gearbeitet hat, hat sich darauf spezialisiert, aus Alt fast wieder Neu zu machen. Sie wird bei der Vernissage heute Abend anwesend sein, ebenso wie der Museumsleiter von Weißenfels, Martin Schmager, der neben Sedler die Einführung übernimmt. Der Oberbürgermeister der sachsen-anhaltinischen Gemeinde, Robby Risch, wird ein Grußwort an die Vernissagebesucher richten.

Die werden mitten zwischen den Exponaten in der Rotunde ihren Platz suchen müssen. Neben welchem Exemplar, dürfte Geschmacksache sein. Neben dem Prälatenschuh aus Brokat und Leder, der um 1700 entstanden sein dürfte? Oder lieber neben einer der Chopinen, Plateauschuhen, die die Patrizierinnen trugen – teils mit solch ausgeprägtem Absatz, dass die Bediensteten stützend eingreifen mussten, damit die Dame nicht unsanft zu Boden ging – ein wunderschönes Modell aus weinrotem Seidendamast und Leder aus dem Jahr 1600.

Die Ausstellung wird Freitagabend um 19 Uhr eröffnet. Die musikalische Umrahmung übernimmt das Violinduo Eve-Marie und Joachim Ulbrich mit Musik von Antonio Vivaldi und Jean-Marie Leclair.