Kornwestheim „Dürfen uns keinen Illusionen hingeben“

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Wolf-Dieter Risel arbeitet im Marienhospital als Facharzt für Innere Medizin. Foto: Peter Meuer

Kornwestheim - Der Kornwestheimer Wolf-Dieter Risel arbeitet als Facharzt in der internistischen Intensivmedizin im Stuttgarter Marienhospital und behandelt derzeit vorrangig Corona-Patienten. Im Interview erzählt der 52-Jährige davon, wie herausfordernd die vergangenen Wochen im Krankenhaus waren.

Herr Risel, wann war die dritte Corona-Welle aus Ihrer Sicht am schlimmsten?

Vor etwa vier Wochen. Damals waren alle zwölf Betten auf unserer eigens eingerichteten Covid-19-Intensivstation belegt und wir mussten sogar einzelne Patienten auf die zweite Intensiv verlegen, auf der wir eigentlich Menschen wegen anderer Krankheiten behandeln. Das war schon hart an der Grenze.

Was war anders im Vergleich zur ersten und zweiten Welle?

Wir hatten in den vergangenen Wochen viel mehr jüngere Menschen auf der Intensivstation. Allein drei 50 Jahre alte Patienten haben wir behandelt, die schwer erkrankt waren, inklusive künstlichem Koma und Beatmung. Eigentlich hatten wir nur noch die britische Mutante da, und die ist ansteckender. Deswegen gab es mehr Jüngere, die erkrankten, und natürlich dadurch auch mehr jüngere Patienten, deren Covid-Infektion einen schweren Verlauf genommen hat. Die Älteren sind ja, glücklicherweise, größtenteils bereits durchgeimpft.

Die Lage hat sich entspannt

Wie ist die Lage heute auf Ihrer Station?

Sie hat sich entspannt. Im Moment sind etwa die Hälfte unserer Corona-Intensivbetten belegt. Ohne die Impfungen wären wir in einer sehr viel schwierigeren Situation. Der Impf-Effekt macht sich mittlerweile stark bemerkbar.

Wie alt war der jüngste Patient, den Sie behandelt haben?

42 Jahre alt und richtig, richtig krank, er wurde künstlich beatmet. Er hat es aber glücklicherweise überstanden, das jüngere Immunsystem packt es meistens. Die Spätfolgen sind aber oft groß.

Haben Sie einmal einen Patienten wiedergetroffen, der in der ersten Welle vor etwa einem Jahr einen schweren Verlauf hatte?

Nicht getroffen, aber von ihm gehört, ein Mann, 65 Jahre alt.

Wie geht es ihm heute?

Es geht ihm zum Glück wieder recht gut. Er war sogar wieder im Urlaub Radfahren nach dem, was ich mitbekommen habe. Aber der Mann braucht andererseits auch noch zusätzlichen Sauerstoff, und ob er sich jemals komplett von der Infektion erholt, vermag ich nicht zu sagen. Das Virus greift die Lunge an und beschädigt sie dauerhaft, da darf man sich keinen Illusionen hingeben.

In Stuttgart gab es zuletzt wieder große Querdenkerdemos, da waren Corona-Leugner ohne Maske unterwegs: Was denken Sie, wenn Sie die Bilder sehen?

Diese Leute würde ich gerne mal für eine Acht-Stunden-Schicht ins Krankenhaus auf unsere Intensivstation einladen und ihnen den Unterschied zu einer Grippe zeigen. Es gibt aber auch Menschen, die ihre Sicht auf Corona geändert, die einen realistischeren Blick entwickelt haben – eben dank persönlicher Erfahrung. Das erlebe ich immer wieder…

Endlich wieder ein Bier im Hirschgarten

Haben Sie ein Beispiel?

Eine Frau hat mir einen langen Brief geschrieben, nachdem ihr Mann bei uns in Behandlung war und nach einem schweren Verlauf und zwei Wochen Koma wieder genesen ist. Sie hat sich bedankt und außerdem von ihrem Bekanntenkreis berichtet. Dort gab es Impfgegner, Menschen, die Corona nicht sonderlich ernst genommen haben. Nachdem ihr Mann aber schwer erkrankt war, habe bei vielen dieser Freunde ein Umdenken stattgefunden. Die Frau schrieb mir, dass die Menschen in ihrem Bekanntenkreis die Krankheit nun ernster nehmen würden.

Wo stehen wir im kommenden Jahr coronatechnisch?

Ich hoffe, dass sich das Leben wieder einigermaßen normalisiert haben wird. Ganz ohne die Krankheit werden wir aber so schnell nicht leben. Wir rechnen damit, dass weiterhin zumindest ein bis zwei Menschen mit einer Covid-19-Erkrankung regelmäßig auf unserer Intensivstation liegen, wir werden uns auch weiter impfen lassen müssen, schätze ich. Vielleicht haben wir die Krankheit dann in einigen Jahren ganz besiegt. Das wäre zu hoffen.

Worauf freuen Sie sich persönlich, wenn die Inzidenzzahlen noch weiter fallen?

Darauf, wieder draußen sitzen zu können, meine Freunde zu treffen. Vor allem würde ich gerne bald mal wieder ein Bier im Hirschgarten trinken.

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