Kornwestheim Ein halbes Jahrhundert Freiluft-Kult

Von
1969 eröffnete das Autokino. Foto: Archiv/Kraufmann

Kornwestheim - Adelheid Osenau, die von allen „Heidi“ genannt wird, koordiniert ihre Lieferanten. „Die restlichen Brötchen können ins Kühlhaus“, ruft sie einem der Männer zu. Und stellt dann zufrieden fest: „Das reicht bis Samstag.“ Der nächste Kleintransporter rollt bereits vor das rot-weiße Gebäude, der Fahrer lädt in der brütenden End-Juni-Hitze einen gewaltigen Grill aus und stellt ihn ab. „Schwer das Ding“, stellt er fest.

Das Gewusel ist immer groß am Kornwestheimer Autokino. Und wenn man Heidi Osenau dieser Tage besucht, dann übt sie sich in Understatement und betont, viele der Lieferungen seien für den normalen Betrieb gedacht. Die Aussage? Klar – der Popcorn- und Colastrom versiegt hier nie. Dennoch wird manches Paket extra wegen des Samstagabends gebracht. Es soll ein besonderer Autokino-Abend werden, gut vorbereitet will er sein. Ein Barbecue ist geplant, es gibt eine Torte, für die Kinder eine Hüpfburg, Prosecco für die Älteren und freies Popcorn für alle.

Stolze 50 Jahre wird das Kornwestheimer Autokino dieser Tage alt. „Das wollen wir feiern“, sagt Theaterleiterin Osenau. „Ich hoffe, dass viele Leute kommen und mit uns feiern“, betont sie. Sie ist überzeugt: „Autokino ist Kult.“

Gerade, weil es nicht mehr viele gibt. In Baden-Württemberg ist das Kornwestheimer Autokino das einzige verbliebene seiner Art, die nächsten liegen bei Frankfurt und München. Osenaus Freiluft-Film-Theater gehört zur „Drive-In“-Autokino-Kette mit Sitz in Starnberg. Das Motto lautet: „Wo Kino am größten ist.“ Leinwand eins misst 540 Quadratmeter, Leinwand zwei 240 Quadratmeter. Vor der größeren Bildwand haben bis zu 650 Fahrzeuge Platz, vor der kleineren 250. Wobei immer auch die Frage ist, „wie die Leute parken“, sagt Osenau und grinst.

Das Phänomen Autokino war zu Beginn der 60er Jahre aus den USA nach Deutschland gekommen. 1960 eröffnete das erste der Republik in Gravenbruch. 1969 war Kornwestheim an der Reihe. „Fanfaren schmetterten, tausend Hupen tönten fröhlich, Sekt perlte in den Gläsern, ein Galafeuerwerk erleuchtete die Nacht“, schrieb unserer Zeitung seinerzeit. Die Stadt war damals voller US-amerikanischer Soldaten, für viele hier stationierten GIs dürfte das Autokino sich wie ein Stück Heimat angefühlt haben. 2500 Zuschauer waren bei der Premiere mit dabei, über die Leinwand flimmerte der Thriller „Bullitt“ mit Steve McQueen.

Heidi Osenau selbst ist schon lange dabei. 1983 heuerte die heute 56-Jährige in Kornwestheim an. 18 Jahre lang war sie Assistentin, dann wurde sie Theaterleiterin. Sie hat viele der für das Autokino Kornwestheim historischen Ereignisse miterlebt und begleitet, oft ging es naturgemäß um die Einführung neuer Technik oder bauliche Veränderungen.

1988 etwa wurden Tonkassetten eingeführt, die Stimmen und Musik direkt über die Autoradios in die Fahrzeuge brachten. – statt der bis dato üblichen Lautsprecher. Ab 1997 kam der Filmton dann per Ultrakurzwelle in die Fahrerkabinen. 2006 kam die neue große Bildwand hinzu, 2009 wurden Sanitäranlagen und das zentrale Kinogebäude umgebaut. Und, natürlich, auch die Digitaltechnik hielt Einzug. Altehrwürdige Projektoren für große Filmrollen werden längst nicht mehr verwendet. Als historische Schaustücke stehen zwei solche Geräte noch nahe der Snackbar und erinnern an vergangene Zeiten.

Einiges hat sich geändert. So sind die Freilufttheater längst nicht mehr Ort der Wahl für die amourösen Aktivitäten Jugendlicher. „Das können die jungen Leute heute zuhause machen, dafür braucht es nicht mehr unsere letzten Reihen“, sagt Osenau schmunzelnd. Vieles ist aber gleich geblieben, auch emotional. „Es ist das Gesamterlebnis“, sagt Osenau. „Man kann Liegestühle mitbringen, im Auto Chips futtern, den Ton so laut stellen, wie man möchte.“ Das sei einfach ein besonderes Erlebnis, betont sie und ergänzt, dass ihr Team für alle Fälle Starthilfe-Sets und Scheinwerfer-Abdeckungen vor Ort bereit hält.

Ob es in einigen Jahren noch Autokinos gibt? Osenau ist davon überzeugt. „Warum sollte etwas, das Kult ist, einfach enden?“, fragt sie schmunzelnd.

Fotostrecke
Artikel bewerten
2
loading
 
 

Sonderthemen