Kornwestheim Ein Orden für einen Kornwestheimer

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Joachim Reiber – hier bei seiner Dankesrede – hat das österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst erhalten. Foto: HBF

Kornwestheim/Wien - Es ist die höchste Auszeichnung, die die Republik Österreich für wissenschaftliche und künstlerische Leistungen vergibt: Dieser Tage verlieh sie dem Journalisten Joachim Reiber das Ehrenkreuz. Der 63-Jährige ist in Kornwestheim aufgewachsen und arbeitet seit vielen Jahren als Redakteur des Magazins „Musikfreunde“ der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Regelmäßig ist er Gast bei den Galeriekonzerten in seiner Heimatstadt.

Herr Reiber, die Österreicher legen viel Wert auf Titel. Wie werden Sie angesprochen: Herr Professor, vielleicht ja sogar Herr Generalmusikdirektor?

Das natürlich nicht. Aber es ist richtig: Das Land legt Wert auf Repräsentatives und auf Repräsentation. Mein akademischer Titel Dr., der gilt in Österreich noch was. Und das kann man ja auch genießen, wenn man beim Arzt mit Dr. Reiber aufgerufen wird . . .

Was bedeutet Ihnen das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, das Ihnen verliehen worden ist?

Viel, sehr viel, auch vor dem Hintergrund, dass ich nach wie vor deutscher Staatsbürger und im Herzen Schwabe geblieben bin. Ich sehe die Auszeichnung als wunderbare Bestätigung meiner Arbeit und als Kompliment, das man mir entgegenbringt. Ich habe meine Gaben, die ich aus dem Schwäbischen mitgebracht habe, im Biotop Wien weiterentwickeln können. Ich darf aus der Perspektive eines Zugereisten das Österreichische erklären und wiedergeben, ich darf ein ureigenes österreichisches Kulturinstitut interpretieren und zur Sprache bringen. Dafür eine Auszeichnung zu bekommen, das bedeutet mir sehr viel. Ich fühle mich Österreich unendlich verbunden, meine Frau, die ich 1981 kennengelernt habe, ist Österreicherin, meine Kinder sind Österreicher – auch wenn sie die schwäbische Herkunft ihres Vaters nicht verleugnen.

Das macht sich woran erkennbar?

Dass sie, wenn sie zu Besuch kommen, sich Linsen mit Spätzle und Saiten wünschen.

Sie arbeiten als Redakteur für den Musikverein Wien. Was verbirgt sich dahinter?

Das war eine der ersten bürgerlichen Konzertgesellschaften, 1812 in der Hochblüte der Wiener Musikkultur gegründet. Berühmtheit hat der Verein durch sein 1870 eingeweihtes Konzertgebäude erlangt, in dem die Wiener Philharmoniker jedes Jahr ihr Neujahrskonzert geben. Für jeden Musiker, für jede Musikerin ist es ein Adelsprädikat, in diesem Haus aufzutreten. Das ist wirklich eine Ikone der klassischen Musikwelt, ein Herzstück der Musikstadt Wien. Ich arbeite seit fast 30 Jahren für die Zeitschrift des Musikvereins. Mir wird ein wunderbares Arbeiten ermöglicht, ohne jegliche Legimitationszwänge.

Und vor acht Jahren haben Sie dafür einen Zeitschriftenpreis gewonnen, überreicht vom damaligen Staatssekretär für Integration, einem gewissen Sebastian Kurz.

Das haben Sie gut recherchiert.

Ist Wien eigentlich musikalischer als andere Städte?

Unbedingt. Dieses Klischee entspricht wirklich der Wahrheit. Wobei ich den Wienern immer wieder versuche zu sagen, dass auch woanders gute Arbeit geleistet wird. Schauen Sie sich allein die Chorlandschaft in Stuttgart an.

Sie forschen und schreiben viel über die Musik der Vergangenheit. Gibt es da überhaupt noch Neues zu entdecken?

Der Musikverein verfügt über die bedeutendste private Musiksammlung der Welt. Da gibt es immer etwas zu entdecken – und wenn es neue Zusammenhänge sind. Fürs nächste Heft unserer Zeitschrift habe ich einen Artikel geschrieben über die Briefe, die Schumann an Brahms geschrieben hatte, tief bewegende Dokumente aus Schumanns letzten Lebensjahren. Mit dem Nachlass von Johannes Brahms sind sie ins Musikvereinsarchiv gekommen.

Sie leben jetzt schon Jahrzehnte in Wien. Was haben Sie noch Schwäbisches in sich?

Insbesondere habe ich Schwäbisches an mir. Ich bin Mitglied beim VfB Stuttgart und trage im Fitnessstudio ein VfB-Shirt, manchmal auch eins vom SV Kornwestheim.

Was unterscheidet die Österreicher von den Schwaben?

Historisch betrachtet gab’s ja durchaus Gemeinsamkeiten. In der Schlacht bei Königgrätz im 19. Jahrhundert kämpften Württemberg und Bayern an der Seite von Österreich. Ohne Erfolg, wie man weiß. Was sind die Unterschiede? Die Wiener haben Lust, etwas zu zeigen, sich zu präsentieren. Der Schwabe ist da eher bescheiden, ganz nach seinem Motto: Net gschimpft isch globt gnug. Was mir an den Wienern gefällt, das ist die gewisse Nonchalance, die Eleganz, die immer etwas Spielerisches hat. Und das kann sogar hübsch ins Ironische gehen. „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“ ist so eine typische Diktion für die Österreicher. Die Schwaben nehmen vieles sehr viel ernster, besonders dann natürlich, wenn sie vom schwäbischen Pietismus geprägt sind.

Und der Wiener soll ja auch so viel granteln, heißt es. Wie kommen Sie damit klar?

Der Schwabe bruddelt. Die Unterschiede sind da nicht so groß.

Nun haben Sie das Ehrenkreuz erhalten. Verschwindet das in einem mit Samt ausgeschlagenen Kästchen und wird nicht mehr angerührt?

Nein. Wenn im Musikverein der Philharmonikerball stattfindet und ich einen Frack anziehe, dann werde ich das Ehrenkreuz anstecken. Zu diesem Ball im berühmten Goldenen Saal, dem wohl schönsten Ball Wiens, gehört einfach auch das Ordensgeglitzer. Schön, dass ich da auch dabei sein darf.

Wie haben Sie die Corona-Monate als Kulturschaffender überstanden?

Ich war elf Monate in Kurzarbeit und habe überwiegend im Homeoffice gearbeitet. Das ganze Kulturleben in Wien war absolut heruntergefahren. Es war eine schwierige Zeit für uns alle. Ich habe mich mal wieder in der Herstellung von Pfitzauf geübt. Die entsprechenden Utensilien habe ich noch.

Pfitzauf?

Ein Eiergebäck aus der schwäbischen Küche, das in einer speziellen Pfitzaufform gebacken wird.

Wann dürfen Sie die Kornwestheimerinnen und Kornwestheimer wieder in Ihrer Heimatstadt erleben?

Das hängt ganz von meinem Freund Burkhart Zeh ab, der die Galeriekonzerte organisiert. Nach der coronabedingten Zwangspause bin ich wieder für den Januar 2023 vorgesehen.

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