Kornwestheim Eine Landschaft zum Berauschen

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Mit dem Motorrad in Zentralasien unterwegs: Margot Flügel-Anhalt. Foto: Verleih

Kornwestheim - Mit 64 Jahren setzte sich Margot Flügel-Anhalt zum ersten Mal in ihrem Leben auf ein Motorrad. Sie übte ein wenig in ihrer nordhessischen Heimat und fuhr dann auf und davon – 117 Tage lang und 18 046 Kilometer durch Osteuropa und Zentralasien mit einer 125er Enduro. Die Bikerin überquert ­dabei die Grenzen von 18 Ländern. Ein Höhepunkt auf dieser langer Reise ist der Pamir Highway, die zweithöchste Fernstraße der Welt. Auf 1252 Kilometern verbindet der Pamir Highway die kirgisische Stadt Osch und Dushanbe, Hauptstadt Tadschikistans, und führt auf seinem höchsten Punkt – 4655 Höhenmeter – über den Ak-Baital-Pass. Von der Reise der Sozialpädagogin im Ruhestand erzählt der Film „Über Grenzen“, der jetzt in die Kinos kommt und am kommenden Samstag, 14. September, 14.15 Uhr, im Capitol-Kinocenter, Güterbahnhofstraße 28, zu sehen ist. Zu Gast sind dann auch Margot Flügel-Anhalt und Regisseur Johannes Meier. Im Interview mit unserer Zeitung hat Margot Flügel-Anhalt von ihrer un­gewöhnlichen Reise erzählt.

Frau Flügel-Anhalt, welche Idee war zuerst da: die, mit einem kleinen Motorrad durch Zentralasien zu fahren, oder die, einen Film zu machen, für den man dann eine Prota­gonistin gesucht hat?

Auf jeden Fall meine Idee, mit der 125er Enduro durch Zentralasien zu fahren. Die Idee, daraus einen abendfüllenden Film zu machen, ist erst drei Monate nach der Reise entstanden.

Wie geht das?

Ich kenne die beiden Filmemacher Johannes Meier und Paul Hartmann vom Jungen Theater Eschwege. Sie haben mich an zwölf von den 117 Tagen begleitet – zunächst nur mit dem Plan, einen kleineren Beitrag fürs Fernsehen daraus zu machen. Erst als wir diese Aufnahmen im E-Werk in Eschwege vor ausverkauftem Haus ­gezeigt haben, ist die Idee gewachsen, ­daraus diesen Film zu produzieren. Im November 2018 kam das Ganze ins Rollen und nun ist „Über Grenzen“ im Kino zu sehen.

Wie kommt man überhaupt auf die Idee, mit einem eher kleinen Motorrad eine ­solche Strecke zurückzulegen?

Eigentlich wollte ich zu Fuß und begleitet von einem Muli durch Russland gehen. Das Tier wollte ich aus den Beständen der   Deutschen Bundeswehr übernehmen. Aber ich habe mich belehren lassen ­müssen, dass die Mulis, wenn sie aus dem Dienst der Bundeswehr ausscheiden, nicht mehr wandern können. Und so bin ich auf die Idee mit der 125er Enduro ­gekommen – auch deshalb, weil ich noch einen alten Führerschein habe und für dieses Motorrad keinen neuen machen musste.

Die erfahrene Motorradfahrerin waren Sie nicht, als Sie gestartet sind, oder?

Ehrlich? Ich konnte nicht wirklich fahren, habe nur ein paar Unterrichtsstunden ­genommen und vielleicht gerade einmal 4000 Kilometer Vorerfahrung. Außerdem ist die Maschine eher etwas für große Menschen. Ich kam mit meinen Füßen nicht vollflächig auf den Boden und bin deshalb bei schwierigen Verhältnissen auch häufiger mal umgefallen.

Warum haben Sie es dann trotzdem ­gewagt?

Weil es mich immer wieder in die Ferne zieht. Das war schon als Kind so und hat sich im Laufe der Jahre auch nicht geändert. Mich zieht es einfach nach draußen, das Fortbewegungsmittel ist mir dabei ziemlich egal. Draußen fühle ich mich frei und unabhängig.

Bei Ihrer Reise lief nun wahrlich nicht alles reibungslos. Gleichwohl behalten Sie stets eine Fröhlichkeit, und nur zweimal fließen die Tränen. Das ist schon sehr beein­druckend.

Ich bin eher ein fröhlicher Mensch. Und ich wusste ja vorher, auf was ich mich einlasse, dass ich nicht 18 000 Kilometer auf geraden und gut asphaltierten Straßen unterwegs bin, dass es auf 4000 Metern Höhe auch schon einmal schwierig werden kann. Gut, dass es dort schneit, damit hatte ich nicht gerechnet. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich meine Reisepläne nicht mehr weiterverfolgen kann.

Trotzdem: Ab und zu mal ein bisschen mehr Verzweiflung, das hätte ich schon als ­normal empfunden.

Wenn Sie in einer schwierigen Situation stecken, dann haben Sie keine Zeit dafür sich Gedanken zu machen, was Sie in ­diesem Moment lieber machen würden.

Sie hatten für die vier Monate lediglich 40   Kilogramm Gepäck dabei. Was hatten Sie in Ihren Taschen verstaut?

Es waren letztlich 60 Kilogramm Gepäck, insgesamt wog das Motorrad vollgetankt knapp 200 Kilogramm. Im Gepäck be­fanden sich lediglich ein kleines Zelt, eine kleine Feldküche, ein Ersatzschlauch, ­einige Ersatzteile fürs Motorrad, ein paar Kleidungsstücke und Erste-Hilfe-Uten­silien.

Bücher für einsame Stunden?

Ich hatte nur ein Buch dabei, einen Reiseführer für den Iran, weil ich mir nicht ­sicher war, ob das Internet dort durch­gängig funktioniert.

Hatten Sie irgendwann einmal Angst? Die meiste Zeit waren Sie ja doch alleine unterwegs.

Nur ein einziges Mal bei einer Situation in Kasachstan. Ich hatte auf einer kleinen, abgelegenen Piste gefilmt, und mir haben sich drei Männer mit ziemlich ein­deutigen Zielen in den Weg gestellt. Ich habe ihnen aber davonfahren können.

Wo war es am schönsten?

Auf der Strecke von Kasachstan bis nach Teheran. Das ist alles Wüste, und die ist so interessant und beeindruckend, dass alle Beschreibungen, die mir dazu einfallen, nicht greifen. Und bei den Bergen im Hindukusch war meine Eindruckskompetenz schlichtweg überfordert. Diese Passagen sind wie ein guter Wein, an dem man sich unendlich berauschen kann.

Zum Schluss des Films hatte ich nicht den Eindruck, dass Sie wirklich gerne in Ihr kleines Dorf in Nordhessen zurückgekommen sind.

Das stimmt, das kann ich nicht verhehlen. Als ich mit dem Filmteam von Kroatien aus den genauen Termin für die Rückkehr ausgemacht habe, dann ging mir, ehrlich gesagt, der Arsch auf Grundeis. Wenn man unterwegs ist, dann ist man so unfassbar frei, so unfassbar in der Welt. Das hat ­übrigens nichts mit Mut oder Coolness zu tun, sondern das sind Gefühle, von denen viele Fernreisende berichten. Das erste, was ich vergesse, wenn ich losfahre, das ist das Datum.

Warum sind Sie dann trotzdem zurück­gekommen?

Weil es mit den Menschen, die sich um meine Angelegenheiten gekümmert haben und die mich als Ortsvorsteherin vertreten haben, so ausgemacht war.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass Sie als jemand, den es eigentlich an keinem Ort hält, ausgerechnet Ortsvor­steherin geworden sind?

Ach, wenn Sie im ländlichen Raum leben, dann werden Sie schnell mit solchen Ämtern betraut. Bisher war dieses Amt auch gut mit meinen Reisen vereinbar, weil wir im Ortsbeirat ein gutes Team sind.

Wie geht’s eigentlich dem Motorrad, Frau Flügel-Anhalt?

Das Motorrad habe ich an einen jungen Mann in Norddeutschland verkauft. Und ich gehe davon aus, dass es ihm dort sehr   gut geht. Der neue Eigentümer ist ­Trucker, und er dreht mit der Enduro ­seine Runden, wenn er daheim ist.

Wie konnten Sie Ihren treuen Begleiter ­verkaufen?

Ich bin niemand, der an Dingen hängt und Gegenstände sammelt. Ich habe mir eine größere Maschine mit 800 Kubikzenti­metern zugelegt, mit der ich auch schon in Schottland war. Und ich bin nicht ein ­einziges Mal umgefallen.

Ich nehme nicht an, dass Sie nun in Nordhessen bleiben und Blumen pflegen wollen. Was steht als nächstes an?

Ich werde im Oktober mit meinem alten Benz nach Südostasien fahren. In Laos werde ich mir ein Motorrad mieten, um das Land zu erkunden. Drei Monate habe ich dafür eingeplant.

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