Kornwestheim Entschleunigung auf der Florett

Von Werner Waldner
Wolfgang Lenz ist öfter zu Besuch in Kornwestheim. Foto: Werner Waldner

Dieser Tage hat er sich wieder auf den Weg gemacht – gut 420 Kilometer vom nördlich von Aachen gelegenen Heinsberg nach Kornwestheim und Stuttgart. Nein, nein, der Bauunternehmer hat sich nicht auf die beige 3-Gang-Florett aus dem Jahr 1963 oder die grüne Florett RS (Baujahr 1978) gesetzt und die Strecke mit dem Moped zurückgelegt. Der 55-Jährige hat den BMW genommen. Schließlich weiß er ja auch nicht, ob’s in der Kreidler-Heimat was abzustauben gibt, was in der Sammlung daheim in Heinsberg noch fehlt und was sich nicht mit dem Moped transportieren lässt.

Aktenordner durchstöbert und Erkenntnisse gewonnen

Bei der Kornwestheimer Zeitung hat Wolfgang Lenz zusammen mit einem Freund den Aktenordner mit alten Kreidler-Unterlagen durchstöbert. Manches von den alten Unterlagen sei neu für ihn gewesen, erzählt Lenz. So sah er zum ersten Mal die Broschüre, mit der Kreidler-Konkursverwalter Volker Grub nach Käufern für Grundstücke und Gebäude suchte. Auch die Berichterstattung über das bittere Ende der Zweiradfirma im Jahr 1982 war Lenz in dem Umfang nicht bekannt. Und dabei hat der Bauunternehmer im Laufe der Jahre schon einiges über „Kreidler’s Metall- und Drahtwerke G.m.b.H.“ zusammengetragen. Im beheizten Keller hat er sich einen Raum mit Fotos an den Wänden, mit Aktenordnern und natürlich Maschinen eingerichtet. Die erste, eine Kreidler-Florett, hatte er mit 18 Jahren von seinem älteren Bruder übernommen. „Die wollte ich immer haben und die konnte ich mir als Lehrling auch leisten.“ Als die Ansprüche stiegen und der junge Wolfgang Lenz einen Führerschein fürs Auto hatte, geriet die Kreidler ein wenig in Vergessenheit. Aber nicht ganz. Nach einigen Jahren erinnerte er sich seines zweirädrigen Schatzes. Und mit Hilfe des Kreidler-Dienstes Hellmuth aus Kornwestheim (Werbespruch: „Kreidler-Ersatzteile und bester Service aus der Geburtsstadt des Originals“) machte er seinen Erstling wieder fit für den Straßenverkehr.

Lenz besitzt acht Maschinen

Acht Maschinen nennt Wolfgang Lenz sein Eigen. Es waren auch schon einmal mehr, aber Lenz hat einige Exemplare verkauft. Alle Mopeds seien „top in Schuss“, zwei hat er auch angemeldet, um damit durchs Rur-Tal, durchs Heinsberger Land oder die Niederlande zu fahren. Auch wenn die Maschinen es auf 90 Kilometer pro Stunde brächten, so würde er doch häufig nur mit 50 über die Landstraßen juckeln und in die Gegend schauen. Entschleunigung auf dem Gefährt, das eigentlich entwickelt worden war, um schneller voranzukommen.

Ebenso wie die Touren mit der Kreidler übers Land ist dem 55-Jährigen das Schrauben an den Mopeds ein lieb gewonnener Zeitvertreib, bei dem er bestens abschalten kann. Wie sieht’s mit den Ersatzteilen aus? „Eigentlich kein Problem“, antwortet der Kreidler-Liebhaber. Der Niederländer John Bos hatte nach dem Kreidler-Konkurs sämtliche in Kornwestheim lagernden Ersatzteile, Formen und technischen Zeichnungen aufgekauft. 28 Lkw-Ladungen sollen es gewesen sein, die er aus dem Schwäbischen in die Niederlande brachte. Mittlerweile produziert er die Ersatzteile in Portugal.

Lenz: „Ich weiß noch längst nicht alles.“

Lenz will auch künftig regelmäßig von Heinsberg nach Kornwestheim und Umgebung fahren, um Kreidler-Liebhaber zu treffen, um sich zu informieren und die Wissenslücken um die Zweiradfabrik zu schließen. Er ist überzeugt davon, dass er noch längst nicht alles weiß. „Ich mache es aus Spaß an der Freud“, sagt er im rheinischen Singsang. Um dann noch zu ergänzen: „Ein bisschen bekloppt ist doch jeder, oder?“

Wer Kontakt zu Wolfgang Lenz aufnehmen will, kann das per E-Mail an die Adresse w.lenz-bau@web.de tun.

Vor 40 Jahren endete eine Ära

Kreidler’s Metall- und Drahtwerke G.m.b.H
 Das war der offizielle Name des Unternehmens, das 1903 in der Mörikestraße in Stuttgart von Adolf Kreidler gegründet worden ist. Produziert wurden zunächst Kupferseile für Überland-Elektroleitungen. Sein erstes Unternehmen hatte Kreidler aber schon 15 Jahre zuvor aus der Taufe gehoben. Die Drahtumspinnmaschine stand im Gästezimmer seiner Eltern. . .

Kornwestheim
 Die Firma wächst schnell. Kreidler mietet Grundstücke in Zuffenhausen und Kornwestheim an. Die Firma bestand aus vier Werken – zwei in Zuffenhausen, eins in Kornwestheim und eins im westfälischen Werl.

Konkurs
Das Konkursverfahren wurde im März 1982 eröffnet. Damals war Kreidler in Kornwestheim der größte private Grundstückseigentümer. Auf dem Areal im Süden der Stadt befindet sich heute ein Gewerbegebiet.

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