Kornwestheim Erst ESG, dann Kirche, dann Bescherung

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Volles Haus: In der ESG-Gaststätte wird am Mittag des Heiligen Abends Weißwurst serviert. Foto: Peter Mann

Kornwestheim - An Weihnachten müssen die Menschen enger zusammenrücken. Dieser Satz ist immer wieder um das Fest herum zu hören – von Politikern, von den Vertretern der Kirchen, von sozialen Einrichtungen. In Kornwestheim hört man ihn am 24. Dezember auch in der ESG-Gaststätte. Während viele den Vormittag des Heiligen Abends damit verbringen, den Christbaum zu schmücken, zu kochen oder hektisch noch die letzten Geschenke zu kaufen, zieht es andere zu einer ganz besonderen Veranstaltung, dem traditionellen Weißwurstfrühstück in der ESG-Gaststätte an der Jahnstraße.

Manch einer mag jetzt über das Wort „traditionell“ die Nase rümpfen. Weißwürste an Heiligabend gehören nun wirklich nicht zu den üblichen Bräuchen, und wenn, würde man es eher im Südosten, und nicht im Südwesten der Republik vermuten. Doch hier in Kornwestheim kann man wirklich schon von einer kleinen Tradition sprechen. Schon zehn Jahre servieren das Ehepaar Marianne und Jürgen Luttenberger, das die ESG-Gaststätte gepachtet hat, und ihr Team ein Weißwurstfrühstück ab 11 Uhr. „Als Dankeschön an unsere Gäste“, sagt Marianne Luttenberger.

Und wie ist es ausgerechnet zu den Weißwürsten gekommen? Marianne Luttenberger muss zugeben, dass sie das gar nicht mehr so genau weiß. Schon vor ihrer Zeit als Pächter der Gaststätte habe es Treffen am Vormittag des Heiligen Abends gegeben, die Weißwürste hätten sie dann hauptsächlich eingeführt, um nicht aufwendig kochen zu müssen. So ist es auch für das Team in der Küche entspannter. Doch die früheren Treffen seien vor allem im kleineren Rahmen gewesen, erzählt Marianne Luttenberger, und fügt lachend hinzu, dass es mittlerweile doch ein wenig „ausarte“. Das ist bezogen auf die Menge an Gästen, die sich in der Gaststätte versammeln. Auf 70 bis 80 Personen sei der Raum ausgelegt, erklärt Marianne Luttenberger. Dieses Jahr hätten sie allerdings Anmeldungen für 120 Personen. Deshalb muss man eben zusammenrücken, wie es so oft für Weihnachten gefordert wird. Und obwohl die Frage nach einem freien Stuhl wohl mindestens so oft gestellt wird wie die nach einem neuen Bier und es zunehmend voll, warm und auch laut wird in der Gaststätte, tut das der Stimmung keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Um für diese besondere Gelegenheit noch einen Tisch zu bekommen, haben die meisten im Oktober reserviert. „Obwohl es das bei uns gar nicht gebraucht hätte“, sagt ein älterer Herr, der mit seiner Stammtischrunde schon von Anfang an beim Weißwurstfrühstück dabei ist. „Die wissen, dass wir sowieso kommen.“ Eine Dame nickt zustimmend. Bei ihnen daheim ist schon alles fertig, das Essen, die Geschenke, sodass sie dann in aller Ruhe zum Weißwurstfrühstück gehen können – als Beginn des Weihnachtsfestes. „Man sieht bekannte Gesichter, wie wenn man zur Familie kommt.“ Und dass „Jürgen und Marianne“ wie Familienmitglieder sind, da ist sich der Stammtisch sowieso einig.

An den anderen Tischen haben sich Gäste jeden Alters versammelt. Manche der größeren Tafeln scheinen die Familienweihnachtsfeier einfach in die ESG ausgelagert zu haben: Hier sitzen Eltern, Kinder und Enkelkinder beieinander. Marianne Luttenberger freut sich, dass inzwischen auch die jüngere Generation die Tradition übernommen hat. Schon drei Jahre kommen so zum Beispiel große Teile der SVK-Fußballmannschaft zum Weißwurstfrühstück, oder Freundeskreise, die – teils von den Eltern – davon gehört haben und jetzt die Gelegenheit nutzen, sich vor den Feiertagen noch einmal zu treffen.

Nebenbei werden die Pläne für die nächsten Tage – samt Kochrezepten fürs Festtagsessen – ausgetauscht, die Zeit nachgeholt, in der man sich nicht gesehen hat, und manche sehen es auch als Chance, noch einmal abzuschalten, nach dem Einkaufs- und vor dem Familienstress. „Das Familientreffen bräuchte ich gar nicht, da ist mir das hier lieber“, stellt ein Stammgast fest. Und doch fügt sich das Miteinander in der ESG gut in den Heiligen Abend ein: Erst ESG, dann Kirche, dann Bescherung, heißt es bei vielen. Jede Stadt hat eben ihre ganz eigenen Bräuche – und für viele alte und neue Kornwestheimer gehört dieser auf jeden Fall dazu.

Falls sich übrigens jemand fragt, was denn der Weißwurstverbrauch an diesem Vormittag ist: Er liegt bei 400 Paar. . .

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