Kornwestheim Facebook und WhatsApp ersetzen kein persönliches Gespräch

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Die Mitarbeiter aus dem Juz: Sie freuen sich, wenn die Jugendlichen wieder ins Haus zurückkehren. Foto: /Venturini

Kornwestheim - Der erste Begriff, der Dominik Christ einfällt, ist nicht „schwierig“, „schlecht“ oder gar „bedrohlich“. Danach gefragt, wie sich die vergangenen Monate im Zeichen der Corona-Pandemie für die Kornwestheimer Jugendarbeit gestaltet haben, antwortet der Sozialpädagoge des Jugendzentrums: „Sie waren interessant.“

Mitte März, zeitgleich mit der Schulschließung, war dem Juz-Team plötzlich jeder persönliche Kontakt zu den Jugendlichen untersagt. „Wir mussten praktisch sofort von 100 auf Null herunterfahren“, so Christ. Doch gemeinsam mit Sozialpädagogin Madlen Bulan sowie Student Ewen Smith und FSJler Tobias Hejtmann machte er sich ans Werk, um aus der Situation das Beste zu machen. Dabei entwickelten sich drei Eckpfeiler, an denen sich die Jugendarbeiter orientierten.

„Wir haben unsere Arbeit zunächst angepasst und sie auf die Sozialen Medien verlagert“, berichtet Christ. Man habe den Jugendlichen zeigen wollen: Die Sozialarbeiter sind nicht aus der Welt, wenn schon nicht von Angesicht zu Angesicht, sind sie doch wenigstens per Facebook oder Whatsapp zu erreichen. Zudem spielte das Team ständig mögliche Szenarien durch und bereitete sich auf eine Wiedereröffnung vor. „Und diese Vorarbeit hat sich ausgezahlt, unser Hygienekonzept mussten wir kaum noch anpassen“, sagt Madlen Bulan. Und drittens nutzte man die Zeit, um die Räume im und das Gelände rund um das Juz in der Stuttgarter Straße auf Vordermann zu bringen. Dabei richtete sich das Team auch nach Anmerkungen und Wünschen der Jugendlichen. „Wir konnten tatsächlich Dinge erledigen, die wir sonst hätten nicht machen können“, sagt Dominik Christ.

Aber wie lief denn nun die Betreuung, die Ansprache der Jugendlichen ohne persönliche Treffen und Gespräche? „Man hat schnell gemerkt, dass der digitale Kontakt den physischen nicht ersetzen kann“, betont Christ. Madlen Bulan ergänzt: „Beim Thema WhatsApp war außerdem das Problem, dass wir längst nicht alle Nummern hatten.“ So hätte man zwar Kontakt zu vielen bestehenden Cliquen halten können, aber längst nicht zu allen, die regelmäßig das Juz aufsuchen. Die Einzelfallberatung mit Terminen sei aber recht rasch nach dem Lockdown wieder angelaufen. Dabei geht es vorwiegend um Ausbildungsplatzsuche sowie um Schwierigkeiten in der Schule und sonstige Konflikte, mit denen die Jugendlichen fertig werden müssen.

Trotz aller Schwierigkeiten habe sich schnell herauskristallisiert, dass sich die Jugendlichen stark mit der aktuellen Situation auseinandersetzen. „Ich habe sie als sehr aufgeklärt wahrgenommen“, sagt Madlen Bulan. Und es entstanden auch interessante Gespräche, zum Beispiel über die Berichterstattung in den Medien. „Ich glaube, dass viele gelernt haben, zu reflektieren und Fragen zu stellen, auch mit Bezug zu politischen Themen“, so Dominik Chist. Es habe sich eine gewisse Mündigkeit entwickelt. „Darauf sind wir sehr stolz“, bekräftigt Madlen Bulan.

Seit dem 2. Juni hat das Juz wieder geöffnet, wenn auch nur im eingeschränkten Betrieb. In der Regel bieten die Verantwortlichen drei Angebote pro Woche, natürlich müssen die Besucher dabei die geltenden Abstands- und Hygieneregeln einhalten. Seit vergangener Woche dürfen sich 20 Personen zur gleichen Zeit im Gebäude aufhalten. Die Rückkehr zum offenen Betrieb ist aber noch nicht wirklich in Sicht. Daher gibt es derzeit Tischkicker-, Mario-Kart- und Fifa-Turniere, gefragt ist außerdem die „Chill-out-Lounge“, die dem Alltagsbetrieb am nächsten kommt. Für all das ist aber eine Anmeldung beziehungsweise Reservierung notwendig, die ab Angebotsbeginn eine halbe Stunde gültig ist. „Wegschicken mussten wir noch niemanden“, ist Madlen Bulan erleichtert.

Vor der Corona-Pandemie tummelten sich an durchschnittlichen Tagen zwischen 30 und 60 Jugendliche in den Räumlichkeiten des Juz. Und Dominik Christ ist sich bewusst: „Wir bieten zwar ein möglichst abwechslungsreiches Programm, aber alle können wir nicht abholen. Natürlich habe man Angst vor einem gewissen Schwund. „Aber wir tun unser Möglichstes, um dem entgegen zu wirken“, erklärt Christ. Es sei wichtig, nicht nur das Negative zu sehen.

Nun gilt es für das Juz-Team, den Übergang in die Normalität so reibungslos wie möglich zu gestalten – Schritt für Schritt wie in den vergangenen Wochen, auch im Austausch mit der Schulsozialarbeit und den Mitarbeitern des Bewohner- und Familienzentrums (BFZ) in der Weststadt. Wann diese Normalität aber wieder ganz einkehrt, das vermag auch im Juz noch niemand zu sagen.

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