Kornwestheim Für ein friedliches Zusammenleben

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Recep Aydin erhält die Bundesverdienstmedaille direkt aus den Händen des Bundespräsidenten. Foto: Birgit Kiefer

Kornwestheim - Hat Gott Hilfe nötig?“ – Recep Aydin sitzt in einem zugigen Raum in der Ayasofya-Moschee in der Sigelstraße und zieht die Schultern hoch. Dabei ist die Antwort für ihn klar: Gott, oder eben Allah, braucht keine Kämpfer, die in seinem Namen irgendwo Menschen töten, um ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Dem Herrn sei besser damit gedient, wenn die Gläubigen ein gottesfürchtiges Leben führten und anderen Menschen ein gutes Beispiel geben. Wenn sie anderen zur Seite stehen, für Verständnis untereinander werben, offen sind für Gespräche. Genau dafür steht Recep Aydin seit Jahrzehnten. Am 5. Dezember erhält er in Berlin aus den Händen von Bundespräsident Joachim Gauck die Bundesverdienstmedaille – für sein Engagement, das weit über die muslimische Gemeinde hinaus geht.

„Meine Kinder sind hier aufgewachsen, meine Enkelkinder leben hier“, erzählt der 47-Jährige, „ich will, dass wir in einer guten Atmosphäre und mit friedlichen Menschen zusammenleben.“ Darum hat er schon im Jahr 2000 dafür gesorgt, dass die Ayasofya-Mosche ihre Türen weit geöffnet hat. Alle Kornwestheimer waren eingeladen, sich das Gotteshaus anzusehen. Als Vorsitzender des Moschee-Vereins ging Aydin damals ein hohes Risiko ein. „Es hätte auch sein können, dass niemand kommt. Aber den ganzen Tag liefen Menschen über die Brücke zu uns rüber“, erinnert er sich. Der erste Tag der offenen Tür in Kornwestheim war ein voller Erfolg. Ähnlich lief es mit dem ersten gemeinsamen Fastenbrechen. Zusammen mit Vertretern der christlichen Gemeinden habe man damals zusammengesessen und überlegt, was die Gemeinschaften tun könnten, um sich gegenseitig besser kennen zu lernen. „Ich habe vorgeschlagen, unser Fastenbrechen in einer Kirche zu veranstalten.“ Aydin lacht, als er das erzählt, denn damals seien seine christlichen Freunde zunächst ziemlich zusammengezuckt. Aber die Idee wurde umgesetzt. Im Paulusgemeindehaus fand das erste gemeinsame Fastenbrechen statt, und es kam so gut an, dass es danach in wechselnden Kirchen begangen wurde. Und das christlich-muslimische Frauenfrühstück? Auch so ein Lieblingskind von Aydin. „Vorhandene Vorurteile sind schwer zu beseitigen, aber es ist möglich, in der nächsten Generation gar keine mehr entstehen zu lassen“, glaubt der künftige Träger der Bundesverdienstmedaille. Und wer sei da der Schlüssel? Die Frauen, die die meiste Erziehungsarbeit leisteten.

Recep Aydin ist in Ostanatolien aufgewachsen. Auf einer Karte der Türkei zeigt er seinen Geburtsort: Posof. Ganz im Osten an der Grenze zu Georgien gelegen. Ein schöner Landstrich, sehr fruchtbar, aber Arbeitsplätze gab es kaum. Die Familie zog um nach Bursa, 1500 Kilometer weiter westlich, ans Marmarameer. Der Vater ging 1967 nach Deutschland, 1981 kam die Mutter mit sechs Kindern nach. Kornwestheim, genauer die Bolzstraße, wurde für Recep Aydin, der damals 13 Jahre alt war, wie für viele andere türkische Neuankömmlinge zur Heimat. Aber zunächst sei es ein Schock für ihn gewesen, erinnert er sich. Kein Wort Deutsch sprach er, den Vater kannte er nur von dessen Heimaturlauben – aber in seiner Klasse saßen einige andere junge Türken, das half. Bei der Eisenbahnersportgemeinschaft kickte er, wie schon in der Türkei. Beim Türkischen Kulturverein begann er, Folklore zu tanzen.

Nach der Hauptschule besuchte Recep Aydin die Berufsschule, fand aber keine Lehrstelle. Dass er diskriminiert worden sei wegen seiner Herkunft glaubt er nicht. „Damals war einfach wirtschaftlich keine gute Zeit“, so sieht er es. Später arbeitete er im Maschinenbau. 1987 heiratete er, ein Jahr später kam die erste Tochter. Die Türken in der Stadt trafen sich damals für ihre Gebete in einer Baracke auf dem ESG-Gelände, das die Bahn zur Verfügung stellte. Als Anfang 1990 die erste Moschee der Stadt in der Enzstraße eröffnete, begann Aydin sich zu engagieren. Zwei Jahre später wurde er Vorsitzender des türkischen Kulturvereins, baute dort mit seinem Team die Folkloregruppe wieder auf, sorgte dafür, dass die Türken bei den Kornwestheimer Tagen und der Ausländischen Nacht mitmischten. 1993 wurde er in den Ausländerbeirat gewählt.

Und irgendwie wurde Aydin dann überrollt. Er ist einer, der nicht „Nein“ sagen kann. Wenn die Polizei ihn anrief, weil es an einer Schule mit einem türkischen Schüler Probleme gab. Wenn ein Hospiz seine Hilfe erbat. Wenn die Caritas einen Kulturdolmetscher benötigte. Wenn nach einem Unfall einer türkischen Familie eine schlechte Nachricht zu überbringen war. „Wie kann ich ,Nein’ sagen, wenn mich da jemand fragt. Irgendjemand muss es ja machen. Es muss Menschen wie mich geben.“

Er fühlt sich aber nicht als Einzelkämpfer. Immer seien andere hinter ihm gestanden und hätten mitgeholfen – im Verein, von der Stadt, den Kirchen. „Immer waren Menschen da, die mitdenken, mithelfen, mitorganisieren.“ Kornwestheim sei in den letzten Jahrzehnten eine offene Stadt geworden – und als er das sagt, ist ihm die Freude darüber anzumerken.