Kornwestheim Für viele ist nach der Schule vor der Schule

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Fünf Verabschiedungen: Sie fanden coronabedingt auf dem Schulhof statt. Foto: Mateja fotografie

Kornwestheim - „Ich habe kein Talent zur Faulheit“, soll der frühere Bundespräsident Theodor Heuss einmal gesagt haben. Das gilt wohl auch für die 128 Absolventen der Theodor-Heuss-Realschule, die gestern ihren letzten Schultag hatten und ihre Zeugnisse bekamen. Sie hätten hervorragende Leistungen erbracht, lobte Rektor Boris Rupnow. Fast die Hälfte des 10er-Jahrgangs habe einen Preis oder eine Belobigung bekommen.

Von den Jugendlichen mit Mittlerer Reife besuchen viele nach den Sommerferien weiterführende Schulen. Sie streben das Abitur an oder gehen aufs Berufskolleg. „Der Wunsch nach Schule ist nach wie vor groß“, sagt Rupnow. Nur 15 Prozent der Zehntklässler machen eine Ausbildung. So sehr es ihn freue, dass die Jugendlichen weiterhin die Schulbank drücken wollten, so sehr bedauere er es auch, dass nur wenige ihre Zukunft beispielsweise im Handwerk sähen. In den nächsten Schuljahren will er das Augenmerk seiner Schüler auch auf diese Möglichkeit lenken, ins Berufsleben einzusteigen.

Nicht nur das jahrgangsbeste Zeugnis mit einem Notendurchschnitt von 1,1 bekam Simon Petzoldt aus Stammheim überreicht, sondern auch den Theodor-Heuss-Schülerpreis. Er ist nach dem ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik benannt, wird jährlich an 20 Schülerinnen und Schüler überreicht, die eine Theodor-Heuss- oder eine Elly-Heuss-Knapp-Schule in Baden-Württemberg besuchen und herausragende Leistungen im Fach Geschichte erbracht haben. Eigentlich wird der Preis bei einem Festakt im Stuttgarter Theodor-Heuss-Haus verliehen, in diesem Jahr mussten diese Aufgaben die Schulen übernehmen. Die Kornwestheimer Realschule engagierte dafür Oberbürgermeisterin Ursula Keck, die lobend hervorhob, dass sich der Zehntklässler für viele Themenbereiche interessiere und entsprechende Literatur lese. Für ein Thema interessiert er sich aber ganz besonders: die Elektrotechnik. Deshalb geht er nach den Ferien aufs Technische Gymnasium der Werner-Siemens-Schule in Stuttgart, um dort das Abitur zu machen. Ein Notendurchschnitt von 1,1: War der „Umweg“ über die Realschule überhaupt notwendig? Auf jeden Fall, antwortet Simon Petzoldt, denn nur so könne er sich zum Abitur intensiv den technischen Fächern widmen. An der Theodor-Heuss-Realschule habe er sich gut aufgehoben gefühlt. Die Lehrer seien gut auf die Bedürfnisse der Schüler eingegangen.

Das kann Hanna Al Jajeh nur bestätigen. Das Mädchen aus Syrien kam vor fünf Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland, ohne auch nur ein Wort Deutsch zu sprechen. An der Uhlandschule (heute Philipp-Matthäus-Hahn-Schule) besuchte sie eine Auffangklasse und wechselte dann zur Realschule. Am Anfang, erzählt sie, habe sie nur wenig verstanden, habe mit Händen und Füßen reden müssen, um sich verständlich zu machen. Ihr Abschlusszeugnis wird nun mit einem Preis gekrönt. Die junge Kornwestheimerin wechselt aufs Technische Gymnasium der Carl-Schaefer-Schule, um später einmal Architektur zu studieren. Und den Schulsozialpreis bekam sie auch noch, weil sie andere Schüler unterstützt hat. Weitere Schulsozialpreise gingen an Rahmican Dökmetas, den Konrektor Björn Wimmer als „Organisationstalent“ bezeichnete, an Ursula Klein, deren Engagement, Ruhe und fröhliche Ausstrahlung gerühmt wurden, sowie an Melani und Tharmiya Thanapalan, die sich in der Schülerbetreuung engagiert hatten. Wer den Schulsozialpreis erhalte, der habe immer auch die anderen und das Wohl seiner Schule im Blick, lobte Wimmer.

In gleich fünf Veranstaltungen auf dem Schulhof hatte die Realschule ihre Absolventen verabschiedet. Erstmals waren darunter auch zwölf Schüler, die den Hauptschulabschluss angestrebt hatten.

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