Kornwestheim Heike Sigle sitzt ebenso gerne neben wie vor dem Klavier

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Nicht nur die Töne sind wichtig, die richtige Handhaltung auch: Heike Sigle und Noemi Hermann beim Unterricht. Foto: Mateja fotografie

Kornwestheim - Ein schönes Konzert, zu dem die Schülerinnen und Schüler die Musik beisteuern, anregende Gespräche mit Eltern und Freunden – so hatte sich Heike Sigle das Fest zum 20-jährigen Bestehen ihrer Klavierschule vorgestellt. Aber das Coronavirus hat vor diese Pläne das der Musikerin Heike Sigle nicht ganz unbekannte Auflösungszeichen gesetzt. Das Fest ist ausgefallen, glücklicherweise im Coronajahr 2020 aber nicht der Klavierunterricht, den die 55-Jährige nach wie vor mit Hingabe gibt. „Es macht mir Freude zu sehen, wenn sich die Schülerinnen und Schüler Schritt für Schritt weiterentwickeln, wie sie innerlich an den Klavierstücken wachsen.“ Denn davon ist die Kornwestheimerin überzeugt: Bei ihr lernen die Kinder und Erwachsenen nicht nur, wie sie möglichst fehlerfrei und mit Ausstrahlung ein Klavierstück vortragen, der Unterricht fördert auch die Persönlichkeitsentwicklung, die Feinmotorik, die Koordination. Kurzum: Musik hilft Körper, Geist und Seele.

Am Anfang war der Klavierunterricht ein Nebenverdienst während des Studiums. Von 1984 bis 1989 studierte Sigle, die aus dem Remstal stammt, an der Anton-Bruckner-Universität im österreichischen Linz – nicht mit dem Ziel, als Solopianistin den Lebensunterhalt zu verdienen. Ihr Diplom in Klavierpädagogik zeigt, dass sie ihren Platz nicht durchgängig vorm Klavier, sondern eher daneben sah, an der Seite von Jungen und Mädchen, die das Klavierspielen erlernen wollen.

Was ist das beste Alter, um mit dem Klavierspiel zu starten? Sieben bis acht Jahre, antwortet Heike Sigle. Die entscheidende Voraussetzung: Spaß an der Sache – übrigens nicht nur bei den Kindern selbst, sondern auch bei den Eltern, deren Begeisterung für das Klavierspiel ihres Nachwuchses ebenso wichtig für die musikalische Entwicklung ist. „Wenn das Interesse bei den Eltern nachlässt, dann merkt man das ganz schnell“, berichtet die 55-Jährige von ihren Erfahrungen. 50 Prozent Begabung und Interesse, 50 Prozent das häusliche Umfeld – das ist nach Einschätzung der Kornwestheimerin die Quote fürs erfolgreiche Weiterkommen.

Nicht für alle Kinder sei das Klavier das passende Instrument. „Aber jeder kriegt eine Chance“, sagt Heike Sigle. Und wichtiger als fehlerfreies, vielleicht sogar perfektionistisches Spiel sei ihr die Freude am Musizieren, sagt die Klavierlehrerin.

Bevor sich die Schülerinnen und Schüler an das Einüben eines neuen Stücks machen, spielt Heike Sigle es ihnen vor. Für das Üben daheim gibt die Klavierlehrerin den Jungen und Mädchen oder den Erwachsenen Anleitungen. Bester Tag fürs „Training“: gleich der nächste Tag nach der Klavierstunde, weil dann das Gehörte und Gesagte noch im Ohr ist. Aber natürlich sollten die Klavierschüler jeden Tag üben – die Jüngeren 15 bis 20 Minuten, die Älteren natürlich auch länger. Wie hält es eigentlich die Klavierlehrerin selbst mit dem Üben? „Wenn es zeitlich geht, jeden Vormittag“, versichert die Klavierlehrerin aus der Weststadt.

Dass das Jubiläumskonzert ausfällt, bedauert Heike Sigle nicht nur wegen der fehlenden Kontakte und Gespräche. Auch den Schülern tue das Vorspiel gut. Sie erleben andere Kinder, hören andere Stücke, bemerken, dass auch andere nicht fehlerfrei musizieren, und sie erfahren, dass es wichtig ist weiterzumachen, wenn sich mal ein falscher Ton in die Melodie eingeschlichen hat. „Kinder reifen beim Vorspielen“, sagt Heike Sigle. Im Unterricht übt sie die Vorspielsituation sogar ein. Den Jungen und Mädchen und ihren Eltern hat sie empfohlen, das Vorspiel, das wegen Corona ausgefallen ist, daheim als Hauskonzert nachzuholen, um wenigstens ein wenig in diese außergewöhnliche Atmosphäre hineinschnuppern zu können.

20 Jahre Klavierunterricht in den eigenen vier Wänden – Heike Sigle hat’s nicht einen Moment bereut. Und sie ist auch froh darüber, dass sie ihn im Coronajahr hat geben dürfen. Am Eingang waschen und desinfizieren die Kinder ihre Hände, und auch das Klavier wird noch intensiver als früher gereinigt. Beim Unterricht tragen Heike Sigle und die Klavierschüler eine Maske. Einiges hat sich in den vergangenen 20 Jahren geändert. Schüler und Eltern, so der Eindruck der 55-Jährigen, sind nicht mehr so beharrlich bei der Sache. Es fehle mitunter die Ausdauer. Auch das Repertoire hat sich gewandelt. Kein Problem für die Klavierlehrerin: Wenn sich die Schüler mit der klassischen Literatur nicht anfreunden können, dann sucht die Lehrerin auch modernere Stücke aus.

Fürs 21. Klavierschul-Jahr hofft Heike Sigle, dass auf die Maske beim Unterricht verzichtet werden kann, dass die Schüler in Konzerten wieder das Erlernte präsentieren dürfen und dass statt Moll wieder Dur das bestimmende Tongeschlecht im Alltag wird.