Kornwestheim Hier wie dort muss alles erst wachsen

Von Birgit Kiefer
Die Delegation schaut sich den Kindergarten Villeneuvestraße an. Foto: Birgit Kiefer

Kornwestheim - Ein Migrantenanteil von 85 Prozent, 18 verschiedene Nationalitäten, zehn Prozent der Kinder sind Flüchtlinge: So sieht es am Kindergarten Villeneuvestraße aus. Mit ähnlichen Zahlen können die Besucher der Einrichtung, eine Weißenfelser Delegation um Oberbürgermeister Robby Risch, nicht aufwarten. „Wir haben eine mitnichten vergleichbare Situation“, so das Stadtoberhaupt von Kornwestheims sachsen-anhaltinischer Partnerstadt. Für eine ostdeutsche Stadt läge der Anteil nicht-deutscher Mitbürger aber mit zehn Prozent verhältnismäßig hoch. Es gäbe zudem bestimmte Stadtteile von Weißenfels, wo auch mal 30 Prozent erreicht würden.

Zwei Tage sind die Weißenfelser in Kornwestheim, um sich zu informieren, wie im Schwabenland mit der Situation umgegangen wird. Dazu haben sich Risch, die Beauftragte für Gleichstellung und Integration Katja Henze, die Mitarbeiterin Integration Iwona Kischel, Pfarrer Martin Schmelzer von der Initiative Engagiertes Weißenfels und die zwei aus Syrien stammenden Lubna Hayathle und Mohammad Housain in den Westen aufgemacht. Am ersten Abend haben sie die Ayasofya-Moschee besucht. Am gestrigen Freitag stand ein Besuch der Philipp-Matthäus-Hahn-Gemeinschaftsschule an. Dort wurde das Konzept der Vorbereitungsklassen, in denen Flüchtlingskindern und Kindern von nicht deutschen Muttersprachlern erste Deutschkenntnisse vermittelt werden, vorgestellt. Für Robby Risch eine sehr interessante Lösung. Im Burgenlandkreis würden Deutschkurse nur über die Volkshochschulen angeboten. Schüler direkt an den Schulen auf den Unterrichtsbesuch vorzubereiten, hält Risch für die geeignetere Methode. „Ich habe aber auch gesehen, dass richtig Deutsch zu lernen eben seine Zeit braucht.“

Dabei können sich Hayathle und Housain schon nach einem Jahr nahezu perfekt auf deutsch unterhalten. Die beiden Flüchtlinge haben einen Bundesfreiwilligendienst absolviert und arbeiten mittlerweile ganz regulär bei einer privaten Bildungseinrichtung in der Kinderbetreuung. Die 30-jährige Hayathle hat in Syrien englische Literatur studiert, der 29 Jahre alte Housain ist Kunstlehrer, muss aber noch zwei Jahre Studium in Deutschland draufsatteln, um hier in seinem Beruf arbeiten zu können. Das will er auch machen. Die Menschen in Weißenfels hätten ihr viel geholfen, erinnert sich Hayathle. Die Sprache lerne man am Besten bei der Arbeit.

Den Kindergarten Villeneuvestraße stellte Leiter Tobias Beller vor. Die Einrichtung legt besonderen Wert auf die Sprache. Sie ist im Bundesprogramm Sprach-Kitas und macht verschiedenste Förderangebote. Wichtig ist Beller die Einbindung der Eltern und die Kontakte der Eltern untereinander. Der Dolmetscherservice des Landratsamts sei eine wichtige Hilfe.

Nach einem Abstecher in die Moschee, damit Hayathle und Housain das Freitagsgebet miterleben konnten, ging es weiter zum Awo-Seniorenzentrum, zur Stadtbücherei, wo es ums Thema Deutsch als Fremdsprache ging, und zur Musikschule. In Baden-Württemberg habe man mehr Erfahrung mit Menschen aus anderen Kulturkreisen, glaubt Risch. „Hier ist das gewachsen, es wird auch bei uns wachsen müssen.“ Der Moscheebesuch habe ihn schwer beeindruckt.

Die Gebetsstätte war auch der Auslöser des Besuchs. Nach einem Besuch von Mitgliedern der Ayasofya-Moschee in Weißenfels und einem Vortrag dort, habe er sich selbst ein Bild von dem Gotteshaus machen wollen, so Robby Risch. In Weißenfels haben die Muslime bisher noch nicht mal einen Gebetsraum. Die Raumfrage soll allerdings bald gelöst werden, stellt er in Aussicht.