Kornwestheim „Ich würde Sie am liebsten schütteln und aufwecken“

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Vier junge Männer mussten sich vor dem Jugendschöffengericht verantworten, weil sie mit Marihuana gehandelt haben. Foto: dpa

Kornwestheim - Einen 16-jährigen und einen 21-jährigen Kornwestheimer verurteilte das Jugendschöffengericht zu jeweils zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Ihr 25-jähriger Mittäter kam mit einem Jahr Haft – zur Bewährung ausgesetzt – davon, der 18-jährige Kumpel wurde ein Jahr unter Vorbewährung gestellt.

Der Zuschauerraum war gut gefüllt, als gegen die vier jungen Männer verhandelt wurde. „Halb Kornwestheim“ sei wohl im Gerichtssaal, mutmaßte Richterin Dr. Franziska Scheffel. Sie wolle nicht wissen, wie viele von den Zuhörern Drogenkonsumenten seien. Die Angeklagten auf jeden Fall gaben zu Protokoll, von Rauschgift abhängig sein. Der Jüngste von ihnen hatte schon im Alter von 13 Jahren angefangen zu kiffen. Er war derjenige, der sich im Tatzeitraum von 2017 bis April 2019 die meisten Umsatzgeschäfte mit Marihuana zurechnen lassen musste. Der Jugendliche war schon mit 14 Jahren groß ins Geschäft eingestiegen, zunächst alleine. Auch sein 21-jähriger Mittäter verdiente sich sein Geld mit dem Drogenhandel ziemlich lange solo. Als die beiden im Februar aufeinandertrafen, fusionierten sie sozusagen, und mit den Marihuana-Verkäufen ging es Schlag auf Schlag. Mir nichts, dir nichts waren rund dreieinhalb Kilo vertickt. Das Gericht ging davon aus, dass der jüngste Angeklagte fast 30 000 Euro umgesetzt hat, der 21-Jährige fast 20 000 Euro, der 18-Jährige lediglich 400 Euro und der 25-Jährige gar nichts. Abgegeben wurde der Stoff größtenteils aus einer Kornwestheimer Wohnung heraus, aber nicht von demjenigen, der dort wohnte.

Der 16-Jährige und der 21-Jährige saßen vor dem Prozess etwa sechs Monate in Untersuchungshaft, nachdem Haftbefehl gegen sie erlassen worden war. Mit dem Urteil vom Jugendschöffengericht mussten sie wieder in die Gefängnisse zurück. „Ich würde Sie am liebsten schütteln und aufwecken“, sagte die Staatsanwältin während ihres Plädoyers zu dem jugendlichen Angeklagten, der trotz seines Aufenthalts im Jugendgefängnis Adelsheim und einer gescheiterten Unterbringung im der Einrichtung Seehaus, einem Jugendstrafvollzug in einer freieren Form, nicht zu begreifen schien, welche Tragweite das Urteil für ihn haben würde.

Jetzt sitzt er in Stuttgart-Stammheim, nachdem er seine letzte Chance im Seehaus verspielt hatte, weil er sich nicht an die Regeln hielt und einen Mitbewohner boxte. Außerdem hatte er im Seehaus, dessen Werte auf dem christlichen Glauben fundieren, keine Lust zu beten. Damit ging die Alternative zur Verbüßung einer Haftstrafe im Gefängnis flöten und er musste zurück in den geschlossenen Vollzug. „Sie können arbeiten, das sieht man doch an diesen Taten“, stellte die Anklägerin im Drogenprozess bei dem 16-Jährigen fest, der es nicht für nötig hält, einen Beruf zu erlernen. Mit seinem mitverurteilten Kumpel, der mit zweieinhalb Jahren dieselbe Haftstrafe verbüßen muss, sieht es nicht viel anders aus. Auch er war zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung bereits einschlägig vorbestraft und hatte seine Lehrstelle gekündigt. Er bekam Hartz IV, konnte seine Lehre woanders fortsetzen und wurde dann aber wegen Unzuverlässigkeit vom Betrieb gekündigt.

Bei dem 25-Jährigen drückten die Richterin und die beiden Schöffen alle Augen zu, denn er war Bewährungsbrecher und hätte eigentlich keine Bewährung mehr verdient gehabt. Er hat es aber in seinem stattlichen Alter nun endlich ins zweite Lehrjahr geschafft. Der Vierte im Bunde, ein Freund des 16-jährigen Haupttäters, war relativ spät ins Geschäft eingestiegen und hatte dem Gericht außer einem Hauptschulabschluss nichts vorzuweisen. Von ihm wollte die Richterin wissen, was denn daran so toll sei, immer nur mit Freunden abzuhängen, und ob er wirklich vorhabe, auch noch ins Gefängnis zu gehen. Hätte er nicht, sagte der junge Mann. Er wolle sich von seinem Kornwestheimer Umfeld komplett lösen und seinen Lebensmittelpunkt nach Ostdeutschland verlagern.

Therapiewillig zeigten sich im Übrigen alle vier Verurteilten: Die auf freiem Fuß gehen zur Drogenberatung, und die Haftinsassen versuchen aus dem Gefängnis heraus auf Therapie zu kommen.

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