Kornwestheim In dieser hohlen Gasse muss er sensen

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Fritz Kuhn in Aktion. Foto: Stefanie Köhler

Kornwestheim - Joseph Michl ist seine Freude anzusehen. Erstmals hat der Vorsitzende der Arge Nord-Ost, die sich für den Erhalt der Grüngebiete im Norden und Osten Stuttgarts ehrenamtlich engagiert, am Samstag Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) gezeigt, was der Verein allein zwischen Kornwestheim und Stuttgart-Mühlhausen erreicht hat: Gemeinsam mit Vereinsmitgliedern schaute sich Stuttgarts Stadtoberhaupt den Hohlweg an.Das Biotop gilt als letzter intakter Hohlweg in Stuttgart. Insekten, Vögel und Kleinsäuger leben und brüten dort. Den rund 300 Meter langen Weg pflegt die Arge seit mehr als zwölf Jahren. Das bedeutet, dass die Naturschützer zweimal im Jahr das Gebiet von wuchernden Pflanzen befreien. Wie am Samstag. Sie mähen die Hänge und schneiden Äste zurück. In mühevoller Handarbeit, vorwiegend mit Sensen – damit Fußgänger und Reiter den Hohlweg ohne Hindernisse genießen können. Nach jeder Biotoppflege fährt das Stuttgarter Tiefbauamt fünf Lkw-Ladungen mit Grünzeug zum Kompost. Einen Teil der Pflanzen verfüttern örtliche Bauern an ihre Hochlandrinder.

„Für die Naherholung ist der Hohlweg ein wichtiges Element. Er macht den Spaziergang reizvoll“, sagt Michl. Durch die Bäume links und rechts dringt mal mehr, mal weniger Licht. So ist der Hohlweg an manchen Stellen dunkler als an anderen. Außerdem bringt das Biotop Abwechslung in die sonst recht eintönige Landschaft aus Feldern und Mais. OB Kuhn ist beeindruckt. „Ehrenamt ist im Naturschutz extrem wichtig“, sagt Kuhn. Er selbst sei dem Naturschutz sehr verbunden, weshalb er sich über eines im Klaren ist: „Die Pflege ist harte Arbeit.“

Mehr als zwei Stunden verbringt Kuhn mit den Arge-Mitgliedern. Er fachsimpelt mit ihnen nicht nur über Sensen, sondern greift auch selbst zum Arbeitsgerät. Dabei macht er aus Sicht der Naturschützer eine recht gute Figur. Jörg Faber vom Naturschutzbund (Nabu) in Stuttgart weiß, wie anstrengend sensen ist. „Wenn man erst einmal den Dreh raus hat, macht es aber richtig viel Spaß“, sagt Faber. Wie der Dreh aussieht? Man müsse sich die Sense als einen Zirkel vorstellen. „Ich bin der Mittelpunkt und ziehe einen Halbkreis. Wenn die Sense schön entlangläuft, wird das Gras geschnitten, nicht gehackt“, sagt Faber. Mit Kuhns Besuch verbindet Arge-Chef Michl freilich auch einige Hoffnungen. „Der Norden von Stuttgart besteht nicht nur aus Industrie“, betont er. Der OB solle sehen, wie groß sein Stadtgebiet und „wie wunderbar“ gerade der Hohlweg mit seiner Umgebung ist. Die Arge wünscht sich zudem mehr Unterstützung von der Stadt Stuttgart, insbesondere fachliche. Zum Beispiel, wenn der Verein Mittel aus Fördertöpfen beantragen will. „Das ist für uns ein unglaublich hoher bürokratischer Aufwand“, sagt Michl. Er würde sich auch darüber freuen, wenn die Stadt sich dem Landschaftserhaltungsverband (LEV) anschließe, den das Land Baden-Württemberg fördert. Daneben nutzt die Arge für die Biotoppflege meist die privaten Geräte der Mitglieder. Auch hier sieht der Arge-Vorsitzende Handlungsbedarf. Grundsätzlich zeigt Fritz Kuhn sich offen für mehr Unterstützung. „Beim Ehrenamt ist die Begleitung durch Professionalität wichtig“, sagt der Grünen-Politiker.Die Arge Nord-Ost besteht aus zahlreichen Naturschutz- und Umweltverbänden sowie Bürgervereinen aus der Region Stuttgart. Auch der Bürgerverein Kornwestheim mit dem Vorsitzenden Horst Allgaier hat sich der Arge angeschlossen. Zu den wertvollen Freiflächen, die die Arge schützt, zählen das Schmidener Feld auf der Ostseite des Neckars und das Lange Feld auf der Westseite des Neckars. Dafür hat der Verein bisher sechs Grundstücke für rund 100 000 Euro gekauft. In den Erhalt des Hohlwegs sind bereits rund 25 000 Euro geflossen.

Nur durch Zufall wurde der Hohlweg im Jahr 2001 entdeckt. Der Energiekonzern EnBW verlegte damals Gasleitungen durch das Gebiet. Dabei stieß er auf den Hohlweg, der nicht mehr als solcher erkennbar war, weil er jahrelang mit Schutt zugemüllt wurde. Die Stadt Stuttgart entschied sich, dass der Hohlweg freigebaggert werden soll. Die Arge kümmert sich seitdem um den Erhalt. Anfangs musste sie vor allem Brombeersträucher zurückschneiden. Die sind inzwischen gebändigt.

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