Kornwestheim Junge sagt aus: Barfuß vor der eigenen Mutter geflohen

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Die Mutter soll versucht haben, den Jungen in der Wohnung der Familie in Kornwestheim mit einem Cuttermesser umzubringen. Foto: dpa

Kornwestheim - Im Gerichtssaal waren sich am Montagnachmittag alle Beteiligten schnell einig: Um den Hauptzeugen zu schützen, wurde nicht nur die Öffentlichkeit aus dem Saal geschickt. Auch die Angeklagte sei „für die Dauer der Vernehmung aus dem Sitzungssaal zu entfernen“, hieß es vom Gericht. Die 47-jährige Frau durfte der Aussage aus einem Besprechungszimmer per Videoübertragung folgen.

Die zeitweise Abwesenheit von Journalisten, Prozessbeobachtern und der Angeklagten vor der neunten Schwurgerichtskammer des Landgerichtes Stuttgart war leicht zu begründen: Der Hauptzeuge ist erst zwölf Jahre alt, die 47-Jährige seine Mutter. Sie soll am 25. November 2018 versucht haben, den Jungen in der Wohnung der Familie in Kornwestheim mit einem Cuttermesser umzubringen. Angeklagt ist sie wegen versuchen Mordes und Misshandlung.

Seiner Mutter während der Aussage gegenübersitzen zu müssen, wollte der Vorsitzende Richter Jörg Geiger dem Zwölfjährigen ersparen. Er machte deutlich, dass das Kindeswohl besonders schutzwürdig sei. Eine „Retraumatisierung“ sei zu befürchten, wenn sich Mutter und Kind begegnen würden. Auch die Anwältin der Nebenklage, die den Zwölfjährigen vertritt, hatte im Vorfeld der Verhandlung eine räumliche Trennung gefordert. Sie hatte vorgeschlagen, den Jungen in einem gesonderten Raum zu befragen, per Videoübertragung zuzuschalten. Auf das Verfahren einigte man sich auch deswegen, weil die Richter dem Jungen persönlich gegenübersitzen wollten.

Vor der Befragung des Zwölfjährigen waren zwei Zeugen aufgetreten: Die Nachbarn der Familie, ein Ehepaar. Bei ihnen war der junge Kornwestheimer am frühen Morgen des Novembersonntags aufgetaucht, mit Blut an Händen und Gesicht, einer Schnittwunde am Hals. Zuvor hatte die Mutter, so heißt es in der Anklage, versucht, den Jungen im Schlaf mit dem Messer an der Halsschlagader zu treffen.

Er wachte laut Anklage auf, wehrte sich, entkam und klingelte bei den Nachbarn. „Er war aufgeregt, im Schlafanzug und barfuß“, erinnerte sich der 50 Jahre alte Kornwestheimer. Zuerst habe der Junge zu den Nachbarn gesagt: „Ich kann dir das nicht erzählen, das glaubst du mir nicht.“ Doch dann berichtete er: „Die Mama kam ans Bett und wollte mich schnitzen.“ Seine Frau habe den Zwölfjährigen zuerst draußen bemerkt, war als erste unten, sagte der Zeuge. Die 47 Jahre alte Nachbarin versorgte die Verletzungen und ging dann zur Mutter des Jungen. Der Zwölfjährige habe sie noch davor gewarnt. Dennoch sei sie gegangen – sie habe nicht das Gefühl gehabt, dass ihr Gefahr drohe.

Im Nachbarhaus sei alles voller Blut gewesen, Wände und Boden, berichtete die Zeugin. Die Nachbarin fand die Angeklagte aufgelöst und verwirrt vor, und selbst an den Armgelenken verletzt. „Sie war gar nicht sie selbst, erschöpft, völlig fertig“, erinnerte sich die Zeugin. Die Angeklagte, die wohl schon früher psychische Probleme hatte, habe Dinge gesagt wie: „Ich schaff’ das nicht mehr“.

Am Ende der jeweiligen Vernehmungen ging es um das Umfeld der Familie, die psychiatrischen und rechtsmedizinischen Sachverständigen wollten sich ein Bild über das Tatgeschehen hinaus machen. Dass die Mutter eigentlich fürsorglich gewesen sei, bestätigte die Zeugin. „Es war eine normale bürgerliche Familie“, betonte auch ihr Mann. Man habe ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis gehabt, die eigenen Kinder spielten mit dem damals Elfjährigen oder fuhren mit ihm gemeinsam zur Schule. Nur der Schwiegermutter sei zuvor bereits aufgefallen, dass etwas im Argen lag und die Idylle trübte: Der Ehemann, der mittlerweile das alleinige Sorgerecht für den Sohn zugesprochen bekommen hat, war häufiger mit der Haushälterin, mit der er ein Verhältnis begonnen hatte, einkaufen gewesen. Am 22. Mai wird der Prozess fortgesetzt.

 
 

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