Kornwestheim/Ludwigsburg LVL-Chefin wollte sie nie werden

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Carry Buchholz Foto: factum/Weise

Kornwestheim/Ludwigsburg - Der Job von Carry Buchholz klingt total simpel: Busse anschaffen, Pläne machen und dann die Fahrzeuge von A nach B fahren lassen. Aber natürlich: So einfach ist das keineswegs. Und das bei Weitem nicht nur, weil Unfälle den Takt durcheinanderbringen oder Baustellen die Route durchkreuzen können. Man muss nur einmal in den benachbarten Rems-Murr-Kreis schauen, wo im August das Linienbusunternehmen Knauss-Reisen Insolvenz angemeldet hat. Oder nach Calw, wo die Firma Rexer so große Probleme hat, dass auch sie die Segel streichen muss.

Dass die Ludwigsburger Verkehrslinien (LVL) Jäger in der Barockstadt und in Kornwestheim die Busse von A nach B fahren lassen und mit dem seit 1. Januar geltenden Takt den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) sogar in eine neue Galaxie befördern könnten, liegt an Carry Buchholz, der Chefin. Carry Buchholz ist 33 Jahre alt, hat Politikwissenschaften, Geschichte und interkulturelle Handlungskompetenz studiert und wollte nie Chefin von LVL Jäger werden. Und nun, da sie es doch ist, scheint es, als hätte es genau so kommen müssen.

Mit fünf Jahren klebt Carry Firmenaufkleber auf Werbegeschenke der Firma. „Gummibärchen, tonnenweise“, erinnert sie sich. Später verkleidet sie sich als Engel auf Weihnachtsfahrten, begleitet den Vater auf Reisemessen und begutachtet Hotels, die sich für die Reisesparte des Unternehmens eignen könnten. In den Ferien arbeitet sie im Büro mit oder erteilt Fahrplanauskünfte am Telefon – im Vor-App-Zeitalter.

Als Carry Buchholz fünf Jahre alt ist, sind die Ludwigsburger Verkehrslinien 65. Gegründet wurden sie anno 1926 von Fritz Jäger. Es gab vier Omnibusse von Magirus und drei Linien: nach Aldingen, nach Hoheneck und nach Eglosheim. Und es gab eine Reisesparte, die Touren in die Nähe und in die Ferne veranstaltete. Heute fahren die 88 Busse auf 26 Linien, die zusammen fast 116 Kilometer messen. Und die Carry Buchholz sagen lassen: „Das ist ein ganz, ganz komplexes System.“

Carry Buchholz, so viel ist klar, wird im Unternehmen groß. Doch als sie schließlich groß ist, wählt sie einen anderen Weg: Sie will nicht mehr ins Familienunternehmen einsteigen, sie will Journalistin werden oder politische Beraterin. Sie geht studieren. Auf den Bachelor soll der Master folgen. Doch dann, gerade als sie die Zusage für den Studiengang hat, eröffnet die Mutter, Chefin in der dritten Generation: „Ich kann nicht mehr.“

Das war im Jahr 2009. Hinter LVL Jäger lagen schwierige Jahre mit der Reisesparte und letztlich deren Verkauf. Die Übernahme des Poppenweiler Busunternehmens Zeiher war anstrengend gewesen, ebenso die Einführung eines Zehn-Minuten-Takts auf den Hauptlinien. Plus der Ausbau des Betriebsgeländes. Und das, was der Firma bevorstand, würde mindestens ebenso aufreibend werden: die Neuvergabe des Busverkehrs.

Mit diesem komplexen, EU-weiten Verfahren wurde der ÖPNV in Deutschland neu geregelt – und es hätte durchaus passieren können, dass am Ende die Ludwigsburger Verkehrslinien nicht mehr durch Ludwigsburg und Kornwestheim fahren dürfen. Als also in jenem August des Jahres 2009 Christiane Jäger „Ich kann nicht mehr“ sagt, sagt ihre Tochter: „Ich komme.“ Die Studentin wird Sachbearbeiterin, die das Geschäft von der Pike auf lernt und sich zur Wirtschaftsfachwirtin fortbildet, inklusive Fachkundeprüfung für Omnibusunternehmer und inklusive Busführerschein.

Heute ist klar: Das Verfahren ist gut ausgegangen für LVL Jäger. Selbstverständlich ist das aber nicht. Es hätte gut sein können, dass ein Konkurrent ein besseres Angebot für das Linienbündel Ludwigsburg/Kornwestheim abgibt. In Esslingen etwa sind die Traditionsfirmen Fischle und Schlienz, die die Lizenz für fast die Hälfte des Esslinger Busverkehrs hatten, leer ausgegangen. Was die Ludwigsburger Traditionsfirma angeht, ist ebenfalls in der Rückschau klar: Ein besseres Angebot als ihres konnte es gar nicht geben.

Die Busse fahren in beiden Städten nun öfter und abends länger. Sie sind auf zusätzlichen Strecken unterwegs und moderner. Eine Million Kilometer mehr pro Jahr stecken in dem neuen Fahrplan für Ludwigsburg und Kornwestheim. Und von den nunmehr 88 Bussen im Fuhrpark haben 61 einen Hybridantrieb. In den kommenden fünf Jahren sollen zudem 30 Elektrobusse angeschafft werden. „Das Konzept ist das Optimum für unsere Fahrgäste und für unser Unternehmen“, sagt Carry Buchholz, die 2016 die Geschäftsleitung übernommen hat.

Optimal für das Ludwigsburger Unternehmen ist das Konzept tatsächlich nur, wenn es genutzt wird. Das neue System finanziert sich nicht mehr über pauschale Zuschüsse, sondern über die tatsächlichen Fahrgäste. „Wir müssen abwarten, ob es aufgeht“, sagt die Chefin. Aber, das sagt sie auch, wäre sie nicht überzeugt, hätte sie das Angebot nicht gemacht. Sie könne ja nicht die Jobs von 200 Mitarbeitern riskieren.

Wenn Carry Buchholz mit ihren 33 Jahren auf die jüngste Vergangenheit blickt, sagt sie, dass alles „immer wieder unglaublich“ sei. Sie könnte auch sagen, dass es gut war. Aber das, das wäre mit Sicherheit zu simpel.

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