Kornwestheim Mars-Rover auf dem Spielplatz

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Stolze Tüftlerin: Jeanette Müller lässt ihren „Percy“ in Sandkästen, über Steine und Schotter Probe fahren. Foto: Horst Dömötör

Kreis Ludwigsburg - Percy will noch nicht so recht. Statt durch den Sand zu sausen, steht er stumm da. „Irgendetwas hat er“, sagt Jeanette Müller, öffnet eine weiße Klappe und greift in das Innenleben des sechrädrigen Gefährts. „Er hat auch noch nie so einen langen Ausflug gemacht“, erklärt sie dann milde und lächelt ein Technikerinnen-Lächeln. Sodann nimmt die 39-Jährige ihren blauen Playstation-Controller zur Hand, ein Mobiltelefon ist daran befestigt. Sie drückt Knöpfe, fährt mit dem Finger über den Hebel, den „Stick“, wie das im Gamerjargon heißt. Kurz darauf surrt Percys Kamera und seine sechs Räder setzen sich in Bewegung. Percy düst – nun ja, mit etwa 6 km/h – über den Spielplatz an der Kornwestheimer Bebelstraße. Ein paar Mitarbeiter der Bauhofs sind in der Nähe, sie unterbrechen ihre Arbeit und werfen Percy erstaunte Blicke zu.

Der kleine Bruder von Perseverance

Percy ist so etwas wie der kleine Bruder von Perseverance. Er sieht aus wie der Nasa-Mars-Rover, hat eine Kamera, eine Nachbildung des Teleskoparms und weiterer Instrumente. Der größte sichtbare Unterschied: Percy ist kleiner als Perseverance, der am 18. Februar auf dem roten Planeten gelandet ist und seitdem die Wissenschaftswelt – und nicht nur die – mit seinen Entdeckungen in Erstaunen versetzt hat. Percy ist 75 Zentimeter breit und 85 Zentimeter lang – das entspricht einem Verhältnis von 1:4 zum echten Perseverance.

Die Kornwestheimerin Jeanette Müller ist in der Science-Fiction-Szene rund um Stuttgart und darüber hinaus bereits als Modellbauerin und Tüftlerin bekannt, zuletzt sorgte sie mit detailgetreuen Raumschiffmodellen aus der Fernsehserie „The Expanse“ für Furore. Immer auf der Suche nach der nächsten Herausforderung beschloss sie Ende vergangenen Jahres, einen Roboter nachzubauen. Zunächst sollte es Tachikoma werden, der „Walker robot“ aus dem Manga „Ghost in the Shell“. Doch der hat Beine – und das erschien Jeanette Müller für den Anfang doch als „etwas kompliziert umzusetzen“. Sodann sah sie sich die verschiedenen Mars-Rover der Nasa an, fünf solche Missionen gab es bislang. Sie überlegte, den Soujourner nachzubauen, den Rover der berühmten Pathfinder-Mission in den 90er Jahren. Aber: „Das ist nur ein goldener Kasten mit Rädern dran“, sagt sie – baulich wenig reizvoll.

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Also beschloss sie, Perseverance nachzubauen, den Rover der aktuellen Mars-Mission. Los ging es im Frühjahr 2021. Die Baupläne für Percy entwickelte sie selbst anhand von Nasa-Daten, die frei zugänglich sind. Jeanette Müller ist von Beruf Software-Entwicklerin, das hilft ihr. Sie erstellte in CAD-Programmen Vorlagen, mit denen fütterte sie ihre 3-D-Drucker – Percy ist zum größten Teil aus Kunststoff gedruckt. Jeanette Müller bestellte Motoren, bildete das Reifenprofil nach. Die Software programmierte sie, natürlich, selbst. Mit dem Controller kann sie alle Funktionen Percys steuern, die Kameras übertragen die Bilder auf ihr Handy. Besonders stolz ist die Tüftlerin auf die ausgefeilte Gelenkkonstruktion, über die die sechs Reifen bewegt werden und die es dem Original-Rover erlauben, komplexe Bodenwellen und Steigungen zu bewältigen.

Auch der Percy auf dem Spielplatz zeigt unterdessen, was er kann. Er fährt geschickt über einen großen Stein. „Wow, nicht schlecht“, entfährt es der Bastlerin, die gerade erst selbst herausfindet, was ihr Werk so alles kann. „Er ist eben Work in Progress.“

Interessierte aus aller Welt melden sich

Percy hat mittlerweile eine Internetseite, auf der Jeanette Müller – ganz dem Open-Source-Gedanken verpflichtet – ihre Bau- und Druckpläne unter dem Namen „OpenPerseverance“ online stellt. Auch auf Insta­gram ist Percy zu finden. „Ich bekomme viele Anfragen aus verschiedenen Teilen der Welt“, sagt die Kornwestheimerin. „Auf mich sind zum Beispiel schon Lehrer zugekommen, die Percy nachbauen und im Unterricht zeigen wollen.“ Auch mit Mitarbeitern der Esa, der europäischen Raumfahrtbehörde, habe sie Kontakt. Und: Sie will ihre Schöpfung natürlich selbst ausstellen. Ein Vortrag über die Mars-Rover-Missionen der Nasa ist für die Fed-Con im Oktober geplant, natürlich ist Percy mit dabei. „Der Mars“, sagt Jeanette Müller, „hat mich schon immer gereizt“. Dabei meint sie gar nicht so sehr den roten Himmel und die zerklüftete Landschaft, sondern das technische Momentum, die Entwicklungen, den Fortschritt. Die Mars-Missionen, sie sind für sie Science-Fiction, die Wirklichkeit wurde. „Es macht mir Spaß, daraus ein eigenes Werk abzuleiten“, sagt sie. „Ein Werk, das andere Menschen inspiriert und Freude schenkt.“

Weitere Infos und Bilder zu Percy und Jeanette Müller gibt es auf ihrer Instagramseite: „percy_the_marsrover“.

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