Kornwestheim Mit Musik gegen Depressionen

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Baris Sabuncuoglu (links) und Michael Pietzsch Foto: /Peter Meuer

Kornwestheim - Baris Sabuncuoglu und Michael Pietzsch wissen genau, wohin Depressionen führen können. Der 31 Jahre alte Sabuncuoglu hat bereits zwei Freunde aufgrund der Krankheit verloren. Die Depressionen trieben diese Menschen, die wohl keinen anderen Ausweg mehr sahen, in den Suizid. Ein Freund nahm sich 2014 das Leben, nach einer langen Leidensgeschichte, der andere 2018 – für sein Umfeld quasi aus dem Nichts heraus. „Das ist ganz plötzlich passiert“, sagt Boris Sabuncuoglu und Michael Pietzsch, 30 Jahre alt, nickt betroffen und traurig.

„Über Depressionen sprechen die Menschen viel zu wenig, das Thema meiden viele“, haben die beiden jungen Männer festgestellt. Da muss man doch etwas tun, aufklären, Hoffnung geben, haben sie sich vor einigen Monaten überlegt. „Deswegen haben wir das Projekt ‚Screaming Silence’ ins Leben gerufen“, sagt Pietzsch, der in Kornwestheim lebt. Und der Ludwigsburger Baris Sabuncuoglu ergänzt: „Mit Musik und Kunst wollen wir das Thema Depressionen in den Fokus rücken.“ Baris Sabuncuoglu und Michael Pietzsch kennen sich schon viele Jahre. Sabuncuoglu ist Schlagzeuger, Pietzsch Gitarrist. Gemeinsam mit dem dritten im Bunde – dem Geiger Deniz Dag – sind sie die Köpfe des Bandprojektes „Stur und Dumm“, das sich irgendwo im Spannungsfeld zwischen handgemachtem Rock und Elektronik bewegt, und zudem noch klassische Einflüssen hat (man beachte: mit Geige). Auch betreiben die befreundeten Musiker in einem Ludwigsburger Hinterhof-Kellergeschoss ein eigenes kleines Tonstudio, wo sie ihre eigenen Stücke aufnehmen, aber auch im Dienste anderer Bands und Musiker arbeiten.

Auf dieser logistischen Basis – eigene Band, eigene Technik – fußt dann auch das Projekt „Screaming Silence“, was zu deutsch etwas „Schreiende Stille“ bedeutet. Sabuncuoglu, Pietzsch und Dag, der ebenfalls an Screaming Silence mitarbeitet, haben bereits einen Song aufgenommen, aber noch nicht veröffentlicht. „Das Lied setzt sich mit dem Thema Depressionen auseinander“, berichten sie. Um es bekannter zu machen und zu präsentieren, wollen die drei Freunde ein Musikvideo zu den Themen Depression und Suizid aufnehmen – teilweise in Zagreb in Kroatien – und veröffentlichen.

Darin wird eine junge Frau gezeigt, die sich in einem großen, verlassenen Gebäude verirrt, sich darin verliert und nicht wieder hinaus findet. „Sie sieht keinen Ausweg und schreitet ein letztes Mal Richtung Licht“, heißt es in der Beschreibung. „Wir versuchen, mit diesem Video das Innerste eines Menschen zu interpretieren, der den Entschluss gefasst hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Was genau in solch einem Menschen passiert wissen wir nicht“, sagen die Musiker.

Als Höhepunkt, so berichtet es Sabuncuoglu, planen sie eine Veranstaltung in einem Kino – voraussichtlich zum Ende des Jahres hin. Dort sollen dann nicht nur Song und Video präsentiert werden, auch soll das Thema Depression in verschiedenen Kunstformen, mit Infoständen und Vorträgen thematisiert werden. Eventuell gebe es auch einen Poetry Slam. „Wir hoffen wirklich, dass wir damit Bewusstsein schaffen können“, sagt Pietzsch. Indes: Um Screaming Silence so umzusetzen, wie sie sich das vorgenommen habe, benötigen die Musiker eine ganze Menge finanzieller Mittel. Einige Tausend Euro wird die Produktion des Videos und die Organisation der Veranstaltung kosten, haben sie errechnet. Deswegen haben sie ein Spendenkonto eingerichtet – und außerdem eine Crowdfunding-Kampagne im Internet eingerichtet.

„Wir sind keine Ärzte oder Therapeuten, wir sind Musiker. Wir haben unser Herz in die Hand genommen und das Thema zu einem Track verarbeitet“, sagt Sabuncuoglu. „Wir wollen mit unserer Musik ein Statement setzen. Es ist uns wichtig, dafür zu arbeiten, dass es ernster genommen wird, wenn Menschen Zeichen von Depressionen zeigen.“ Dag ergänzt: „Wir wollten mal nicht nur freudige Klänge, wie wir sie sonst produzieren, anstimmen, sondern auch darauf hinweisen, dass es viel ernstere Angelegenheiten gibt.“

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