Kornwestheim Naturaufnahmen aus dem Talkessel

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Schwäbische Gelbkopfamazonen: Bianca Hahn lichtet die Tiere – bei den beiden handelt es sich um Pebe und Lola – seit nunmehr sechs Jahren ab. Foto: z/Bianca Hahn

Kornwestheim - Der Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt – es gibt schönere Orte, um in den Tag zu starten. Für Bianca Hahn nicht. Fast jeden Morgen macht sich die Fotografin, die ein Studio in der Johannesstraße in Kornwestheim hat, bei Wind und Wetter von ihrem Wohnort Ludwigsburg auf den Weg zu dieser stark frequentierten Kreuzung mit vielen Autos, mit regem Stadtbahnverkehr und eilenden Passanten – und zwar für Naturbeobachtungen. Hahn haben es 62 Gelbkopfamazonen angetan, die an diesem unwirtlichen Ort in den Baumkronen der Platanen nächtigen. Wenn die Papageien ihre Nachtruhe beenden, steht Bianca Hahn mit ihrer Kamera schon bereit in der Hoffnung auf neue Motive und Erkenntnisse.

Die einzige frei lebende Kolonie von Gelbkopfamazonen in Europa ist in Stuttgart bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Die Vögel mit dem grünen Gefieder und der Gelbfärbung am Kopf sind nicht zu übersehen – und wenn sie gemeinsam „auftreten“ auch nicht zu überhören. Aber kaum jemand dürfte die Papageien so gut kennen wie Bianca Hahn. Seit 2015 beobachtet die 49-Jährige, die seit jeher eine große Leidenschaft für die Vogelfotografie hat, die Tiere. Sie hat für jedes einzelne der derzeit 62 Tiere daheim eine Karteikarte angelegt, hat jedem Papagei einen Namen gegeben und kann sie ziemlich gut unterscheiden. Woran kann sie die einzelnen Tiere erkennen? „Sie haben unterschiedliche Krallen, es gibt Links- und Rechtsfüßer“, antwortet die Fotografin. Aber auch an der Gelbfärbung, am Schnabel und am Flügelbug lassen sich die Tiere gut unterscheiden.

Die richtige Ausrüstung und viel Geduld

Wer Vögel fotografieren will, der muss nicht nur eine gute Ausrüstung mit einem Teleobjektiv von mindestens 500 Millimeter haben, sondern auch viel Geduld. Man muss regungslos stehen und warten können. Man muss, sagt Bianca Hahn, mit der Landschaft verschmelzen. „Es bringt nichts, zu den Vögeln zu gehen, man muss warten, bis sie zu einem kommen.“ Um scharfe Bilder der unruhigen Tiere zu erheischen, so der Tipp der Expertin, sollten die Fotografen auf die Augen der Papageien zielen.

Für die kalten Wintertage ist die Fotografin mit „sehr warmen“ Winterstiefeln und beheizbaren Handschuhen bestens ausgestattet. Morgens sind die Tiere am aktivsten, weshalb die 49-Jährige, die ihr Studio in Kornwestheim seit 2005 hat, auch schon früh aus den Federn kommt. Nach den Morgenritualen machen sich die Tiere auf den Weg zum Rosensteinpark, wo sie den Tag verbringen und wo sie auch ihren Nachwuchs zur Welt bringen. Jedes Paar, weiß Bianca Hahn, hat sein eigenes Brutrevier, das es auch gegen die Artgenossen verteidigt. Zur Futtersuche verlassen die Tiere den Talkessel. In Fellbach hat sie Bianca Hahn schon gesichtet, in Mühlhausen, in Steinhaldenfeld und im Stuttgarter Osten. Nein, bis nach Kornwestheim vor die Tür ihres Studios in der Johannesstraße haben es die Tiere noch nicht geschafft, bedauert die Fotografin.

Die Gelbkopfamazonen leben in einem Radius von fünf Kilometern um den Rosensteinpark. Und der reicht, um Nüsse, Knospen und Früchte zu finden. An manchen Tagen macht sich Bianca Hahn auch am Abend noch einmal auf den Weg nach Stuttgart, um die Papageien vorm Sonnenuntergang zu beobachten. Natürlich hat die Ludwigsburgerin die Papageien schon in allen Lebenslagen fotografiert. Sie weiß über die Tiere nahezu alles – wer mit wem zusammen ist, wer wann Nachwuchs bekommen hat, wer wann verschollen ist. Und trotzdem gelingen ihr immer wieder Bilder, die sie noch nicht geschossen hat. „Mein Highlight 2020 waren drei spielende Amazonen, die Krähen gejagt haben“, erzählt Bianca Hahn.

An spannenden Tagen „3000 bis 4000 Bilder“

Im Laufe der Jahre, die sie nun schon die Gelbkopfamazonen in Stuttgart fotografiert, hat sie eine sechsstellige Zahl von Fotos geschossen. „An spannenden Tagen“, erzählt Bianca Hahn, „mache ich 3000 bis 4000 Bilder.“ Logisch: Die archiviert die Ludwigsburgerin nicht alle, sondern nur ein kleiner Teil wird verwahrt. Und ein ganz kleiner Teil von dem kleinen Teil ist in eine Homepage und in ein Buchprojekt (zu bestellen über bianca@stuttgarter-amazonen.de) gemündet.

Auf der Homepage finden sich auch Fotos von Gelbkopfamazonen, die in dem mittelamerikanischen Staat Belize leben. Dorthin hat sich Bianca Hahn, die daheim selbst zwei Papageien – Blaustirnamazonen – hat, vor zwei Jahren auf den Weg gemacht, um die Tiere in ihrer ursprünglichen Heimat zu erleben. Eine der vielen Erkenntnisse: Eigentlich haben es die Tiere in Stuttgart gar nicht so schlecht. Keine Wilderer, keine Schlangen und Marder, die die Nester räubern. Und dafür gibt’s eine aufmerksame Beobachterin, die die Gelbkopfamazonen Morgen für Morgen mit der Kamera begrüßt.

 
 

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