Kornwestheim Nicht aufregen, sondern aufheben

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Die 43-Jährige und ihr Partner dokumentieren mit Fotos die Ergebnisse ihrer „Sammelleidenschaft“. Foto: z

Kornwestheim - Nein, mit einer griesgrämigen Blockwartin, die ihre Mitmenschen gängelt und zurechtweist, hat die 43-Jährige nun wirklich nichts gemein. Sie ist lebenslustig und humorvoll, sie wirkt unbeschwert und optimistisch, sie regt sich nicht auf, sondern hebt auf – und zwar den Müll, den andere fallen lassen. Ein halbes Jahr tut die Sauberfee, wie Passanten sie getauft haben, das nun schon. Das kleine Jubiläum hat sie dieser Tage zusammen mit ihrem Lebensgefährten und Hund Eddy gefeiert. Dazu hat sie sich in Abendgarderobe geworfen und unter Sitzbänken Zigarettenkippen und Dosenverschlüsse aufgelesen, wie sie erzählt. Was beweist: Eine gehörige Portion Selbstironie hat die Frau aus dem Kornwestheimer Süden zudem. Aber das ist ja auch an der Aufschrift ihres T-Shirts zu erkennen: „Nein, ich leiste keine Sozialstunden ab! Ich sammle den Müll freiwillig auf.“ Ja, sie ist übrigens auch die Frau, die im Stotzgebiet die Kippendosen aufgehängt hat, auf dass die Raucher die Reste ihrer Zigarette nicht einfach auf den Boden schnipsen, sondern in den Blechbehältern entsorgen. „Das wird super angenommen“, freut sie sich. „Ich bin stolz auf die Leute.“

Warum tut die 43-Jährige, die darum bittet, das ihr Namen nicht veröffentlicht wird, all das? Weil sie die Stadt liebe, in der sie lebe, antwortet sie, weil sie nicht wolle, dass es überall vermüllt aussehe und weil der Müll die Natur gefährde. Gut, aber sehen wir das nicht fast alle so? Deshalb gleich den Müll auflesen, den andere achtlos fallen lassen? „Soll das alles die Stadt machen?“, antwortet die 43-Jährige mit einer Gegenfrage. Das könne der Bauhof doch gar nicht leisten. Aber warum regt sie sich nicht wenigstens über all die Müllsünder auf? „Wenn es so weit kommt, müsste ich aufhören.“

Wenn die Kornwestheimerin, die nach eigenem Bekunden einem normalen Beruf nachgeht, der nichts mit Müll zu tun hat, mit Hund Eddy Gassi geht, dann hat sie ihr Equipment immer dabei: Greifer, Eimer, Plastiktüten und Handy, mit dem sie die Ergebnisse ihrer Sammelleidenschaft dokumentiert und bei Instagram (unrat.exxe) postet. Zigarettenkippen, Dosen, Aludeckel, leere Eisbecher, Windeln, Feuchttücher – alles sammelt die 43-Jährige auf. Stolz verweist sie auf eine Säckchen mit winzig kleinen Plastikteilchen: Reste einer Wasserbombenschlacht im Brunnen an der Wolfgang-Amadeus-Mozart-Straße. Vorm Rewe an der Stuttgarter Straße hat sie in den Rinnen einmal 3400 Kippen aufgelesen. „Das“, sagt die Kornwestheimerin, „ist zwar nicht mein Müll, aber mein Planet.“

Viele Menschen im Stotzgebiet kennen die 43-Jährige, winken ihr zu, suchen das Gespräch. Sie erhalte viele lobende Worte – auch von solchen Menschen, die ihren Müll gerade erst entsorgt haben, den die „Sauberfee“ dann wieder aufhebt. Die seien dann häufig erstaunt, dass nicht die Stadt sauber mache, sondern eine „ganz normale“ Spaziergängerin mit kleinem Hund. Ein „Klient“, wie die Kornwestheimerin die Müllsünder in ihrem Jargon bezeichnet, habe ihr sogar eine in Plastik gegossene Zigarettenkippe als Kette geschenkt. Sie empfinde das als große Wertschätzung, sagt die Sauberfee.

„Plogging“ nennt sich unter jungen Leuten das, was die Kornwestheimerin da betreibt – zusammengesetzt aus dem schwedischen Wort plocka (aufheben) und Jogging. Über ihren Instagram-Account hat die 43-Jährige zusammen mit ihrem Lebensgefährten auch schon andere Menschen kennengelernt, die ebenfalls dieser Leidenschaft frönen. Jüngst haben sie sich mit einem Paar aus Mühldorf getroffen und ihre Erfahrungen ausgetauscht. Die Gäste aus Bayern dürfen (Achtung, Stadt Kornwestheim, ein Wink mit dem Zaunpfahl) städtische Container benutzen, um die Müllsammlung abzuliefern und bekommen auch Plastiksäcke gestellt. Die 43-Jährige selbst stopft das, was sie aufgelesen hat, in die öffentlichen Mülleimer.

Andere Menschen zum Nachahmen zu bewegen, das ist nicht das Ziel der 43-Jährigen. Sie tut’s aus eigenem Antrieb heraus, wie ihr Lebenspartner berichtet. „Aber wenn jeder drei Teile am Tag aufheben würde, wäre es auch schön“, sagt die Kornwestheimerin, greift zum Eimer und zieht gut gelaunt weiter.