Kornwestheim Nicht mehr aus Kornwestheim wegzudenken

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Elisa Beatrice S Foto: Anne Rheingans

Kornwestheim - Mit nur einem Koffer in der Hand kommt Elisa Beatrice Soi am Stuttgarter Hauptbahnhof an. Sie spricht kein Deutsch. Niemand erwartet sie und nimmt sie in Empfang, denn mit ihrem Besuch will sie ihren Mann Giovanni überraschen.

Das alles ist inzwischen 60 Jahre her, denn Elisa Beatrice Soi war eine der ersten Gastarbeiterinnen in der Region. Inzwischen ist die gebürtige Italienerin aus Kornwestheim nicht mehr wegzudenken.

Dabei ist ihre heutige Heimat nicht die erste Station in Deutschland. Ihr Mann arbeitet im Sommer 1960 auf einer Hühnerfarm in einem Stadtteil von Sinsheim. Und dort findet Elisa Beatrice Soi, die mittlerweile 82 Jahre alt ist und aus dem kleinen Dorf Ruinas in Sardinien stammt, ebenfalls eine Anstellung. Tagsüber arbeitet sie in einem Laden und verkauft Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Nebenbei und in ihrer Freizeit lernt sie fleißig Deutsch.

Geheiratet hat das Paar bereits 1959, nachdem Giovanni Soi mehrere Jahre in einer Mine in Belgien geschuftet hatte, um das Geld für die Hochzeit zu verdienen. Ein Aufruf aus Deutschland, wo damals Gastarbeiter gesucht werden, bringt den Italiener nach Baden-Württemberg.

Seine Frau muss zunächst in Sardinien zurückbleiben, bekommt aber 1960 die Genehmigung, nach Deutschland zu reisen. Über Bekannte kommen die beiden Sarden 1963 dann nach Kornwestheim, nachdem sie zuvor kurze Zeit in Freiburg lebten und dort in einer Strumpffabrik ihr Geld verdienten. Der erste Eindruck in der neuen Heimat ist gut. „Es hat mir gleich gefallen. Ich wollte direkt bleiben“, erinnert sich Elisa Beatrice Soi an ihre Anfangszeit in Kornwestheim. Bis Anfang der 1970er Jahre ist die Italienerin bei Salamander beschäftigt. Neben der Akkordarbeit ist sie dort als Dolmetscherin gefragt, weil sie ihre Deutschkenntnisse rasch verbessert hat.

Nicht nur bei ihren Landsleuten, sondern auch bei den anderen Gastarbeitern wird sie im Laufe der Jahre als Ansprechpartnerin und Vermittlerin geschätzt. Viele Kontakte knüpft sie auch, als sie nicht mehr bei Salamander tätig ist. Als Verkäuferin in einem Laden für italienische Spezialitäten, bei einer Metzgerei im ehemaligen Schöller-Kaufhaus und im Anschluss in einem Lebensmittelmarkt lernt sie viele Leute kennen und wird in der Stadt bekannt. Sie genießt die Gespräche und ist gerne unter Menschen.

Auch nach dem Tod ihres Mann im Jahr 2001 zieht sich Elisa Beatrice Soi nicht zurück. Sie nimmt rege am gesellschaftlichen Leben teil, ist Mitglied der katholischen Kirchengemeinde und pflegt viele Bekanntschaften in der Stadt, erinnert sich Sohn Sergio Soi.

Erst in den vergangenen Monaten ist es ruhiger um die Seniorin geworden. Zwar ist die 82-Jährige immer noch so fit, dass sie sich selbst versorgt. Mittlerweile steht ihr allerdings nicht mehr der Sinn danach, ihre Wohnung in der Holzgrundstraße oft zu verlassen, sagt sie. Auch die Besuche in Sardinien, wo die Familie ein Haus hat, sind ihr nun – anders als früher – zu beschwerlich geworden. Auf dem Laufenden, was vor der Tür und in der Welt passiert, hält sie sich aber trotzdem. „Ich schaue fernsehen und lese immer die Zeitung“, sagt sie.

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