Kornwestheim Reisen: eine Branche in der Krise

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So leer wie die Strände waren in den vergangenen anderthalb Jahren auch die Reisebüros. Foto: dpa/Christian Charisius

Kornwestheim - Im vergangenen Jahr hat Josef Ulmer nur Ausgaben gehabt und keinen Umsatz generiert. „Es sind keine Leute mehr gekommen“, sagt der ehemalige Besitzer des Büros Relax Reisen in der Nähe des Kornwestheimer Bahnhofs. Nach 30 Jahren an diesem Standort hat er sein Geschäft im Frühjahr aufgegeben.

Josef Ulmer war spezialisiert auf Seereisen und Urlaube in Asien und Amerika. „Ich war schon überall und konnte gut Auskunft geben“, sagt er. Das Geschäft hat ihm so Spaß gemacht, dass er bis ins hohe Alter dabei war. „Ich bin sowieso schon im Rentenalter, aber ich hätte natürlich noch weitergemacht“ – wenn Corona nicht gewesen wäre, sagt der 82-Jährige. Eigentlich hat er sich den Übergang in seinen Ruhestand anders vorgestellt. Den Laden hätte er gern verkauft. „Aber ohne Umsatz übernimmt das ja niemand“, sagt er. Und es war nicht das Geld allein, das Josef Ulmer zur Geschäftsaufgabe gedrängt hat: „Die Leute haben immer wieder angefragt und dann doch storniert, da habe ich einfach keine Lust mehr gehabt“, sagt er.

Das Kornwestheimer Büro Relax Reisen ist eines von vielen, die wegen der Pandemie zugemacht haben. „Wir können nicht alle retten“, sagt Marija Linnhoff vom Bundesverband unabhängiger selbstständiger Reisebüros. Der Verband vertritt rund 7000 Reisebüros in Deutschland. Vor der Pandemie waren es nur etwa 3000. Die Unternehmer suchen Rückhalt, einen Ansprechpartner, einen Vertreter. „Zu Beginn der Krise habe ich Anrufe von Leuten bekommen, die wirklich suizidgefährdet waren“, erzählt Linnhoff, „es wurde ihnen ja plötzlich die Existenzgrundlage entzogen.“ Sie spricht von einer Mammut-Krise, in der die gesamte Reisebranche steckt.

Zur Branche gehört auch die DNV Touristik aus Kornwestheim, die kein klassisches Reisebüro ist, sondern ein Reiseveranstalter für Zug-, Rad-, Schiffs- und Erlebnisreisen. „Wir sind in einer sehr speziellen Situation, weil unsere Zielgruppe nicht die klassischen Urlauber sind“, sagt die Vertriebsleiterin Birgit Liebe. Die Sommerferien zum Beispiel seien für sie nicht interessant. Dafür spielt sich im Frühjahr vieles ab – in diesem Jahr ist das freilich ausgefallen. „Wir haben keine Chance, das aufzuholen“, sagt sie.

Das Problem speziell bei DNV Touristik: Die Reisen müssen weit im Voraus geplant werden. „Wenn wir einen Zug mit 100 Leuten durch mehrere Länder schicken, braucht das viel Vorlaufzeit“, sagt Birgit Liebe. Diese Planungssicherheit biete die Coronakrise einfach nicht. „Vor ein paar Monaten hat die Nachfrage von heute auf morgen ganz stark zugenommen, aber das ist jetzt schon seit einigen Wochen wieder vorbei“, sagt sie. Das Unternehmen habe trotzdem keine Mitarbeiter entlassen müssen. Kurzarbeit gibt es, aber keine Existenzangst. „Wir haben ein Alleinstellungsmerkmal mit unseren Reisen und sind seit 40 Jahren gut am Markt“, sagt Birgit Liebe.

Marija Linnhoff vom Verband unabhängiger selbstständiger Reisebüros erzählt, dass sich auch die meisten Reisebüros durch die Krise gekämpft haben. „Sie haben einmal mehr bewiesen, dass sie systemrelevant sind“, sagt sie. Kunden wollen demnach vor allem in Krisenzeiten einen verlässlichen Ansprechpartner – den finden sie online selten. „Es haben mehr Reisebüros überlebt als prophezeit“, sagt Linnhoff. Zu dieser Aussage gehört ein großes Aber: Laut Marija Linnhoff gab es im Juni einen kleinen Aufwind, einen „Run“ auf Urlaub. „Das wird gerade aber wieder zunichte gemacht“, sagt sie. Das Problem sei das ständige Auf und Ab, die Unsicherheit in der Planung. Langfristig werden Reisebüros das nicht überleben. „Jetzt gibt es noch Überbrückungshilfen und Kurzarbeit“, sagt Linnhoff, „aber wenn wieder Normalität eintritt, wird es spätestens im Februar oder März eine große Pleitewelle geben.“

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