Kornwestheim Richter: „Das ist für uns alle nicht einfach“

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Vorm Landgericht in Stuttgart wird gegen die 47-jährige Frau verhandelt. Foto: dpa

Kornwestheim - Wenn Familien im Gerichtssaal aufeinandertreffen, sind oft Emotionen mit im Spiel. So war es auch am Mittwochnachmittag vor der neunten Schwurgerichtskammer des Landgerichtes. Dort wird der Fall einer 47 Jahre alten Kornwestheimerin verhandelt, die versucht haben soll, ihren Sohn zu töten. Sie ist wegen versuchten Mordes und Misshandlung angeklagt.

Der Vater der Angeklagten sagte aus, was ihm sichtlich schwerfiel. Er berichtete davon, wie ihn seine andere Tochter an jenem Morgen des 25. Novembers im vergangenen Jahr anrief und sagte: „Es ist etwas Furchtbares passiert.“ Die Angeklagte habe versucht, sich und ihren Sohn umzubringen, erinnerte sich der Mann an die an ihn gerichteten Worte. Von den Richtern zum Verhältnis seiner Tochter zu dem zwölf Jahre alten Jungen befragt, sagte er: „Sie war eine richtige Mutter.“ Dass es ihr in den zwei Wochen vor der Tat psychisch schlecht gegangen sei, habe er nicht erfahren, obgleich er wusste, dass seine Tochter schon nach der Geburt Probleme mit postnatalen Depressionen hatte. Indes sei er froh, dass er, der Großvater, den Jungen wieder regelmäßig sehen dürfe. Zum Schluss der Vernehmung kam dem 72-Jährigen noch ein Schluchzen über die Lippen. Richter Jörg Geiger zeigte Mitgefühl: „Das ist für uns alle nicht einfach.“

Mit Fingerspitzengefühl führt der Richter durch den Prozess. Die Aussage des von der Frau getrennten Ehemannes und Vater des Kindes, der als Zeuge vor Gericht auftrat, wurde am frühen Nachmittag unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorgenommen. Am Vormittag indes war der Prozess vollständig öffentlich und die Prozessbeteiligten setzten sich mit einer Menge Beweismaterial auseinander. Mehrere Polizeibeamte bestätigten im Großen und Ganzen den Ablauf der Ereignisse in der Weststadt, wie die Anklageschrift ihn darlegt. An dem Sonntag soll die Angeklagte demnach zu ihrem schlafenden Sohn gegangen sein, ein Cuttermesser zur Hand. Sie verletzte den Jungen wohl am Hals. Er wachte allerdings auf, wehrte sich gegen die Stiche und flüchtete zu den Nachbarn. Diese verbanden den damals Elfjährigen und gingen danach zur Angeklagten ins Nachbarhaus, die sie ebenfalls versorgten, bis Polizei und Notärztin eintrafen.

Die Polizisten steuerten vor allem Details bei, auch Fotos begutachtete das Gericht. Demnach waren im Haus fast überall Blutspritzer zu finden – außer im Keller des Hauses, wo das Ehepaar einen Versandhandel für Filme betrieb, und im Zimmer des Jungen. Es scheint daher so zu sein, dass der zum Zeitpunkt des Angriffs im Bett der Mutter schlief. Eine besonders große Blutlache fand sich in der Badewanne. Dort, so die Vermutung, soll die Mutter sich mit einem Küchenmesser die Pulsadern aufgeschnitten haben.

Ein 50 Jahre alter Polizeibeamter aus Kornwestheim, einer der ersten am Tatort, sagte, er habe die Frau gefragt, ob sie sich umbringen wolle. Sie habe mit „Ja“ geantwortet und seine nächste Frage „Das Kind auch?“ ebenfalls bejaht. Die Strafverteidigerin der Angeklagten kritisierte, die Polizei habe ihre Mandantin in dieser Situation zuerst Fragen gestellt und erst dann über ihr Aussageverweigerungsrecht informiert.

Auch einen Chatverlauf zwischen dem Vater und dem Schwiegervater nahmen die Prozessbeteiligten in Augenschein sowie eine Videoaufnahme einer Vernehmung des Jungen im März. Darin wirkt der Zwölfjährige gefasst und schildert ausführlich die Ereignisse aus seiner Sicht. Seine Mutter wolle er aber nicht mehr „Mama“ nennen, sagte er damals dem Beamten, sondern nur noch mit ihrem Vornamen. Der Prozess wird am 3. Juni fortgesetzt.

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